Jenseits von Afrika

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Mühldorf - Zwei katholische Landjugendliche aus dem Senegal besuchen derzeit den Landkreis Mühldorf. Untergebracht sind sie bei Hans Reichl in Schafdorn.

Neben dem Kennenlernen von Land und Leuten wollen sich die Besucher aus Afrika vor allem über die hiesige Landwirtschaft informieren.

Grundsätzlich finden sie es sehr "agréable", also angenehm, in Bayern, erklären Delphine (21) und Thomas (36). Nur mit den Temperaturen hier kommen sie nicht zurecht: Während die Deutschen die letzten Sommertage noch mit kurzen Hosen, Röcken und Shirts genießen, vergießt die junge Senegalesin mit Stricksocken, dicken Schuhen, T-Shirt und Pullover bekleidet selbst in der prallen Sonne keinen Schweißtropfen, im Gegenteil. In Ziguinchor, ihrer Heimat im Süden des Senegal, herrscht derzeit die heißeste Periode des Jahres, die Temperaturen purzeln da selten unter die 40-Grad-Grenze. Kein Wunder, dass es sie im fernen Mitteleuropa fröstelt.

Senegal liegt im Westen Afrikas und gehört zu den ärmsten Staaten der Welt. Rund 94 Prozent der knapp zwölf Millionen Einwohner sind Muslime. Fünf Prozent gehören dagegen der katholischen Kirche an. Ähnlich wie in Deutschland sind viele der jugendlichen Christen in Gemeinschaften organisiert. Das senegalesiche Pendant zur Katholischen Landjugendbewegung (KLJB) ist die Union des Jeunesses Rurales Catholiques du Sénégal (UJRCS). Seit 60 Jahren gibt es eine Partnerschaft zwischen der bayerischen und der senegalesischen Landjugend, regelmäßige Besuche untermauern die Freundschaft.

Dank Zuschüssen der KLJB und des Entwicklungshilfeministeriums sind seit Anfang des Monats sechs Jugendliche aus dem Senegal zu Besuch in Bayern. Unter dem Titel "workcamp" wohnen zwei bei einem Winzereibetrieb in Franken, zwei besuchen einen Milchviehbetrieb in Niederbayern und zwei, eben Delphine und Thomas, informieren sich bei Hans Reichl in Schafdorn über die hiesige Landwirtschaft. Nächste Woche geht es weiter zu einer "Partnerschafts- und Studienwoche" in einem mittelfränkischen Landjugendhaus, den krönenden Abschluss des Tripps bildet dann noch ein dreitägiger Ausflug nach München - inklusive einem Besuch am Oktoberfest.

Einen Vorgeschmack auf diese "Fête de la Bière" haben Thomas und Delphine bereits in Mühldorf bekommen, beim Besuch des Mühldorfer Volksfests. Delphine fuhr das erste Mal in ihrem Leben mit einem Karussell: "Ich hatte zunächst Angst, aber es war lustig", erklärt die schüchterne junge Frau im Rückblick.

Amtssprache im Senegal ist französisch, Englisch sprechen nur die wenigsten. Um sich in Deutschland verständigen zu können, werden die beiden daher von Evelyn Zehnder begleitet. Die 20-jährige Sonderpädagogikstudentin aus der Nähe von Würzburg ist seit Jahren KLJB-Mitglied und fungiert als Ansprechpartnerin und Übersetzerin sowohl für die Gäste als auch die Gastgeber.

Mit Zehnders Unterstützung erklären die beiden allen Interessierten ihre Arbeit vor Ort. Im Gegensatz zu den deutschen Landjugenden ist das Engagement der senegalesischen KLJB-ler fast ausschließlich gesellschaftspolitisch motiviert: Die jungen Menschen klären auf über Umweltschutz, über effektivere Nahrungsmittelverwertung oder Weiterbildungsmöglichkeiten. "Das größte Problem in unserem Land sind das Bildungs- und das Gesundheitssystem", erklärt der Seelsorger Thomas. Den Schulbesuch ihrer vielköpfigen Kinderschar könnten sich nämlich nur die wenigsten leisten, und auch ärztliche Versorgung sei teuer und auf dem Land oft schlicht nicht vorhanden. Tatsächlich beträgt die durchschnittliche Lebenserwartung eines Senegalesen nicht mehr als 60 Jahre.

In Deutschland fasziniert die Besucher vor allem die Organisation, erkärt Begleiterin Evelyn Zehnder. Thomas ergänzt, dass ihn auch die Maschinen und Arbeitstechniken beeindruckten, Delphine scheint von der Fülle der Eindrücke beinahe überfordert. "Delphine schaut die ganze Zeit, sie ist die totale Entdeckerin", lacht Zehnder.

Hans Reichl ist exotischen Besuch gewohnt. In seinem Anwesen in Schafdorn beherbergte der langjährige Referent der KLJB in München bereits Gruppen aus Bolivien oder Bulgarien. Diese Besuche machen ihm immer Spaß, erklärt er. Sie böten die Gelegenheit, "unsere Einstellung zum Leben, zu unserem Wohlstand zu überprüfen. Man lernt, wieder dankbar zu sein."

Aufgrund seiner Erfahrung mit internationalen Besuchern verwunderte es Landwirt Reichl natürlich nicht, dass die zierliche Afrikanerin von der Größe seiner Schweine beeindruckt war. Und weil er auch mit den klimatischen Gewohnheiten der Afrikaner vertraut ist, staffierte er Delphines Zimmer entsprechend aus: "In der Nacht ist ihr so kalt, sie schläft mit vier Decken." zip

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