Landwirte demonstrierten in Erharting gegen Preispolitik des Einzelhandels

Spontandemo vor Netto-Lager: Tierschutzbund kommentiert Diskussion

Mit etwa 60 Traktoren blockierten 80 bis 90 Landwirte aus der Umgebung am Freitagabend die Zufahrt zum Netto-Auslieferungslager an der Staatsstraße 2092 bei Frixing. 
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Mit etwa 60 Traktoren blockierten 80 bis 90 Landwirte aus der Umgebung am Freitagabend die Zufahrt zum Netto-Auslieferungslager an der Staatsstraße 2092 bei Frixing. 

Erharting - Am Freitagabend machten zahlreiche Landwirte ihrem Wut über die Preispolitik des Einzelhandels mit einer Demonstration vor dem Netto-Auslieferungslager Luft.

Update, Montag 14 Uhr: Das sagt der Tierschutzbund


Die Pressemitteilung des Tierschutzbunds im Wortlaut:

Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, kommentiert zu den damit verbundenen Forderungen nach höheren Preisen für die Erzeuger: „Nach wie vor unterbietet sich der Handel mit immer neuen Billigangeboten für tierische Produkte. Mehr Tierschutz lässt sich damit in den Ställen nicht umsetzen. Da reicht es auch nicht, wenn sich unter anderem Lidl zu weiteren Zahlungen an die Initiative Tierwohl bereiterklärt - das ist reiner Ablasshandel. Die Sünde, ein krankes System mit politischer Rückendeckung und vollem Bewusstsein mit Vollgas vor die Wand zu fahren, die kann nicht erlassen werden. Der Handel muss sich endlich auch seiner ethischen Verantwortung stellen und damit aufhören, Fleisch, Milch und Eier regelrecht zu verramschen. Mit dieser Billigpreispolitik können gerade die umstellungsbereiten Landwirte kein Vertrauen finden, in mehr Tierschutz zu investieren. Tiere haben einen Wert und weit mehr verdient als ein Billigpreis-Etikett.


Bei allem Verständnis für die Sorgen und auch Not der Landwirte, die um ihre Existenz bangen: Höhere Preise allein werden es nicht richten. Indem nur die Wertschöpfung des Handels erhöht wird, wäre weder Tier noch Landwirt geholfen. Das ganze kaputte System hat keine Zukunft mehr – und darf sie nicht mehr haben. Nach wie vor wird Tierleid durch den Gesetzgeber gedeckt. Die allein auf Wachstum und Export ausgerichtete Agrarpolitik – nach dem Prinzip ‚Immer billiger und immer größer‘ – funktioniert nur auf Kosten der Tiere und letztlich auch der Landwirte. Alle Beteiligten brauchen daher jetzt Planungssicherheit, die nicht Status Quo heißen darf, sondern Veränderung. Es braucht einen wirklichen Wandel hin zu mehr Tier-, Umwelt- und Klimaschutz in der Landwirtschaft.“

Pressemitteilung Deutscher Tierschutzbund e.V.

Update, Samstag 16 Uhr: Das sagt einer der demonstrierenden Landwirte

„Wir haben nach den ersten Demos in Cloppenburg keine Antworten auf unsere Fragen erhalten“, berichtet einer der Bauern, die am Freitagabend demonstrierten gegenüber innsalzach24.de „Die Frist war am Freitag um 20.15 abgelaufen. Deshalb gab es gestern die Spontanversammlung.“ Er betont: „Wir brauchen nicht nur Wertschätzung sondern auch endlich wieder Wertschöpfung auf den Betrieben. Aktuell bekommen wir den Rest vom Kuchen ab der bei den Verhandlungen zwischen Lebensmittel-Einzelhändlern und unseren Verarbeitern übrig bleibt!“

„Unsere Erzeugungskosten werden darin natürlich nicht berücksichtigt und reichen bei weitem nicht aus, um kostendeckend zu wirtschaften“, berichtet er weiter. „Ich beispielsweise habe im Betrieb etwa 42 Cent pro Liter Vollkosten bei der Milcherzeugung und der aktuelle Preis liegt bei 34 Cent inklusive aller Zuschläge! Wir leben von der Substanz!“ Gleichzeitig kämen ständig neue Auflagen und Verordnungen dazu die die Produktion verteuerten, welche allerdings nicht vergütet würden. Selbst wenn, sind diese dann in ein paar Jahren sowieso Standard und helfen uns nicht mehr weiter.“

