Grippemittel Tamiflu - der teure Ladenhüter

+

Landkreis - Aus Angst vor einer Pandemie haben sich Apotheken 2009 mit teurem Tamiflu eingedeckt - und stehen jetzt vor ihrem Vorratsberg. Der Apothekerverband Mühldorf erklärt.

"Ich möchte zu allererst die Regierung in Schutz nehmen - 2009 wusste man nicht, wie sich die Vogel- und Schweinegrippe entwickelt! Man wollte einfach auf den Ernstfall vorbereitet sein", erklärt Dr. Johannes Huber, Pressesprecher des Bayerischen Apothekerverbands im Landkreis Mühldorf. "Klar, wir haben alle zu viel Tamiflu gekauft und sind somit in Vorleistung gegangen. Dieses Geld bekommen wir vermutlich nie wieder. Aber jeder Mensch will doch wissen, dass ihm im Falle einer Pandemie geholfen werden kann!"

Dr. Huber weiß, wovon er redet. Er ist Inhaber der St. Martins-Apotheke in Ampfing und hat die Panik um die Grippe und die Tamiflu-Welle aus erster Hand mitverfolgt. "Man muss doch sagen: Gott sei Dank haben wir Reste übrig! So viele sind verschont geblieben - seien wir doch mal froh, dass es nicht zum Extremfall gekommen ist!"

Trotzdem: Die Empfehlung, für rund 5 Prozent der Bevölkerung Tamiflu-Vorräte anzulegen, stammt vom Bund - und der wiederum hat seine Angaben von der Weltgesundheitsorganisation WHO. In Bayern ist für 20 Prozent der Bevökerung bevorratet worden. Das Internet und die Presse ist voll mit Kritik. Viele behaupten, vor allem der Medikamente-Hersteller "Roche" habe von diesen Angaben profitiert. Viele unterstellen, dass das Unternehmen an der 5 Prozent-Einschätzung nicht unmaßgeblich beteiligt gewesen sei. Zu solchen Vermutungen wollte sich Dr. Huber nicht äußern. Aber er konnte etwas anderes berichten:

Die Haltbarkeit von Tamiflu ist vom Hersteller jetzt nachträglich verlängert worden

Zwei Maßnahmen sind laut Huber in der letzten Zeit durchgeführt worden, um die Apotheken davor zu bewahren, ihren gesamten Restbestand in die Mülltonne klopfen zu müssen.

Erstens: die Regierung hat für Tamiflu eine Sonderregelung erwirkt, nach der das Mittel auch nach Überschreiten seiner Haltbarkeit weiter verkauft werden darf. Das klingt erstmal ungeheuerlich, aber Dr. Huber relativiert: "Ein Mindesthaltbarkeitsdatum sagt nur, dass bis zu diesem Zeitpunkt ein Teil der Wirkung nicht mehr gewährleistet ist. Bei Tamiflu hat man herausgefunden, dass es aber dennoch durchaus wirksam ist, daher kann man es gefahrlos weiter verkaufen."

Zweitens: Der Hersteller hat das Mindesthaltbarkeitsdatum für Tamiflu von 24 auf maximal 84 Monate aufgestockt. Das bedeutet, wer das Mittel 2009 gekauft hat und es jetzt eigentlich wegschmeißen müsste, kann es - bei richtiger Lagerung - noch weitere 5 Jahre verkaufen. "Man hat herausgefunden, dass sich weder die Wirksamkeit sehr reduziert, als auch die Gefahr von Nebenwirkungen steigt", so Dr. Huber.

Volle Mehrwertsteuer auf Medikamente, aber den Playboy gibt's billiger

"Es ist eines wirklich hervorzuheben: In Deutschland erhebt der Staat - anders als bei den meisten anderen Ländern - immer noch die volle Mehrwertsteuer von 19 Prozent. Bei Nahrungsmitteln, bei Literatur - ja sogar beim Playboy werden Abstriche gemacht - das ist schon bemerkenswert", so Dr. Huber. Die Kosten: Eine Apotheke kauft eine Packung Tamiflu - das sind 10 Kapseln, 650 Milligramm - für 26,59 Euro inklusive Mehrwertsteuer. Der Verkaufspreis liegt bei 37,02 Euro. "Aber diesen Aufschlag bekommen wir auch nicht ganz, glauben Sie das ja nicht!", so Dr. Huber. "Da nimmt sich der Staat auch  nochmal seinen Teil davon weg."

Und wenn's hart auf hart kommt - auch mit verlängertem Haltbarkeitsdatum - irgendwann werden die Apotheken verpflichtet sein, ihren teuer erkauften Tamiflu-Vorrat in den Sondermüll zu werfen.

ds

Zurück zur Übersicht: Region Mühldorf

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser