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Nach dem Abi geht‘s an die Uni

In Mühldorf gehen viele Türen auf: Mohammad kommt als Flüchtling, jetzt macht er Abitur

Mohammad Mohammadi hat am Ruperti-Gymnasium in Mühldorf das Abitur gemacht – nur sechs Jahre, nachdem er auf der Flucht nach nach Deutschland gekommen ist.
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Mohammad Mohammadi hat am Ruperti-Gymnasium in Mühldorf das Abitur gemacht – nur sechs Jahre, nachdem er auf der Flucht nach nach Deutschland gekommen ist.
  • Kirsten Meier
    VonKirsten Meier
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Als Mohammad Mohammadi vor sechs Jahren nach langer Flucht in Mühldorf ankam, konnte er nicht damit rechnen, sechs Jahre später perfekt Deutsch zu sprechen. Und ein gutes Abitur abzulegen.

Mühldorf – Mohammad Mohammadi steht die Freude über sein Abitur am Ruperti-Gymnasium auch noch Wochen nach der Abschlussfeier ins Gesicht geschrieben. Note 2,3, jetzt stehen dem Mühldorfer beruflich viele Türen offen. Im September beginnt er ein Duales BWL-Studium. Danach soll es weitergehen, bis er irgendwann seinen Doktor in der Tasche hat.

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Was nach der normalen Lebensplanung eines Abiturienten klingt, war für Mohammadi so nicht absehbar, als er 2015 nach jahrelanger Flucht in München ankam. Bis dahin kannte seine Familie nur Krieg und Vertreibung – Afghanistan, dann Iran, schließlich Deutschland. „Ich möchte andere Menschen motivieren, etwas aus ihrem Leben zu machen“, sagt er. „Tiefpunkte gibt es immer, aber dann muss man es besser machen. Man darf seine Ziele niemals aus den Augen verlieren.“

Hab und Gut in einem Rucksack

Aufgewachsen ist er im Iran, wohin seine Eltern Aqlima und Hafizullah aus Afghanistan geflohen sind. Dort herrscht seit 1979 Krieg. Die iranische Staatsangehörigkeit erhielt die Familie nie. „Wir sind Sunniten“, sagt der 19-Jährige, „deshalb wurden wir unterdrückt und diskriminiert.“

Wegen Herkunft keine Erlaubnis aufs Gymnasium zu gehen

Er habe als kleiner Junge im Iran die Aufnahmeprüfung für das Gymnasium bestanden. „Wegen meiner Herkunft durfte ich die Schule aber nicht besuchen. Anderen Kinder standen alle Türen offen. Für mich blieben sie verschlossen.“

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Er ging auf die Mittelschule. Dort lernte er, dass die westliche Welt der Feind sei. Er war Staatenlos, weswegen ihm andere wenig Sympathie entgegenbrachten. 2015 entschlossen sich die Mohammadis, ihre Flucht fortzusetzen. Sie kamen in die Türkei. Mohammads kleiner Bruder Ahmad war damals erst wenige Monate alt. Seine Schwester Zahra ein Kleinkind, er und seine große Schwester Negin Kinder. Ihr ganzes Hab und Gut steckte in Rucksäcken.

Die Flucht aus dem Iran begann nachts

Eines Nachts begann ihre Flucht in die westliche Welt, wo sie das zu finden hofften, was sie seit Jahrzehnten suchten: Frieden, Sicherheit und Freiheit. Vier Monate seien sie unterwegs gewesen, sagt Mohammadi, einen großen Teil legten sie zu Fuß zurück. Dass sie irgendwann in Deutschland landen würden, damit hatten sie nicht gerechnet. Als sie im Oktober 2015 in München ankamen, wurden sie in einer großen Flüchtlingsunterkunft untergebracht.

In kürzester Zeit Deutsch gelernt

Heute hat die Familie ein eigenes zu Hause in Mühldorf. Die jüngeren Kinder gehen zur Schule, die Eltern und die erwachsenen Kinder arbeiten. Als die Familie hier ankam, sprach keiner von ihnen Deutsch. Inzwischen beherrschen sie die Sprache. Als echtes Talent erwies sich Mohammad: Er lernte die neue Sprache innerhalb kürzester Zeit und spricht sie inzwischen akzentfrei.

Von Anfang fleißig und wissbegierig

Dieter Lengenfelder unterrichtet am Ruperti-Gymnasium und begleitet Mohammad Mohammadi seit 2016. „Mohammad war von Anfang an sehr fleißig, wissbegierig und motiviert. Er lernte sehr schnell“, erinnert sich Lengenfelder.

Laut dem Lehrer ist Mohammadi einer der ersten Jugendlichen mit Migrationshintergrund, der seit dem großen Flüchtlingszuzug 2015 das Abitur auf dem Ruperti-Gymnasium absolviert hat. „Er hatte es nicht leicht im Leben, aber er ging seinen Weg trotz vieler Schicksalsschläge immer weiter und gab niemals auf. Das ist wirklich sehr beeindruckend“, sagt Lengenfelder. Unterstützung habe er von einer pensionierten Lehrerin, Edith Tauschek, erhalten. Mohammadi ist der 80-Jährigen sehr dankbar. Sie habe ihm viele Türen geöffnet, sagt er strahlend.

Die Zahl jugendlicher Flüchtlinge auf den Landkreis-Gymnasien ist nach Angaben der jeweiligen Schulleitungen überschaubar. So hatten im vergangenen Jahr in Waldkraiburg sieben von 84 Abschlussschülern einen Migrationshintergrund, in Mühldorf waren es drei. Am Gymnasium Gars gab es keine Abiturienten, die nach Deutschland geflohen sind.

Freiheitswerte schätzen gelernt

Trotz der Flucht ist Mohammad stolz auf seine Wurzeln in Afghanistan. Die Eltern hätten den Kindern sehr viele Freiheiten gelassen, ihnen aber auch klare Moralvorstellungen vermittelt. Akzeptanz, Gleichberechtigung, Respekt und Toleranz seien ihre Werte gewesen. Wenn der 19-Jährige darüber spricht, dann auf Deutsch. Seine neue Heimatsprache ist aber nicht die einzige, die er perfekt beherrscht. Dari, die Sprache Afghanistans, Persisch, Arabisch, Türkisch und Englisch können ihm helfen und eine weitere Tür aufstoßen: die in die Welt.

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