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Hunderte Krankenhäuser vor der Pleite - So sieht es für InnKlinikum, Patienten und Mitarbeiter aus 

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Von: Markus Honervogt

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Operation im Krankenhaus Mühldorf: Welche Angebote wird es dort künftig noch geben, wann müssen Patienten in die Nachbarkliniken fahren?
Operation im Krankenhaus Mühldorf: Welche Angebote wird es dort künftig noch geben, wann müssen Patienten in die Nachbarkliniken fahren? © InnKlinikum

Ein Klinikverband schlägt Alarm: Durch die Krankenhausreform von Karl Lauterbach soll ein Drittel der Krankenhäuser in Deutschland bedroht sein. Vor allem kleinere Häuser, vor allem auf dem Land, vor allem in Nordrhein-Westfalen und Bayern. Auch das „InnKlinikum“ Altötting-Mühldorf steckt tief in den roten Zahlen. Geht es pleite?

Mühldorf - Mit einem Defizit von 21 Millionen Euro rechnet die Leitung des „InnKlinikums“ für das vergangene Jahr. Die Gründe für das hohe Defizit sind vielfältig, erläutert Vorstandsvorsitzender Thomas Ewald. Lohnsteigerungen durch die Tarifabschlüsse und die Preisexplosion bei Energiekosten und Medizinprodukten schlagen sich laut Ewald negativ nieder. Darauf will die Klinikleitung schnell reagieren. „Wir werden durch verschiedene Strukturveränderungen gegensteuern.“

Ewald nennt die Auflösung von doppelten Angeboten, die es in mehreren der vier heimischen Krankenhäusern gibt. „Gleichzeitig stellen wir uns auf die zunehmende Ambulantisierung der Gesundheitsversorgung ein.“ Das bedeutet: Immer mehr Menschen sollen nach einer Operation immer schneller wieder entlassen werden. Und schließlich: „Unsere Zukunftspläne sehen die Erschließung neuer Medizinfelder vor und eine generelle Steigerung des Umsatzes. Unser Ziel ist, das Defizit stetig abzubauen.“

Kliniken haben drei große Themen

So sehr die wirtschaftliche Entwicklung auf den Kliniken lastet, so wenig sorgen sich die Verantwortlichen vor einer Pleite. „Eine optimale Patientenversorgung, die Zufriedenheit unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und eine Verbesserung der Wirtschaftlichkeit sind die drei großen Themen, nach denen wir alle unsere Zukunftspläne ausgerichtet haben“, beschreibt Ewald die Themen, die die Kliniken derzeit beherrschen.

Dass eine Pleite nicht das wichtigste Thema ist, liegt an der Rolle der Landkreise als Gesellschafter der Kliniken, wie Mühldorfs Landrat Max Heimerl erklärt, der derzeit Vorsitzender des Verwaltungsrats des Klinikums ist. „Eine wohnortnahe stationäre und ambulante Versorgung ist von überragender Bedeutung für die Bürgerinnen und Bürger unseres Landkreises und der gesamten Region“, sagt er. „Entsprechend ist der Erhalt aller vier Klinikstandorte die zentrale Herausforderung der kommenden Monate und Jahre.“

Landkreis rechnet mit über 11 Millionen Euro Ausgleichszahlung

Jeder der beiden Landkreise Mühldorf und Altötting muss etwa zehn Millionen Euro für das vergangene Jahr übernehmen. Und es könnte noch mehr werden: „Der Haushaltsentwurf 2023 sieht eine auf Grundlage der Wirtschaftsplanung des „InnKlinikums“ basierende Defizitübernahme in Höhe von 11,25 Millionen Euro vor“, sagt Landrat Heimerl.

Landkreis können Defizit nicht ewig tragen

Die Belastung der Landkreise kann aber nicht ewig weiter gehen, betont Heimerl. „Völlig klar ist, dass der Landkreis und seine Städte, Märkte und Gemeinden nicht dauerhaft ein Defizit in dieser Höhe tragen können.“ Trotzdem bleibt Heimerl dabei: „Ein Ausstieg aus der fusionsvertraglichen fixierten Verlustausgleichspflicht ist weder zielführend noch rechtlich geboten.“ Schließlich gehöre die Sicherstellung der stationären medizinischen Grund- und Regelversorgung und die Bereitstellung von Krankenhäusern zu den Aufgaben der Landkreise.

Klinikenvorstand Ewald weiß, dass sich sein Unternehmen nicht auf dieser Sicherheit ausruhen darf. „Die Gefahr einer Insolvenz der Kliniken sehe ich nicht, aber uns Vorständen ist völlig klar, dass wir dringend die Landkreise und die Kommunen entlasten müssen, die das Defizit der Kliniken tragen.“

Weichenstellung notwendig

Änderungen müssen deshalb her, Heimerl spricht von einer Weichenstellung für die Krankenhäuser an allen vier Standorten Altötting, Burghausen, Haag und Mühldorf. Diese Weichenstellungen müssen einschneidend sein, macht er klar, sagt aber nichts über konkrete Maßnahmen: „Das erfordert einerseits, die medizinische Versorgung und den Krankenhausbegriff völlig neu zu denken“, skizziert er die Aufgabe vor Ort. „Das erfordert aber auch andererseits, dass der Bund, der die Rahmenbedingungen für die Krankenhaus-Strukturreform definiert, für eine stabile Ausgangsposition sorgt. Dafür braucht es vor allem zwei Dinge: Zeit und Geld.“

Denn die Situation aller Kliniken in Deutschland ist dramatisch. Laut einer Studie der Unternehmensberatung Roland Berger rechnen 90 Prozent aller deutschen Kliniken in öffentlich-rechtlicher Trägerschaft für 2022 mit roten Zahlen. Aus diesem Grund hat die Deutsche Krankenhausgesellschaft die bundesweite Initiative „Alarmstufe rot: Krankenhäuser in Gefahr” gestartet.

Patienten schneller nach Hause schicken

Mehr ambulante Behandlungen, nach denen die Patienten wieder nach Hause geschickt werden können, weniger doppelte Angebote, attraktivere Angebote für Mitarbeiter: Die Klinik ist nach Angaben von Vorstandsvorsitzendem Ewald bereits unterwegs, um das Defizit zu verringern.

Der Klinikchef fühlt sich dabei auch von Gesundheitsminister Lauterbach bestätigt. „Das Reformkonzept von Herrn Lauterbach bestätigt größtenteils die Richtung, die wir bereits fürs „InnKlinikum“ eingeschlagen haben.“ Gleichzeitig fürchtet Ewald eine Einschränkung für die Kliniken durch die Bundespolitik. „Wenn die Pläne so umgesetzt werden, dann werden die Leitplanken für alle Kliniken noch enger gesetzt. Der Handlungsspielraum wird deutlich kleiner, denn die Rahmenbedingungen sind dann fest vorgegeben.“ Das gelte für die Einstufungen der Kliniken und die Festlegungen, welche medizinischen Leistungen angeboten und abgerechnet werden dürfen.

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