„Sehe 50 Millionen als ein Schweigegeld“

Aktuell seien in allen Bereichen die Auszahlungspreise stark zurück gegangen, die Preise im Einzelhandel jedoch stark gestiegen. „Wer verdient hier? Wir wollen endlich als Marktpartner auf Augenhöhe anerkannt werden und dann wäre es nur fair wenn die Rechnung bei uns beginnt und unsere Kosten mit einbezogen werden! Die vom Lidl ausgerufenen 50 Millionen sehe ich als Schweigegeld wie Söder seine Bauernmilliarde die wir auch abgelehnt haben.“

Es gäbe in Deutschland etwa 260.000 Betriebe. „Somit bleiben jedem Betrieb etwa 192 Euro. Das ist ein Witz, wenn man sieht wie die Fest- und variablen Kosten gestiegen sind. Und das bei gleichen Erzeugerpreisen seit 40 Jahren! Rechnet man nur die Inflation ein, müsste die Milch heute etwa 80 Cent pro Liter kosten.“ Als Landwirt könne man nur durch noch mehr Arbeit gegensteuern, andere Betriebszweige, Nebeneinkommen und größere Einheiten. „Das heißt: Eine 80-Stunden-Woche ohne Wochenende und bezahltem Urlaub! Uns reicht es!“ All diese Frustrationen wollten sie zum Ausdruck bringen. „Und wir werden weiter kämpfen, damit auch unsere Kinder noch den eigentlich schönsten Beruf der Welt erlernen können. Eigentlich schlimm genug wenn man für das das man liebt ständig kämpfen muss! Finden sie nicht auch?“, schließt er.

fib/Eß

Update, 11.21 Uhr - Bilanz der Polizei

Am 04.12.20 gegen 22.25 Uhr versammelten sich ca. 80 - 90 Bauern mit ungefähr 60 Traktoren beim Nettologistikzentrum um gegen die ihrer Meinung nach zu niedrigen Michpreise zu demonstrieren. Teilweise kam es dabei zu Behinderungen des Lkw-Verkehrs, insgesamt waren die Demonstranten jedoch friedlich und gesprächsbereit.

Nachdem ein Pressevertreter vor Ort war und Fotos der Demonstration gefertigt hatte, löste sich die Versammlung gegen 1 Uhr auf.

Pressemitteilung Polizeiinspektion Mühldorf

Erstmeldung, 9 Uhr - Bauern demonstrieren in Erharting gegen Preispolitik des Einzelhandels

„Die Aktion ging nicht vom Bauernverband aus, daher habe ich das auch nicht direkt mitbekommen“, erklärt Bauernverbands-Kreisobmann Ulrich Niederschweiberer gegenüber innsalzach24.de. „Solche Aktionen sind aber derzeit auf jeden Fall nötig. Wenn wir uns nicht rühren, wird sich auch nichts ändern. Die derzeitige Preispolitik des Einzelhandels ist für Landwirte ruinös. Dieses scheinheilige Angebot von Lidl bringt da auch nichts.“

Bauernverbands-Kreisobmann Ulrich Niederschweiberer sagt, er könne den Protest von Landwirte am Freitagabend voll nachvollziehen. Die Bauern beklagen, die Preispolitik des Einzelhandels sei für sie ruinös.

Mit etwa 60 Traktoren blockierten 80 bis 90 Landwirte aus der Umgebung am Freitagabend die Zufahrt zum Netto Auslieferungslager an der Staatsstraße 2092 bei Frixing. Die spontane Demo begann gegen etwa 22 Uhr. Mit mehreren Traktoren wurde die Ein - und Ausfahrt zum Netto dicht gemacht, weitere Fahrzeuge standen auf der Staatsstraße und einige fuhren sehr sehr langsam auf der darauf hin und her. Die Polizei war mit einem Aufgebot vor Ort. „Teilweise kam es zu Behinderungen des Lkw-Verkehrs, insgesamt waren die Demonstranten jedoch friedlich und gesprächsbereit“, so die Polizei. Gegen 1 Uhr war die Demonstration beendet.

Bauernverband lehnt Angebot von Lidl ab

Hintergrund ist ein schon seit längerem schwelender Konflikt zwischen Landwirten und Einzelhandel, wie die Deutsche Presseagentur (dpa) berichtet. Der Bauernverband klagt über ruinöse Preise und wirft dem Handel vor, auf dem Rücken der Bauern gut zu verdienen. Die Lebensmittelhändler bestreiten das und verweisen auch auf die bisher hohe Exportquote der Fleischbranche.

