Kinder im Vollrausch

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Mühldorf - In Berlin trank sich ein 16-Jähriger nach 45 Tequila in den Tod, im türkischen Antalya starb ein deutscher Schüler mit über sieben Promille Alkohol im Blut. Das Phänomen Komasaufen greift um sich - auch im Landkreis Mühldorf.

Wenn größere Feste wie das Mühldorfer Stadtfest anstehen, weiß Marianne Mühlberger, was die Stunde geschlagen hat. Als leitende Pflegerin der Notaufnahme im Kreiskrankenhaus teilt sie die Wochenendschicht dementsprechend ein - jüngere, kräftige Männer stehen dann für die Nacht von Samstag auf Sonntag auf dem Dienstplan. Zudem stockt sie das Team um eine Person auf. Zu sommerlichen Festzeiten hat das Personal der Notaufnahme nämlich viel zu ertragen. Minderjährige mit Alkoholvergiftung sind laut Mühlberger ein "schwieriges Pflegegut". Im Regelfall bringen - meist ebenfalls volltrunkene - Freunde oder der Rettungsdienst die Jugendlichen ins Krankenhaus. Wenn die Ärzte die komatösen Patienten in Empfang nehmen, sind sie kaum ansprechbar, können sich kaum mehr bewegen, brechen und urinieren unkontrolliert. Später schlagen sie um sich und beschimpfen das Personal. "Pfleger, die das zum ersten Mal erleben, sind schockiert, es ist eine Riesen-Sauerei", sagt Mühlberger.

Rund 1000 Euro kostet laut Dr. Hans-Ulrich Kain die stationäre Behandlung eines Jugendlichen mit Alkoholvergiftung. Unumwunden gibt der Mediziner zu, einen gewissen Widerwillen zu verspüren, diesen Kranken zu helfen. "Klar, das ist unangenehm, lästig, irgendwie die nicht so attraktive Seite des Helfens." Gerade bei den sogenannten Wiederkehrern sei der betriebene Aufwand "für die Katz'." So verfolgt das Klinikpersonal die Alkoholkarriere einer mittlerweile 16-Jährigen seit drei Jahren. Immer wieder wurde das Mädchen mit verschiedenen Vergiftungsstufen in das Krankenhaus eingeliefert.

Überhaupt: "Die Mädchen haben aufgeholt", erklärt Sonja Ober vom Sozialdienst des Krankenhauses. So teilten sich die Fälle alkoholvergifteter Jugendlicher gleichmäßig auf beide Geschlechter auf. Auch stammten die Kinder aus allen gesellschaftlichen Schichten. Die Frage, die nicht nur die Verantwortlichen des Kreiskrankenhauses umtreibt, ist derzeit die nach der Ursache für den exzessiven und unkontrollierten Alkoholkonsum Jugendlicher. Paul Freudenstein, Leiter der Caritas-Suchtberatung, sieht ein "Bündel von Gründen". Auch Sonja Ober will an eine Ursache allein nicht glauben. Leistungs- und Gruppendruck, ausreichend Taschengeld und - vor allem für die Mädchen wichtig - das große Angebot harter, aber dennoch wohlschmeckender Alkoholika führten in ihren Augen zum neuen Jugend-Sport "Komasaufen".

Da offensichtlich cool ist, wer möglichst viel trinkt, landen nur wenige der in der Notaufnahme Behandelten bei den staatlichen Suchtberatungsstellen. Im Jahr 2008 meldeten sich lediglich zehn Jugendliche nach überstandener Alkoholvergiftung beim Gesundheitsamt für ein Gespräch. In die Suchtberatung der Caritas kommen nur diejenigen, die straffällig geworden und vom Gericht zu einer Alkoholtherapie verurteilt worden waren. "Im letzten Jahr hatten wir 15 Klienten unter 18 Jahren", sagt Freudenstein. "Dennoch machen sich die Jugendlichen über das Thema Gedanken", weiß der Redemptoristen-Pater Bartl Flörchinger aus Gars. Der 68-Jährige hat laut eigener Aussage zwar "nie Komasaufen gemacht", aber dennoch eine jahrelange Alkoholikerkarriere hinter sich. Seit seiner Therapie engagiert er sich im Präventionskreis des Gesundheitsamtes und in Selbsthilfegruppen. An Schulen hält er Vorträge über die Gefahren des Alkohols.

"Sie wissen, dass es nicht richtig ist, aber sie suchen die Enthemmung", glaubt Flörchinger. Ihm gegenüber trauten sich die Jugendlichen über ihre Trinkgewohnheiten zu sprechen. Demnach werde schon vor dem eigentlichen Weggehen "vorgeglüht". Im Kofferraum oder Rucksack würden dann die harten Getränke mit zu Parties oder zur Disco transportiert. Trinkspiele wie das sogenannte Trichtern sollen die Wirkung verstärken. Gerade die Mädchen wollten da beweisen: "Wir sind nicht schwächer als die Buben!" Wie schwach der Körper eines Jugendlichen aber tatsächlich ist, würde Dr. Kain den Jugendlichen gerne erklären. Doch trockene Informationen - etwa, dass dauerhafter Alkoholkonsum die Lebenserwartung um 20 Jahre senkt - interessiert die Betroffenen eher weniger, bestätigt auch Suchtberater Freudenstein. Abschreckender sind die Erlebnisberichte des Paters Flörchinger: Seiner Sucht hat er eine Stoffwechselkrankheit namens Polyneuropathie zu verdanken. Oder, einfacher formuliert: Ihm mussten zwei Zehen amputiert werden, sie waren ihm abgestorben.

zip/Mühldorfer Anzeiger 

Rubriklistenbild: © dpa

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