Geprügelt oder gefallen?

Mühldorf - Mit einem Hakenkreuz auf der dunkelhäutigen Stirn kehrte ein 18-Jähriger von einer Geburtstagsfeier nach Hause. Wer es ihm im Schlaf aufgezeichnet hat, steht fest. Doch wo kommen die Verletzungen her?

Keine 500 Meter sind es von Haustür zu Haustür, fünf Minuten zu Fuß, eine mit dem Auto. Und doch tut sich zwischen den beiden Bauernhöfen ein tiefer Graben auf. Nicht erst seit dem vergangenen Wochenende, aber nun scheint er unüberwindbar. Man sieht sich wahrscheinlich vor Gericht.

Ein Hakenkreuz auf der Stirn brachte das Fass zum Überlaufen, dazu kommen jede Menge Vorwürfe, Beleidigungen - und ein dreitägiger Krankenhausaufenthalt. Eine turbulente Nacht muss das gewesen sein, vor einer Woche. Dabei sollte es ein ganz normales Geburtstagsfest werden, drüben auf dem Nachbarhof. Eine private Feier im kleinen Rahmen. So weit stimmen die Schilderungen der Beteiligten noch überein.

Unbestritten ist auch, dass anlässlich des 16. Geburtstags reichlich Alkohol im Haus war, oder - besser gesagt - in der Garage, wo die Feier stattfand. Dort hatten sich zehn, elf Freunde des Geburtstagskinds versammelt - unter anderem der 18-jährige Nachbar, der zwar in Deutschland geboren ist und bairisch spricht, aber unverkennbar fremdländische Wurzeln hat: Die Mutter stammt aus Afrika.

Gegen 22.30 Uhr nickte der 18-Jährige auf der Bierbank ein. "Ich war völlig platt, ich vertrage ja auch nichts." Erst um kurz vor vier kam er wieder zu sich, mit schlimmen Bauchschmerzen und Kopfweh. Ein Partygast fuhr ihn nach Hause.

Völlig verstört sei ihr Sohn zur Tür hereingekommen, erinnert sich seine Mutter. "Er hat geweint und erzählt, dass ihn der Bruder des 16-Jährigen und dessen Nazi-Freunde geschlagen haben. Und dann hatte er ja noch das Hakenkreuz auf der Stirn."

Sie wischte die Filzstift-Schmiererei ab und fuhr ihren Sohn sofort ins Krankenhaus. Dort stellten die Ärzte einen Blutalkoholwert von 0,7 Promille fest, dazu ein stumpfes Bauchdeckentrauma sowie eine leichte Gehirnerschütterung.

Rotes Hakenkreuz auf der dunklen Stirn

In der Zwischenzeit alarmierte der aufgebrachte Vater die Polizei und machte sich zusammen mit seinem älteren Sohn und einem Bekannten auf den Weg zum Nachbarhof, um den vermeintlichen Täter zur Rede zu stellen. "Wir wollten wissen, wer noch dabei war", sagt der Vater, der einräumt, dass sein älterer Sohn die Unterhaltung mit dem 19-Jährigen weder allzu freundlich noch allzu sanft geführt hat.

"Judensau", brüllte daraufhin der Beschuldigte dem Nachbarn entgegen. Und: "Komm' her, wenn du dich traust." Immerhin: Das Taschenmesser in seiner Hand kassierte noch im selben Moment die Mutter, die - vom Lärm aufgeschreckt - dazugekommen war. Die Polizisten unterzogen schließlich alle Beteiligten einem Alkoholtest und machten Aufnahmen von weiteren Schmierereien in der Garage.

Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen Körperverletzung und Beleidigung. "Das Hakenkreuz und die anderen Schmierereien haben strafrechtlich keine Bedeutung", erklärt Manfred Jilg von der Polizei Mühldorf. "Dafür verlangt die Rechtslage eine Öffentlichkeit, die auf einer privaten Feier nicht gegeben ist." Außerdem sehe man in diesem Fall keinen eindeutig rechtsradikalen Hintergrund.

Bleibt die Frage, was genau zwischen 22.30 und 3.45 Uhr morgens mit dem 18-jährigen Partygast geschehen ist. "Das wüssten wir auch gern", sagt Jilg und verweist auf die laufende Zeugenbefragung. Der Auszubildende, der nach drei Tagen wieder aus dem Krankenhaus entlassen wurde, kann sich selbst an kaum etwas erinnern, glaubt aber, die rechtsradikalen Freunde des Bruders gesehen und die Schläge gespürt zu haben.

"Die waren aber nicht da", kontert die Mutter des 19-Jährigen. Und: "Mein Sohn hat ihn mit Sicherheit nicht angerührt." Woher dann die Verletzungen kommen? "Der ist in seinem Vollrausch mehrfach von der Bank auf den Betonboden geknallt." Aussage gegen Aussage.

Was das Hakenkreuz auf der Stirn und die Beleidigung im Hof betrifft, gäbe es nichts zu beschönigen: "Im Rausch hat mein Sohn mit dem Stift eben rumgeschmiert", sagt die Mutter. "Da kann ich ihm auch nicht helfen. Ich hoffe, dass ihm die Sache eine Lehre ist." Seit Jahren rede sie sich den Mund fusselig, dass das "Nazi-Gehabe endlich mal aufhört. Aber da steht er halt im Freundeskreis unter einem schlechten Einfluss". Auch das Wort "Judensau" sei so gefallen: "Es war alles sehr emotional, da hat er halt zurückgebrüllt."

Einfach "nur schade" findet sie das alles. "Dass wir unter Nachbarn nicht halbwegs vernünftig über die Sache gesprochen haben." Dafür ist es wohl zu spät: "Die Geschichte ist beim Anwalt", sagt der Vater des 18-Jährigen. "Hat sich ja auch niemand entschuldigt."

ha/Mühldorfer Anzeiger

Rubriklistenbild: © dpa

Zurück zur Übersicht: Region Mühldorf

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser