Historisches Karfreitagsgrab in der Pfarrkirche Erharting

Wenn Karfreitag Palmen in der Kirche stehen

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Das traditionelle Erhartinger Karfreitagsgrab bringt auch Palmen in die Pfarrkirche
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Erharting - Alle zwei Jahre erlebt der Altarraum in der Erhartinger Pfarrkirche eine wundersame Wandlung. Palmen sprießen und bunte Lichter erleuchten die Kirche.

Vielen dürfte der Altarraum der Pfarrkirchen St. Peter und Paul in Erharting auf den ersten Blick etwas merkwürdig erscheinen - überall Palmen und bunte, hell erleuchtete Glaskugel, noch dazu in der Karwoche. Bei näherem Hinsehen offenbart sich aber die wahre Bedeutung der Kulisse. Der Altarraum der Kirche hat sich in die Grabstätte Jesu verwandelt - eine Grabstätte, die der Überlieferung nach in einem Garten lag.

"Karfreitagsspiele sind in Possen ausgeartet"

Alle zwei Jahre baut der Erhartinger Brauchtumsverein das Heilige Grab, auch Karfreitagsgrab genannt, zu Ostern in der Kirche auf. Die Kulisse, die zum größten Teil aus Holzelementen besteht, hat vor über hundert Jahren der Schreinermeister Felix Huber geschaffen. Wesentliche Bestandteile sind das Grab selbst, einige Palmen rings herum, zwei "Grabwächter"-Figuren, der Leitspruch "Sein Grab wird glorreich sein" sowie ein sechs Meter hoher Aufbau - samt mechanischem Aufzug.

Leo Biermaier, zweiter Vorstand des Erhartinger Brauchtumsvereins

Karfreitagsgräber, oft als Kulisse einer Theateraufführung der Ostergeschichte, waren in der katholischen Kirche einst nicht unüblich. "Den Leuten war es nicht möglich, ins heilige Land zu reisen", erklärt Leo Biermaier, zweiter Vorsitzender des Erhartinger Brauchtumsvereins. Kurzerhand bauten sich die Menschen deshalb Modelle der Grabstätte Jesu. Etwa um 1770 wurden im Zuge der Aufklärung Aufführungen rund um die Heiligen Gräber allerdings verboten. "Die Karfreitagsspiele sind in weltliche Possen ausgeartet. Deshalb wurden sie verbannt", so der 60-Jährige.

Grab wurde nach 27 Jahren wiederentdeckt

Später lebte der alte Brauch wieder auf und auch Erharting bekam ein Karfreitagsgrab. Mit dem zweiten vatikanischen Konzil in den sechziger Jahren, das in der katholischen Kirche wesentliche Reformen auf den Weg brachte, verschwand das Heilige Grab in Erharting dann jedoch wieder. Es landete buchstäblich auf dem Speicher.

Die Aufbauarbeiten dauern mehrere Stunden

Im Jahr 1992, nach 27 Jahren, hat der damalige Vorstand des Brauchtumsvereins Josef Vorbuchner das Karfreitagsgrab auf dem Speicher der Seelenkapelle wiederentdeckt. "Der hat das wieder runtergeholt. Da haben ihn alle ausgelacht", erinnert sich Biermaier. Nach ersten Aufbauversuchen in einer Maschinenhalle in Maxing und einer sorgfältigen Reinigung fand das Grab dann aber tatsächlich den Weg zurück in die Pfarrkirche, wo es seitdem alle zwei Jahre zu Ostern aufgebaut wird. "Viele ältere Erhartinger haben Josef Vorbuchner die Hand gedrückt und sich bedankt, dass sie das noch einmal erleben dürfen", erzählt Biermaier.

"Das geht einem unter die Haut"

Das Grab ist in einem erstaunlich guten Zustand, die allermeisten Einzelteile sind im Original erhalten. Auch die Bemalung, die wahrscheinlich vom Mühldorfer Maler und Vergolder Georg Bierler stammt, ist seit über hundert Jahren unverändert. Abends, wenn es schon dunkel ist, sei der Anblick des bunt erleuchteten Karfreitagsgrabs ein "Wahnsinnsfeeling", sagt Biermaier. Für die Karfreitagsliturgie bietet das Heilige Grab so die ideale Kulisse. Die traditionelle Kreuzverehrung der Gläubigen spielt sich unmittelbar vor dem Grab ab. "Das geht einem unter die Haut."

Beleuchtete, bunte Glaskugeln geben der Kulisse eine besondere Atmosphäre

Das Heilige Grab ist längst weit über die Gemeindegrenzen hinaus bekannt. "Die Leute kommen aus dem ganzen südostbayerischen Raum", erzählt der 60-Jährige. Vor zwei Jahren sei ihm aufgefallen, dass gerade junge Besucher viele Fragen zu dem Grab haben. "Da habe ich gemerkt, dass ein unbändiges Interesse da ist." Gemeinsam mit Richard Steffke, Leiter der Jugendband "Nervensegen", hat Biermaier deshalb die Idee entwickelt, das Heilige Grab in einem Spielstück zu erklären. Karfreitag feiert "Sein Grab wird glorreich sein" in der Pfarrkirche Premiere.

"Ruhige und getragene Lieder"

Das Stück ist eine Mischung aus Erzählung, Theater und Konzert. Biermaier gibt darin in der Rolle des Josef von Arimathäa am Grab Jesu eine Art Rückblick auf dessen Leben. Schauspieler unterstreichen das Gesagte in kleinen Handlungen und die Band "Nervensegen" untermalt das Stück musikalisch.

Die Band macht regelmäßig Musik in Gottesdiensten, vor allem zu großen Anlässen wie Firmungen. Für das Spielstück haben sie dem Anlass angemessene Lieder ausgewählt. "Es sind ruhige und getragene Lieder. Am Schluss taut es dann ein bisschen auf", erzählt Andreas Mück, der 16-jährige Schlagzeuger der Band. Seine Bandkollegen und er fühlen sich gut vorbereitet für den großen Auftritt. "Wir haben lange geübt", sagt die 15-Jährige Annalena Wagner, eine der Sängerinnen der Gruppe. "Wir üben die Lieder seit sechs Wochen und haben an einem ganzen Probentag nur die Lieder für Karfreitag geübt."

Heiliges Grab wird am Samstagnachmittag abgebaut

Annalena Wagner und Andreas Mück treten mit der Jugendband "Nervensegen" am Karfreitag um 19.30 Uhr im Spielstück "Sein Grab wird glorreich sein" in der Pfarrkirche in Erharting auf

Die Aufführung des etwa 45 Minuten langen Spielstücks ist am Karfreitag um 19.30 Uhr, vor der Kulisse des Karfreitagsgrabs. Obwohl die Organisatoren mit einem großen Andrang rechnen, ist er Eintritt frei. Die Liturgie vom Leiden und Sterben Jesu mit Kreuzverehrung beginnt bereits um 15 Uhr. Die Kirche ist am Freitag durchgehend bis 21 Uhr geöffnet. Wie Biermaier sagt, ist immer jemand da, der interessierten Besuchern die Details des Karfreitagsgrabs erklärt. Am Samstag kann das Grab von 9 bis 14 Uhr ebenfalls besichtigt werden, anschließend wird es wieder abgebaut, weil sonst im Altarraum für die große Osterfeier ab 21.30 Uhr zu wenig Platz wäre.

Damit lassen die Erhartinger einen Teil des alten Brauchs nicht wieder aufleben. Traditionell fiel der Leichnam Jesu im Karfreitagsgrab in der Osternacht in eine Falltür. Über den mechanischen Aufzug wurde der Auferstandene (eine andere Figur) den Aufbau des Grabs hinaufgezogen. Karfreitag, also vor dem Fest der Auferstehung, ist dies nicht freilich nicht möglich. Für das Spielstück wurde deshalb ein Kompromiss gefunden: Zum großen Finale schwebt eine Monstranz den Aufbau hinauf.

Bilder von den Aufbauarbeiten

Das Karfreitagsgrab in der Pfarrkirche Erharting

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