Die ersten Schritte in einer fremden Welt

Mühldorf - Regelmäßig hält Bürgermeister Günther Knoblauch in der Aslybewerberunterkunft eine Sprechstunde ab. Dabei wird vor allem eines deutlich:

Ohne die Hilfe der Ehrenamtlichen wären die 65 Männer, Frauen und Kinder auf sich allein gestellt.

Lesen Sie auch:

20 Asylbewerber drängeln sich in den Besprechungsraum: Männer und Frauen, auch ein paar Kinder. Sie wollen wissen, was es Neues gibt. Und mit einem Mal ist klar, worin die zentrale Herausforderung in der Gemeinschaftsunterkunft besteht: Kommunikation.

Zwei Dolmetscherinnen übersetzen in Paschtun und Türkisch, dazu schwirren immer wieder ein paar Brocken Farsi durch den Raum. Steffi Rothkäppel und Renate Angermann, die seit einigen Jahren zusammen mit dem Haus der Begegnung das Integrationsprojekt "Isis" organisieren, haben die Kontakte zu den beiden Übersetzerinnen geknüpft. Doch das reicht nicht: Einer kann nur Arabisch, ihm hilft eine Frau, die nur Türkisch versteht. Ein anderer kann wenigstens Französisch, das übernimmt Renate Angermann selbst.

Es dauert, bis die Nachrichten in allen Sprachen ankommen, bis jeder versteht, dass nur in Notfällen zum Arzt gegangen werden darf, dass die Frauen zum internationalen Stammtisch eingeladen sind, dass der Fernsehanschluss weiter auf sich warten lässt.

Bürgermeister Günther Knoblauch hört sich die Sorgen an, greift ständig zum Mobiltelefon, diskutiert wild gestikulierend. Nach einer Stunde ist der Akku leer und eine Turnhalle gefunden. Dort treffen sich die Männer künftig zum Fußball spielen. Die Aussicht auf Stunden außerhalb der Unterkunft sorgt für spontanen Applaus.

Andere Probleme lassen sich nicht so schnell lösen. "Wir würden gerne etwas arbeiten, gerne etwas an die Stadt zurückgeben", sagt ein Afghane. Dass ein Asylbewerber in Deutschland laut Leistungsgesetz keinen Cent verdienen darf, ist allen klar. "Trotzdem", sagt er. "Können wir nicht irgendetwas tun?"

Der benachbarte Kulturschupp'n könne vielleicht ein paar helfende Hände zum Bühnenbau brauchen, murmelt Knoblauch. "Wer hätte denn Interesse?" Fast alle heben die Hand.

Sprachkurse sind angelaufen, Kinder gehen zur Schule, auch Kindergartenplätze haben sich aufgetan. Stets verbunden mit der Frage: Wer bezahlt dafür? Es sei ein Glücksfall, dass sich im Haus der Begegnung ein Ansprechpartner und in Rothkäppel und Angermann Ehrenamtliche gefunden hätten, die für erste Strukturen zu sorgten, betont Knoblauch. Zwar ist das Büro in der Unterkunft mit einer Verwaltungsfachkraft besetzt, doch Sozialarbeit gehört nicht zu ihren Aufgaben.

"Ein Sozialarbeiter muss her. Und zwar dringend", sagt die Leiterin des Hauses der Begegnung Marianne Zollner. Bei der Regierung von Oberbayern sieht man das genauso, schiebt den schwarzen Peter aber weiter: "Wir haben den Bedarf erkannt und ihn auch über das Sozialministerium beim Fachausschuss für Migration angemeldet", erklärt Sprecherin Michaela Krem.

Im Ministerium wiederum sieht man die Sozialverbände in der Pflicht: "Die Entscheidung über die Einrichtung einer Asylsozialberatung liegt bei den Wohlfahrtsverbänden. Wenn sie sich dafür entscheiden, haben sie das Sozialministerium auf ihrer Seite", teilt Sprecherin Daniela Schürf mit. Das Sozialministerium fördere jede Asylsozialberatungsstelle mit 50 Prozent der Personalkosten.

Da winkt Marianne Zollner für die Arbeiterwohlfahrt gleich ab: "Ab 80 Prozent könnten wir uns unterhalten. Alles andere ist für uns finanziell nicht darstellbar." Ähnlich sieht es Caritas-Chef Herbert Späth: "50 Prozent ist für jeden Verband eigentlich indiskutabel." Doch Späth will sich noch einmal intern beraten und mit dem Ministerium verhandeln: "Vielleicht findet sich ja ein Weg. Oder ein weiterer Geldgeber." Zwischen 1988 und 2000 hat sich die Caritas schon einmal um die Sozialbetreuung der Asylbewerber in Mühldorf gekümmert. Marianne Zollner formuliert es klar: "Es ist schlicht unwürdig, die Menschen in ein Heim zu stecken und dann sich selbst zu überlassen."

ha/Mühldorfer Anzeiger

Rubriklistenbild: © pa

Zurück zur Übersicht: Region Mühldorf

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser