„Ja, ich gab den Schießbefehl"

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Seit 1990 lebt der ehemalige hochrangige Grenzsoldat Dietmar Gollnick im Landkreis Mühldorf.

Mühldorf - Dietmar Gollnick (45) erlebte den 9. November 1989 am Brandenburger Tor: Gollnick war Oberstleutnant der DDR-Grenztruppen. Heute lebt er im Landkreis Mühldorf. **Zum Special**

Lesen Sie hier den Bericht des Mühldorfer Anzeigers:

„Ja, ich gab den Schießbefehl"

Mühldorf - "Ick wurde jeküsst, umarmt, beschimpft, beschenkt. Dit war unglaublich", erzählte Dietmar Gollnick seinem Publikum in der Stadtbücherei. Als leitender Offizier war er am 9. November zwischen den Säulen des Brandenburger Tores gestanden, westlich und östlich von ihm Tausende erwartungsfrohe Menschen. Sei die DDR-Regierung in den vergangenen Jahrzehnten nicht sparsam mit Weisungen gewesen, habe sie die Grenzsoldaten an jenem Abend im Stich gelassen: "Wir hatten keine Ahnung, wir wussten nüscht." Es habe keinen Funkspruch gegeben, keine Mitteilung. Er habe sich dann nur noch bemüht, dass es in seinem Zuständigkeitsbereich nicht zu Schusswaffengebrauch kam. Allerdings: "Klar, wir haben Wasserwerfer einjesetzt, det jeb ick zu, dazu steh ick."

Der Vortrag des Berliners Dietmar Gollnick im Mühldorfer Kornkasten war zweierlei: einerseits interessant, weil Gollnick aus der Innenperspektive der DDR-Armee berichtete; andererseits zeigte er den Kampf eines Mannes mit seiner eigenen Geschichte. "Ich blicke nur nach vorn, nicht nach hinten", erklärte der ehemalige Karriere-Soladat der DDR. Und: "Was hätte ich denn anderes machen können? Aus der Armee austreten? Ich war gerne Militär, ich stand hinter der Idee des Sozialismus!" Viele junge Menschen, die 1989 noch gar nicht auf der Welt waren, besuchten den Vortrag Gollnicks, den die Mühldorfer VHS organisiert hatte. Natürlich fragten ihn (nicht nur die jungen) Gäste auch nach seiner Stasi-Verstrickung - Gollnicks Antworten darauf waren immer die gleichen: "Davon habe ich nichts gewusst", "ich habe niemanden bespitzelt", "ich habe niemanden verraten".

Gollnick hatte Anfang Januar 1990 die DDR verlassen - er war der erste hochrangige Deserteur der untergehenden Republik. Doch lange währte seine Freude nicht, endlich Westberlin erreicht zu haben: Die Amerikaner nahmen ihn sofort in Schutzhaft. Gegen Bezahlung packte der Genosse Oberstleutnant des Grenzausbildungsregiments 39 aus. Über Flüchtlingslager in Baden-Württemberg gelangte Gollnick schließlich nach Bayern. Mit dem Finger sei er über die Landkarte gefahren, bei Mühldorf stehengeblieben und sich daraufhin sicher gewesen: "Mühldorf, da will ick hin!" Der Absolvent der DDR-Militärakademie hielt er sich mit den unterschiedlichsten Jobs über Wasser: er kellnerte, arbeitete als DJ, Taxifahrer und als Sicherheitsmann. "Das Schlimmste war der menschliche Abstieg, das hat weh getan", erklärte er ergreifend. In Aschau hat Gollnick mittlerweile eine gute Arbeit gefunden. Und seine Überzeugung, dass Bayern und Berliner jut zusammenpassen, findet er mit seiner zweiten Ehefrau nur bestätigt. Seit zwei Jahren arbeite er aktiv seine Vergangenheit auf. Dazu gehört für ihn auch, in aller Öffentlichkeit zu sagen: "Ja, ich gab den Schießbefehl. Ist so, geb ick zu."

Der heute 45-Jährige zeigte im Mühldorfer Kornkasten offen seine innere Zerrissenheit. "Ich glaube an den Sozialismus, das ist eine gute Idee." Andererseits weiß er auch, dass die schöne Theorie in der Praxis einfach nicht funktioniert habe. Die DDR-Jugendorganisationen verglich er auf der einen Seite mit der Hitler-Jugend. Auf der anderen Seite habe er bei den Pionieren und der FDJ eine schöne Kindheit erlebt. "Ich war manipuliert, aber ich hab's nicht anders gekannt", sagte Dietmar Gollnick immer wieder. Das Schlüsselerlebnis, das ihm über das Unrechtssystem der DDR die Augen geöffnet habe, sei am 11. November 1989 passiert. Gollnick schob wieder Dienst an der Mauer, wieder standen Tausende an der Grenze. Ein Mensch in der Menge wollte einem Soldaten auf der Mauer Kaffee anbieten. Ein hoher Politoffizier sagte deshalb zu Gollnick: "Wenn Du erlaubst, dass der Soldat den Kaffee nimmt, dann kannste wat erleben!" Gollnicks Antwort kam prompt: "Wissen Sie, wat Sie mich können?"

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