Flucht aus dem Hamsterrad

Martin Müller heute

Mühldorf - Martin Müller (41) hatte einen Traumjob, ein Traumgehalt, eine Traumkarriere. Wovon andere träumen, wurde dem Mühldorfer zur Qual. Vor acht Wochen schmiss er hin.

Seitdem sieht er das Leben mit anderen Augen.

Mit einem Jahresgehalt im sechsstelligen Euro-Bereich hätte sich Martin Müller jeden Luxus leisten können. Nur eines fehlte dem 41-Jährigen: Zeit zum Nachdenken. Daher weiß Martin Müller wovon er spricht, wenn er sagt: "Es ist schon paradox, dass Zeit zum Nachdenken heute ein Luxus ist."

Seit acht Wochen nun gönnt Müller sich diesen Luxus. Hat er bis vor kurzem sieben Tage die Woche beinahe rund um die Uhr gearbeitet, genießt er es jetzt, untertags ein Buch zu lesen oder am Nachmittag durch die Stadt zu gehen. "Ich sehe die Welt mit anderen Augen", sagt er, und: "Ich lerne vollkommen andere Menschen kennen!" Wie ein Kind erforscht Martin Müller derzeit seine neue Lebenswelt, hat sich beispielsweise einen Büchereiausweis geholt, trifft sich mit Freunden.

Mit den Aussteigern, wie es sie in den 70er Jahren häufig gegeben haben mag, hat der in Schwabing lebende Ex-Manager jedoch wenig gemein. Dafür ist er viel zu gewissenhaft und akribisch, sein Ausstieg ist gut organisiert. Als Vice President Corporate Communications der Siemens-Tochter Siemens Enterprise Communications handelte er mit seinem Arbeitgeber einen - wie es in seinem Jargon heißt - guten Deal aus. Der ermöglicht ihm noch 22 Monate lang Unterhalt, dafür wird er nach Ablauf dieser Frist nicht wieder zu Siemens oder einer zum Konzern gehörenden Firma wechseln: eine - wieder Wirtschaftssprech - Win-Win-Situation für den karrieremüden Unternehmenssprecher einerseits und den krisengebeutelten Weltkonzern andererseits.

Martin Müller spricht daher von einer Ideallösung: "Ich will nämlich auf keinen Fall mehr zurück." Klar, die Menschen, die Kollegen, die Kontakte fehlen ihm; die Privilegien, die Aufgabe, das Geld jedoch nicht. "Ich habe ja nichts zu verlieren: Ich habe keine Kinder, kein Haus, keine Aktien, keine Angst vor der Zukunft." Für einen wie ihn seien die Voraussetzungen für den Absprung perfekt gewesen.

Zudem sei er immer ein eher untypisches Exemplar eines PR-Managers gewesen: Er fuhr noch nie Porsche, sein Seelenheil hing weder an der Rolex noch an einer jungen Geliebten. Die einzige größere Anschaffung, die er sich von seinem Spitzengehalt leistete, war ein neuer Wohnzimmerschrank. "Vielleicht war diese Integrität, dieses Anderssein aber auch der Grund für meinen Aufstieg", räsoniert der ehemalige Top-Verdiener, der bis heute in seinem Renault-Kleinwagen durch die Gegend fährt und mit seiner Frau seit Jahren in der selben, günstigen Wohnung in Schwabing lebt.

Die Reaktionen seines Umfelds auf seine Entscheidung waren unterschiedlich. Natürlich habe es Profiteure in Müllers beruflichen Umfeld gegeben, die mit dem Abgang des Chefs die Chance auf den eigenen Aufstieg witterten. Dann gab es natürlich auch Neider. Die Familie habe sich dagegen Sorgen gemacht, wie es mit ihm nun weitergehen soll. Und schließlich habe er sich auch Vorwürfe anhören müssen: Wie er es, angesichts steigender Arbeitslosigkeit und grassierender Wirtschaftskrise, verantworten könne, einfach seinen Job aufzugeben? Arroganz, Respektlosigkeit, Undankbarkeit musste sich Martin Müller vorwerfen lassen.

"Ich weiß, ich bin ein Riesen-Risiko eingegangen und weiß selber nicht, wie es ausgeht", gibt der Aussteiger zu. Seine Flucht "aus der Maschine" sei aber aufgrund der "inneren Zerrissenheit" unausweichlich geworden. "Derzeit habe ich alle Freiheiten, alles ist möglich, das ist ja fast schon wieder schwierig", lacht Martin , der neben seiner Familie noch viele Freunde in Mühldorf hat. Gerade der Tod eines seiner engsten Freunde, des Grafikers Stefan Engelhardt, habe ihm vor wenigen Monaten endgültig die Augen geöffnet, dass es im Leben auch noch etwas anderes als Karriere geben muss.

Derzeit könnte er sich vorstellen, wieder zu seinem erlernten Beruf des Deutsch- und Sozialkundelehrers zurückzukehren. Genauso gern würde er für Kunst-, Literatur und Kultureinrichtungen arbeiten. Schreiben - egal ob über Mühldorf oder Country-Musiker Johnny Mercer - sollte Teil der künftigen Jobbeschreibung sein.

Einen Anfang, einen ersten Schritt in Richtung Künstlerdasein legte er bereits Anfang September. Seitdem stellt Müller in der Galerie "raum02" in der Weißgerberstraße aus. "Business as usual" lautet der Titel der Ausstellung, die noch bis Ende Oktober zu sehen ist.

Dass sein Abstieg von der Karriereleiter alles andere als "usual" war, ist Martin Müller natürlich bewusst. Aber als Berufsoptmist und erfolgreicher Ex-Siemensianer ist er sich sicher: "Immer nur angepasste Menschen, ewiger Mainstream, setzen sich auf Dauer nicht durch."

zip/Mühldorfer Anzeiger

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