Kabarett hinter "schwedischen Gardinen"

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Geschlossene Gesellschaft: Kabarettist Wolfgang Berger alias „Der Fälscher“ und Gitarrist Felix Trager bei ihrem ersten Auftritt in einem Gefängnis.

Mühldorf - Auch im Knast versteht man Spaß: Einmal im Jahr wird die Fertigungshalle der Justizvollzugsanstalt Mühldorf zur Kabarett- oder Theaterbühne.

Am Mittwoch unterhielt dort Wolfgang Berger rund 40 Häftlinge. Das passte wie die Faust aufs Auge: Denn Bergers Künstlername ist „Der Fälscher“. Viel zu lachen gibt es selten hinter Gittern. Besonders so kurz vor Weihnachten. „Das drückt natürlich auf die Stimmung“, weiß Anstaltsleiter Hans-Jürgen Luginger. Rund 55 der 75 Insassen werden den Heiligen Abend im Gefängnis verbringen, immerhin das Essen verspricht etwas Abwechslung im Zellenalltag: Hirschgulasch, Sauerbraten und ein halbes Hendl stehen an den Feiertagen auf dem Speiseplan.

Beinahe hätten die Häftling noch einen Extra-Kuchen bekommen. „Jedem einzelnen von Euch habe ich einen gebacken. Sogar mit einer Feile drin“, grinst Wolfgang Berger. „Aber der Chef hatte was dagegen, jetzt muss er sie eben alle selber essen.“ Seine vorbestraften Zuhörer nehmen den ersten Scherz des „Fälschers“ mit Humor, das Eis ist schnell gebrochen.

Je länger Berger an diesem Vormittag leichte Kabarettkost serviert, je mehr er über Schwiegermütter lästert, über Frauen sinniert oder über Sauerkraut am Zungenpiercing nachdenkt, desto gelöster wird die Stimmung. Dabei verlangt er seinem Publikum in Anstaltskleidung bisweilen jede Menge Fantasie ab. Wenn der 40-Jährige zum Beispiel von „grünen Palmen, weißem Sand und einer junge Griechin an der Hand“ singt, braucht es angesichts der vergitterten Fenster und der Überwachungskameras im Hof tatsächlich eine gesunde Portion Vorstellungskraft. Aber auch an diesem Ort gilt: Die Gedanken sind frei.

Der Kabarettvormittag, den Felix Trager an der Gitarre musikalisch begleitet, ist keine Pflichtveranstaltung. „Wer nicht will, muss natürlich nicht. Das ist wie draußen“, sagt Luginger. Immerhin: Knapp 40 von 75 sind gekommen. Eingeladen hat zu der geschlossenen Gesellschaft Dirk Bäumler, der seit mehreren Jahren als Ehrenamtlicher in der JVA Häftlinge betreut. Sein Münchner Unternehmen spendiert den Auftritt, genauso wie das Gastspiel von Schauspieler Peter Nüesch vor zwei Jahren. „Es ist mein ganz persönliches Weihnachtsgeschenk an die Häftlinge“, erklärt Bäumler. „Verbunden mit der Hoffnung, dass ein wenig Freude und Zuversicht hängen bleibt.“

Das tut es, zweifellos. Denn Wolfgang Berger bringt die Männer zum Lachen, Schnippen und Mitsingen: „Papa, Du bist so peinlich“, brummen schließlich alle gemeinsam. Doch letztlich kann niemand aus seiner Haut. Was denn der schlimmste Tag im Leben eines Mannes sei, will der Kabarettist aus Wittibreut von seinem Publikum wissen. Weltfrauentag? Muttertag? „Falsch“, sagt einer. „Der Tag, an dem Du in den Knast kommst“.

ha/Mühldorfer-Anzeiger

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