Die große Veränderung

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Noch ist nicht Schluss: Bis zum letzten Arbeitstag Mitte Dezember will sich Herbert Langstein um die Belange seiner Bank kümmern. Der deutlichste Hinweis auf seinen bevorstehenden Abschied ist das gelbe Fußballtrikot, das an einem Bügel hinter dem Vorstandsvorsitzenden der Sparkasse hängt. Es ist das Abschiedsgeschenk seiner Mitarbeiter.

Mühldorf - Nach drei Jahren an der Spitze der Sparkasse geht Herbert Langstein in den Ruhestand. Der Waldkraiburger hat die Fusion mit der Sparkasse Altötting gestaltet.

Das alte Trikot hat schon viele Jahre auf dem Buckel. Das Gelb ist verwaschen, die Hose sehr kurz, das Sparkassenlogo kaum wiederzuerkennen. Ein Fußballdress, wie es Sparkassenmitarbeiter in den 70er-Jahren trugen, wenn sie ihre Bank auf dem Fußballplatz vertraten. Jetzt hängt es über einem Bügel im Büro von Herbert Langstein und symbolisiert den Abschied des Vorstandsvorsitzenden: Die Mitarbeiter haben es ihm geschenkt als Zeichen der bevorstehenden Veränderung.

Diese Veränderung zeichnet sich schon lange ab, eigentlich seit jenem Tag im Jahr 2009, an dem Langstein während der Fusion der Kreissparkassen Altötting und Mühldorf den Vorstandsvorsitz übernimmt. Wenn die Banken weitgehend zusammengewachsen sind und wenn das Geldhaus solide arbeitet, sind auch Änderungen im Vorstand zu erwarten. "Es war mir von Anfang an bewusst, dass eine Veränderung dann nötig ist", sagt Langstein.

Es ist einer der letzten Tage in seinem Büro, der 61-Jährige sitzt an dem runden Tisch, an dem ein gutes Dutzend Platz findet. Er hat das Sakko abgelegt, spielt ab und an mit einem Füllhalter. Im Gegensatz zu vielen Beinaheruheständlern erzählt Langstein zögernd und wenig sentimental von seinem Werdegang, davon, wie das Kind einer Grünthaler Handwerkerfamilie zum ersten Mann der Sparkasse wird.

Eigentlich will er ohnehin nicht, dass etwas über seinen ersten Arbeitstag in der Zeitung steht. Kein Wort darüber, wie er als Lehrling Kontoauszüge durcheinander- bringt, weil er den Abgleich vom letzten Kontoauszug auf den aktuellen vergisst. "Am nächsten Tag wusste ich, dass man das macht", sagt er und lacht über das Missgeschick, das weder ihn noch seine Vorgesetzten nachhaltig beeindruckt. Denn schon bald darf er seinen staatlich geprüften Betriebswirt machen und den Fachlehrgang Sparkassenbetriebswirt, seine Chefs setzen ihn im gesamten Bankbereich ein, schicken ihn von hier nach dort quer durch den Landkreis und übertragen ihm schließlich die Leitung des Rechnungswesens. "Ist das richtig?", fragt er sich damals über das ewige Hin und Her, die manchmal gefühlte Heimatlosigkeit im Job, "ist es gut, wenn man keinen festen Schreibtisch hat?"

Längst hat er seinen Schluss aus diesem Abschnitt des Werdegangs gezogen. Der klingt wie ein Motto, das über dem Arbeitsleben des Herbert Langstein steht: "Man erlebt Veränderung ganz anders, wenn man dabei ist und etwas gestalten kann", sagt er. "Das erzähle ich jungen Leuten immer wieder; habt keine Angst vor Veränderungen."

Die hat Langstein nur einmal, als in den 1990er-Jahren ein Karrieresprung anstand: Der Weg in den Vorstand. Im eigenen Haus, das ist zu dieser Zeit ein Grundsatz in der Sparkasse, wird man kein Vorstand, die besten Chancen liegen damals im neuen Osten Deutschlands. Diese Veränderung aber wehrt er ab. "Ich wollte nicht mit der ganzen Familie umziehen", erzählt er, "wenn man ein bisschen ehrgeizig ist, ist die Familie sowieso stark belastet." Er bleibt in Waldkraiburg wohnen.

Dass der Aufstieg doch noch kommt, liegt daran, dass ein für Mühldorf ausgewählter Kandidat absagt. Jetzt, 1992, ist der Weg frei, der ihn 17 Jahre später ganz an die Spitze der Sparkasse führt und ihm die Aufgabe der größten Veränderung bringt, die es in der Geschichte des Geldhauses gab: die Fusion mit der Sparkasse Altötting, die Zusammenführung von Mitarbeitern und Arbeitsabläufen, die Schaffung eines neuen Firmenklimas, die Verständigung mit der Politik.

Und schließlich den Abschied aus dem Beruf. Wenn Langstein über ihn spricht, über diese letzte Veränderung seines Berufslebens, schwingt ein Melancholie mit. Denn eins, davon ist er überzeugt, verliert er: den leicht zu knüpfenden Kontakt zu Menschen, wie ihn seine Arbeit mit sich brachte. "Das tut ein bisschen weh", sagt er, um im künftig stärker nötig werdenden Bemühen um Kontakte eine Chance zu entdecken: "Ich werde mich wieder stärker einbringen in diese Gesellschaft". Dazu zählt er vor allem seine Frau und die Familien seiner beiden Söhne, in denen vier Enkel leben.

Wo auch immer sich Langstein künftig engagiert, darauf dürfen seine Mitstreiter setzen: Der ehemalige Bankchef wird auch dann bereit sein, sich auf Neues einzulassen. Denn: "Wenn sich die Menschheit nicht verändert, dann sterben wir irgendwann aus." Langstein wird am Mittwoch mit einem Festakt im Haberkasten verabschiedet.

hon/Mühldorfer Anzeiger

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