Katharinas Tod half Menschen

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Organspender retten Leben.

Ampfing - Einmal den Mann zu treffen, in dessen Brust Katharinas Herz schlägt, das ist der größte Wunsch von Gabi Kunz. 16 Jahre ist es her, dass ihre 18-jährige Tochter, bei einem Autounfall ums Leben kam, die Familie entschied, ihre Organe für die Transplantation freizugeben.

Das war Katharinas Wunsch sagen sie. Und sie haben kein einziges Mal mit der Entscheidung gehadert, im Gegenteil, sie wollen auch anderen die Angst vor der Organspende nehmen: "Organspende rettet Leben", sagen sie.

Sonntagsfrühstück bei Familie Kunz, irgendwann im November 1994, die jüngste Tochter Katharina hat eben den Führerschein bestanden, und sich, wie ihre älteren Schwestern Brigitte und Regina, sofort einen Organspendeausweis ausstellen lassen. Jetzt wird heiß debattiert, Vater Lothar Kunz ist gegen die Entscheidung seiner Tochter. Die Ärzte bemühen sich dann nicht mehr, meint er, sie wollen die Organe und lassen dich sterben. Katharina hält dagegen, sie will mit ihren Organen Leben retten, Gutes tun.

Zwei Wochen später, der letzte Buß- und Bettag, der ein Feiertag war, ein Mittwoch im November 1994. Um 10 Uhr klingelt es an der Haustür der Familie Kunz in Ampfing. Gerade hatte Katharina das Haus verlassen, mit dem Familienauto hat sie sich auf den Weg zum Reitstall gemacht. "Ich komme Mittag wieder", hatte sie gesagt, erinnert sich ihre Mutter Gabi Kunz, "wir sollten kochen." Jetzt stehen zwei uniformierte Polizisten vor der Tür: Katharina hatte einen schweren Unfall, seitlich ist das Auto gegen einen Baum geprallt, sie ist mit dem Hubschrauber auf dem Weg in eine Münchner Klinik.

Noch heute fällt es Mutter und Vater schwer, sich an den Anblick ihrer schwerverletzten Tochter im Bett der Intensivstation zu erinnern, die Schädeldecke zertrümmert, Luftröhrenschnitt, das Gesicht verschwollen, 24 Blutkonserven in 20 Stunden - immer wieder schlagen die Instrumente Alarm, hektisch bringen die Ärzte und Pfleger Katharina aus dem Zimmer, wieder in den OP, wieder und wieder. "Die Ärzte haben sich sehr gekümmert, sie sind ständig gerannt, waren wirklich besorgt", erzählt Lothar Kunz. Diese Fürsorge nimmt dem Vater die Angst. Katharinas Zustand verschlechtert sich zusehends. Ein Arzt spricht die Eltern an. "Er hat rumgedruckst", erinnert sich Gabi Kunz. Ohne zu zögern sagt Lothar Kunz: "Wir geben sie frei." Einen Tag später ist Katharina tot.

Das Herz bekommt ein 21-jähriger Mann aus Berlin, die Nieren eine Mutter von drei Kindern aus der Oberpfalz, die Leber ist in München geblieben. "Wir haben nach fünf Jahren einen Brief geschrieben", erzählt Gabi Kunz. Einen Brief an die Organempfänger, dass sie ihr Kind gern gehabt haben, aber auch gerne die Organe gespendet haben. "Vor allem wer das Herz bekommen hat, würde mich interessieren", sagt Gabi Kunz. Bis heute, elf Jahre später kam keine Reaktion. Aber auch dafür haben sie Verständnis. "Für den Empfänger ist es noch schwerer", meint Lothar Kunz, "für ihn ist ein Mensch gestorben, irgendwie."

An ihrer Entscheidung gezweifelt aber haben Katharinas Eltern nie. "Durch die Organspende war der Tod nicht so sinnlos", sagt Gabi Kunz. "Ich habe mich eigentlich nie gefragt, warum sie, das war ihr einfach aufgesetzt." Und Katharina sei ihr ganzes Leben sozial eingestellt gewesen, erzählt ihre ältere Schwester Brigitte. Sie haben mit der Organspende Katharinas Wunsch erfüllt, ist sich die Familie sicher.

Wichtig sei, sich früh Gedanken zu machen, und im Familienkreis auch über dieses Thema zu sprechen, rät Gabi Kunz. "Damit man nicht erst dann, wenn man den Tod zu verarbeiten hat, diese Entscheidung auch noch treffen muss." In Deutschland mangle es an Aufklärung, kritisiert sie. "Dieses Thema muss an Schrecken verlieren", sagt auch Lothar Kunz, die Ärzte haben für seine Tochter alles getan - trotz Organspendeausweis.

nl/Mühldorfer Anzeiger

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