Wird der Tetra-Funk auf Eis gelegt?

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"Lassen Sie uns doch einfach zusammenwirken." Wolfgang Polzer rief die Rattenkirchner zur Geschlossenheit auf.
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Haigerloh - Kommt das Moratorium gegen den Tetra-Funk? Auf einer Info-Veranstaltung am Donnerstag bezog sogar Bürgermeister Aigner Stellung gegen die Technologie.

Der Wasserbehälter oberhalb von Ramering kommt offenbar nun doch nicht mehr als Standort für den Tetra-Funkmast in Frage. Dies verkündete Rattenkirchens Bürgermeister Rupert Aigner auf der Informationsveranstaltung am Donnerstag im Restaurant "Va bene" in Haigerloh. Am Alternativ-Standort bei Bürg ist der Funkmast für Aigner jedoch nicht mehr aufzuhalten.

Der Bürgermeister war ebenso wie zahlreiche Rattenkirchner Gemeinderäte zur Info-Veranstaltung der Bürgerinitiative gekommen - sehr zur Überraschung der Anwesenden. Noch vor einigen Tagen hatten Medienberichte das Erscheinen Aigners ausgeschlossen. Außerdem gibt es - auch am Donnerstag spürbare - Spannungen zwischen Aigner und den Vertretern der Bürgerinitiative.

"Standort Hochbehälter Ramering ist gestorben"

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In der Sache jedoch, suchte der Bürgermeister den Schulterschluss mit den Gegnern des Tetra-Funkmasts. "Lieber Herr Professor, ich gebe ja zu, dass Sie recht haben", sagte Aigner etwa zu dem Physiker Prof. Dr. Klaus Buchner, der zuvor in seiner Präsentation auf die Gefahren von Tetra-Funk hingewiesen hatte. Der Bürgermeister kündigte an, beide zur Debatte stehenden Standorte für den Funkmast abzulehnen. "Der Standort Hochbehälter Ramering ist gestorben", so Aigner.

Veto gegen Standort Bürg bringt "null Komma null"

Der Standort Bürg hingegen sei nicht gestorben. Aigner selbst werde zwar dagegen stimmen, wenn der Bauantrag Bürg komme. "Aber es bringt null Komma null, es bringt nichts." Grund für Aigners Pessimismus ist die Tatsache, dass sich der Standort bei Bürg auf einem Grundstück des Bundes befindet. Ein Veto der Gemeinde kann dortige Bauvorhaben nicht stoppen.

Viele der Anwesenden hatten die Hoffnung auf einen Stopp des Projekts nocht nicht aufgegeben. "Lassen Sie uns doch einfach zusammenwirken und schauen, was wir tun können, um ihn wegzukriegen", meinte etwa Wolfgang Polzer, einer der Initiatoren des Abends. Und in der Tat waren viele Bürger aus Nachbargemeinden gekommen - sei es Lohkirchen, Reichertsheim oder Kirchdorf.

Beschließt der Kreistag ein Moratorium?

Der Lohkirchner ÖDP-Politiker Reinhard Retzer regte an, die Tetra-Funk-Debatte auf die nächst höhere politische Ebene zu verlagern: in den Kreitag. "Wir sind uns eigentlich alle einig. Tetra ist veraltet, Tetra ist gefährlich." Die Gemeinden dürften das Problem aber nicht länger hin und her schieben, sondern müssten ein Signal nach oben geben. Retzer schlug vor, dass der Kreistag ein Moratorium beschließen könnte, dass alle Tetra-Funk-Projekte im Landkreis auf Eis legt.

Firma Abel bleibt Info-Veranstaltung fern

Die Argumente gegen Tetra-Funk hatten dem Publikum zuvor die beiden Experten des Abends geliefert. Als dritter Referent war ein Vertreter der Firma Abel, dem Dienstleister für das Tetra-Funk-Netzwerk, eingeladen. Das Unternehmen hatte jedoch mit Verweis auf das Innenministerium seine Teilnahme abgesagt. Das Ministerium ist in Sachen Tetra-Funk die oberste Instanz im Freistaat, wollte sich aber nach Angaben Wolfgang Polzers ebenfalls nicht gegenüber der Bürgerinitiative äußern.

