Hilfe auf dem Weg zurück

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Wenn die Seele krank ist, helfen nicht nur Medikamente und Gespräche beim Therapeuten. Für viele psychisch kranke Menschen sind die Besuche der Kontaktgruppen des SPDI in Mühldorf und Waldkraiburg der erste Schritt zurück in den Alltag.

Mühldorf/Waldkraiburg - Für psychisch kranke Menschen ist der Weg zurück in den Alltag oft alleine nicht zu schaffen. Unterstützung bekommen sie vom Sozialpsychiatrischen Dienst (SPDI).

Acht ehrenamtliche Mitarbeiterinnen engagieren sich für den Sozialpsychiatrischen Dienst (SPDI) im Landkreis Mühldorf. Sie unterstützen psychisch kranke Menschen, helfen ihnen zurück in den Alltag oder sind manchmal einfach nur da.

Schon dass die beiden Frauen hier sitzen, bei Keksen und Kaffee, und offen über ihre Krankheiten sprechen, grenzt an ein Wunder. An keines dieser großen Wunder, die immer mal wieder in der Zeitung stehen. Sondern an eines der kleinen, ganz persönlichen Wunder, das jede auf ihre Weise erlebt hat.

Noch vor ein paar Jahren wäre das für Rita und Ulli, die in Wahrheit anders heißen, nämlich undenkbar gewesen: morgens aufzstehen, sich anzuziehen, alleine das Haus zu verlassen, um sich vormittags auf einen Ratsch zu treffen. Doch jetzt sind sie hier, im Gruppenraum des Sozialpsychiatrischen Dienstes (SPDI) in Mühldorf, zurück im Leben.

Viele Hände haben ihnen herausgeholfen aus dem Loch der Depression, sie gehören den Familienangehörigen und Ärzten genauso wie den Sozialpädagogen und Pharmaproduzenten. Und natürlich den Ehrenamtlichen des SPDI. "Erst in dieser Gruppe habe ich gelernt meine Krankheit zu akzeptieren", sagt Ulli. "Zuvor habe ich mich immer wie ein Versager gefühlt, der sein Leben nicht auf die Reihe bekommt."

Seit 15 Jahren unterstützt Helga die Arbeit des SPDI. Ehrenamtlich in der Freizeit.

Während ihrer depressiven Phasen sei sie nur im Bett gelegen, völlig antriebslos: "Ich konnte nicht einmal aufstehen, wenn das Telefon geklingelt hat. Manchmal nicht einmal meinen Namen schreiben." Und wenn das Gefühl der Hoffnungslosigkeit überhand nahm, hat "es in mir nur noch gebrannt." Dann musste die 58-Jährige erneut ins Krankenhaus, erneut in die Psychiatrie. Wieder Zuhause stand sie immer vor der gleichen Hürde: "Die Rückkehr in den Alltag ist ein harter Kampf."

Einer, den Ulli oft verloren hat. Bis zu dem Tag, an dem sie die Freundin ihrer Tochter überredet hat ein Gruppentreffen des SPDI zu besuchen. "Vom ersten Moment an habe ich mich hier verstanden gefühlt." Seitdem nimmt sie einmal in der Woche an der Bastelgruppe teil und freut sich auf die regelmäßigen Freizeitangebote. "Nur der Frühstückstreff ist mir ein bisschen zu laut."

Rita nickt. Und lacht: "Stimmt, bei uns geht es schon mal etwas wilder zu." Zehn, zwölf psychisch Kranke treffen sich immer donnerstags zum gemeinsamen Frühstück. Plaudern über das Wetter, über Rezepte, über Sonderangebote im Supermarkt. "Ganz normale Dinge eben", erzählt sie. Dabei war in ihrem Leben lange eben nichts normal. Nach einer Gallenoperation vor zehn Jahren fiel sie in eine tiefe Depression, wie ein Schleier hatte sich die Krankheit über sie gelegt. "Mein Lebensmut war einfach weg, alles war so schwer." Das richtige Medikament hat sie schließlich zurück in die Spur gebracht - und der Kontakt zum SPDI.

Von der Teestube bis zur Walkinggruppe: "Ohne die Hilfe der Ehrenamtlichen gäbe es das alles nicht", erklärt die Sozialpädagogin Renate Teplan, die auf der Suche nach Verstärkungen ist (siehe Infokasten). Acht Frauen engagieren sich derzeit in ihrer Freizeit für den SPDI: sie erledigen Einkäufe, helfen im Fahrdienst aus, betreuen die Klienten in den Gruppen. So wie Helga.

Die 71-Jährige ist der Einrichtung, die vom Diakonischen Werk Traunstein getragen wird, schon seit 15 Jahren verbunden: "Damals war ich arbeitslos und auf der Suche nach Beschäftigung. Hier habe ich das Richtige gefunden." Nun organisiert die Rentnerin den Frühstückstreff oder plant Ausflüge und andere Aktivitäten. "Zuhören sollte man hier natürlich können. Und eine Ader für den Anderen haben", sagt Helga. Außerdem belastbar und feinfühlig sein. "Und reichlich Humor mitbringen."

Auch Ulli kann endlich wieder lachen, obwohl es an manchen Tagen noch immer schwerer fällt als an anderen. "Doch dann komme ich hierher und weiß, dass jemand da ist. Und das genügt mir schon."

ha/Mühldorfer Anzeiger

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