Gesang im oberen zehnten Grad

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Familiensache: Thomas Huber (links), Vater der Huber-Buam, begleitet seine Söhne oft auf ihren Vortragsreisen. Obwohl auch der Senior noch immer ein sehr guter Bergsteiger und Kletterer ist, gilt das Interesse der Besucher bei Vorträgen seinen Buben. In Mühldorf war Thomas zu Gast, der spektakuläre Bilder von Besteigungen in der Antarktis und dem Karakorum zeigte.

Mühldorf (MA) - Mehr als zweieinhalb Stunden lang erzählte Extremkletterer Thomas Huber im Mühldorfer Stadtsaal über seine Kletterabenteuer. Am Ende sang er sich den Berg hinauf. Und alle mussten mit.

Die meisten übersehen ihn, als sie in den Stadtsaal strömen. Vorne rechts, kurz vor der Bühne, sitzt Thomas Huber auf der Erde. Die Beine angezogen starrt er ins Nichts, er scheint sehr, sehr weit weg zu sein. Routiniert unterschreibt er einer Besucherin auf ihrer Eintrittskarte, dann versinkt er wieder in Reglosigkeit. "Im Vakuum der Zeit" ist sein Vortrag überschrieben, oder anders ausgedrückt: "Es gibt Momente, in denen die Zeit stehen bleibt."

Die hat wohl jeder Bergsteiger schon erlebt, die besonderen Augenblicke auf dem Gipfel, wenn rundherum tatsächlich nichts mehr geschieht, die Welt einen kurzen Moment lang den Atem anhält. Diese Erfahrungen sind es, die Thomas Huber zu seinen extremen Abenteuern führen und über die der 42-Jährige weit weniger pathetisch berichtet, als es der Vortragstitel nahe legt. Über weite Strecken des Abends hat er viele Lacher auf seiner Seite. Etwa, als er mit einer Stirnlampe auf dem Kopf, dem Rücken zum Publikum an der Stadtsaal-Leinwand eine schwierige, nächtliche Kletterpassage an der großen Zinne simuliert, an deren Ende der Akku der Lampe leer ist und Huber in stockfinsterer Nacht in hunderten Metern Höhe zurückbleibt. Oder als er vor dem Fallschirmsprung vom selben Berg fragt: "Können Sie sich etwas Schöneres vorstellen?" Der Sprung endet im Krankenhaus und mit fünf Operationen, weil er den Wind falsch eingeschätzt hat.

Trotzdem zieht es Huber immer wieder zu wahrlich atemberaubenden Bergtouren. An eben jene drei Zinnen in Südtirol, die er im dritten Anlauf auf schwierigsten Routen binnen 24 Stunden besteigt und per Fallschirm wieder verlässt. Er erzählt vom Bergsteigen bei minus 40 Grad in der Westwand des Holtanna in der Antarktis oder einer ungesicherten Kletterei in einer Wand, die glatt wie Raufasertapete ist: Schwierigkeitsgrad zehn plus nennt er das, viel schwierigere Routen gibt es auf der Welt nicht.

Dazu zeigt Huber grandiose Bilder und Filme, die von einem einzigartigen Ausgesetztsein künden. Dazwischen taucht die andere Seite des Berchtesgadeners auf, die ihn nahbarer macht als den unerreichbaren Extremen, der in eisiger Kälte über einem Abgrund in einem Biwaksack in einer Antarktiswand hängt und sagt: "Hier zu schlafen ist ein Geschenk."

Was es heißt, immer wieder aufzubrechen und Abschied zu nehmen, aufzusteigen und nach Hause zurückzukehren, zeigt die Szene, aufgenommen in einer Kirche in Berchtesgaden, in der er sich von seiner Frau und seinen drei Kindern verabschiedet. Allein ein kleines, rosa Krokodil, geschenkt von seiner Tochter, begleitet ihn.

Huber verliert kein Wort mehr über die Speed-Begehungen im Yosemite, dank deren filmischer Aufarbeitung in "Am Limit" er und sein Bruder einer breiten Masse bekannt wurden. Und er kündigt einen weiteren Abschied an, den die erste freie Besteigung der "Eternal Flame" am "Nameless Tower" (6239 Meter) im Karakorum möglich macht. Dort, an der nach seiner Meinung berühmtesten und vielleicht schwersten Kletterroute in über 6000 Metern Höhe, hätten sich die HuberBuam von dieser Art der Extremkletterei verabschiedet.

Künftig werde er das Augenmerk wohl eher auf die großen Eiswände der hohen Berge des Himalaja und des Karakorums legen. Doch bis es so weit ist, bleibt er an der "Eternal Flame" hängen, an ihrer Klettergeschichte, in die er und sein Bruder sich eingereiht haben.

Jede Seillänge hat einen Namen, die er auf der Leinwand einblendet, entnommen aus Rockmusiktiteln. Das Publikum im fast vollen Stadtsaal muss dazu rhythmisch klatschen, während Huber die Liedtitel aneinandergereiht singt: rau, wenig melodisch leidenschaftlich.

hon/Mühldorfer Anzeiger

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