Physiker: Tetra-Funk ist schädlich und veraltet

Der Physiker Prof. Dr. Klaus Buchner hatte als erster das Wort. Seine Botschaft war unmissverständlich: Funkstrahlung schadet der Gesundheit. So präsentierte er unter anderem eine Statistik, die eine deutliche Zunahme der psychischen Erkrankungen seit der flächendeckenden Versorgung mit Mobilfunk ausweist. Auch die Stoffwechselerkrankungen hätten in diesem Zeitraum massiv zugenommen. Besonders dem Tetrafunk stellte Buchner ein schlechtes Zeugnis aus. Die Sender der Mobilteile hätten mit 17,5 Hertz eine Taktung, die der Frequenz der Beta-Wellen im menschlichen Gehirn entspricht. Buchners Erläuterungen zufolge sei dies besonders schädlich.

Außerdem sei Tetra eine veraltete Technologie. Tetra-Mobilteile sendeten immer mit voller Leistung, "auch wenn nicht gesprochen wird". Für Buchner einfach nur "absurd". Andere digitale Funkstandards wie das in Nachbarländern eingesetzte Tetrapol seien ausgereifter. Außerdem hätte man es in den letzten 20 Jahren versäumt, den analogen Funk weiterzuentwickeln.

Landwirt: Missbildungen durch Funkstrahlung

Während Buchner die Zuhörer mit Zahlen, Grafiken und technischen Erläuterungen zu überzeugen versuchte, präsentierte der zweiten Referent des Abends, der Landwirt Josef Hopper, erschütternde Bilder aus seinem Schweinezuchtbetrieb. Seit 2009 befindet sich etwa 300 Meter von seinem Hof in Ruhstorf im Landkreis Passau ein Funkmast. Seitdem hat Hopper bei seinen Ferkeln einen massiven Anstieg an missgebildeten Neugeborenen bemerkt und dokumentiert. Die Fotos, die er unmittelbar nach der Geburt der Ferkel gemacht hat und nun präsentierte waren schockierend. Zahlreiche Totgeburten, verstümmelte Beine sowie missgebildete Ohren und Köpfe hat er bildlich festgehalten. Zudem wurde ein Ferkel mit offener Bauchdecke geboren und ein anderes wiederum hatte an einer Körperstelle keine Haut. Daneben zeigte er viele, viele Fotos von Schweinen, die als Zwitter zur Welt kamen.

34 missgebildete Ferkel in einem Jahr

In Zahlen ausgedrückt, zeigt sich ein enormer Anstieg derartiger Missbildungen seit 2009. Von 2002 bis 2008 hat Hopper jährlich höchstens zwei Ferkel mit Missbildungen statistisch erfasst. Seit 2009 liegt ihre Zahl pro Jahr bei mindestens 15. 2010 zählte der Landwirt sogar 34 missgebildete Ferkel. Seinen Angaben zufolge wurden auf seinem Hof 28 Schweine mit deformierten Beinen und 44 Zwitter geboren. Sechs Tiere kamen ohne After zur Welt und waren damit nicht überlebensfähig.

Die Info-Veranstaltung in Bildern

Die Info-Veranstaltung zum Tetra-Funk

"Kampf gegen Windmühlen"

Den Kampf gegen den Funkmast hätten er und seine Gemeinde auf politischer Ebene, über medialen Druck und vor Gericht ausgefochten - und verloren. Man habe ihm gesagt, bei den Missbildungen seiner Tiere gebe es einfach eine "zufällige, zeitliche Korrelation". Der Kampf gegen die Mobilfunk-Betreiber sei einfach ein "Kampf gegen Windmühlen".

Feuerwehr positioniert sich pro Tetra-Funk

Die meisten Zuhörer schienen eine klare Haltung gegen Tetra-Funk zu haben. Entsprechend sachlich und höflich wurden die an die Vorträge angeschlossenen Diskussionen geführt. Doch auch Stimmen pro Tetra-Funk schenkten die Menschen im "Va bene" Gehör. Mehrere Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehren berichteten von ihren Einsätzen. Der analoge Funk erschwere die Kommunikation enorm. "Wir sind diejenigen, die vorne dran sind. das müssen wir gleich mal klar stellen!", forderte ein Zuhörer.

Physiker: Analoger Funk kann verbessert werden

Für Prof. Dr. Buchner ist ein zuverlässiger und zugleich gesundheitlich unbedenklicher Funk kein Widerspruch. Alleine der analoge Funk, der seit den neunziger Jahren nicht mehr weiterentwickelt wurde, könne deutlich verbessert werden. "Alles, was sie sagen, ließe sich einfach beheben", entgegnete er einem Kritiker des analogen Funks.

Die ablehnende Haltung gegenüber dem Tetra-Funk bei einer Mehrheit der Menschen im "Va bene", ob Rattenkirchner oder nicht, war eindeutig. Es bleibt abzuwarten, ob ein Moratorium durch den Kreistag möglich ist - und tatsächlich eine Mehrheit findet.

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