Bilder von der Demonstration der Landwirte vor dem Netto-Auslieferungslager

Bilder von der Demonstration der Landwirte vor dem Netto-Auslieferungslager an und auf der St2092 bei Frixing Gemeinde Erharting am Freitagabend, 04. Dezember 2020.
Bilder von der Demonstration der Landwirte vor dem Netto-Auslieferungslager an und auf der St2092 bei Frixing Gemeinde Erharting am Freitagabend, 04. Dezember 2020. © fib/Eß
Bilder von der Demonstration der Landwirte vor dem Netto-Auslieferungslager an und auf der St2092 bei Frixing Gemeinde Erharting am Freitagabend, 04. Dezember 2020.
Bilder von der Demonstration der Landwirte vor dem Netto-Auslieferungslager an und auf der St2092 bei Frixing Gemeinde Erharting am Freitagabend, 04. Dezember 2020. © fib/Eß
Bilder von der Demonstration der Landwirte vor dem Netto-Auslieferungslager an und auf der St2092 bei Frixing Gemeinde Erharting am Freitagabend, 04. Dezember 2020.
Bilder von der Demonstration der Landwirte vor dem Netto-Auslieferungslager an und auf der St2092 bei Frixing Gemeinde Erharting am Freitagabend, 04. Dezember 2020. © fib/Eß
Bilder von der Demonstration der Landwirte vor dem Netto-Auslieferungslager an und auf der St2092 bei Frixing Gemeinde Erharting am Freitagabend, 04. Dezember 2020.
Bilder von der Demonstration der Landwirte vor dem Netto-Auslieferungslager an und auf der St2092 bei Frixing Gemeinde Erharting am Freitagabend, 04. Dezember 2020. © fib/Eß
Bilder von der Demonstration der Landwirte vor dem Netto-Auslieferungslager an und auf der St2092 bei Frixing Gemeinde Erharting am Freitagabend, 04. Dezember 2020.
Bilder von der Demonstration der Landwirte vor dem Netto-Auslieferungslager an und auf der St2092 bei Frixing Gemeinde Erharting am Freitagabend, 04. Dezember 2020. © fib/Eß
Bilder von der Demonstration der Landwirte vor dem Netto-Auslieferungslager an und auf der St2092 bei Frixing Gemeinde Erharting am Freitagabend, 04. Dezember 2020.
Bilder von der Demonstration der Landwirte vor dem Netto-Auslieferungslager an und auf der St2092 bei Frixing Gemeinde Erharting am Freitagabend, 04. Dezember 2020. © fib/Eß
Bilder von der Demonstration der Landwirte vor dem Netto-Auslieferungslager an und auf der St2092 bei Frixing Gemeinde Erharting am Freitagabend, 04. Dezember 2020.
Bilder von der Demonstration der Landwirte vor dem Netto-Auslieferungslager an und auf der St2092 bei Frixing Gemeinde Erharting am Freitagabend, 04. Dezember 2020. © fib/Eß
Bilder von der Demonstration der Landwirte vor dem Netto-Auslieferungslager an und auf der St2092 bei Frixing Gemeinde Erharting am Freitagabend, 04. Dezember 2020.
Bilder von der Demonstration der Landwirte vor dem Netto-Auslieferungslager an und auf der St2092 bei Frixing Gemeinde Erharting am Freitagabend, 04. Dezember 2020. © fib/Eß
Bilder von der Demonstration der Landwirte vor dem Netto-Auslieferungslager an und auf der St2092 bei Frixing Gemeinde Erharting am Freitagabend, 04. Dezember 2020.
Bilder von der Demonstration der Landwirte vor dem Netto-Auslieferungslager an und auf der St2092 bei Frixing Gemeinde Erharting am Freitagabend, 04. Dezember 2020. © fib/Eß
Bilder von der Demonstration der Landwirte vor dem Netto-Auslieferungslager an und auf der St2092 bei Frixing Gemeinde Erharting am Freitagabend, 04. Dezember 2020.
Bilder von der Demonstration der Landwirte vor dem Netto-Auslieferungslager an und auf der St2092 bei Frixing Gemeinde Erharting am Freitagabend, 04. Dezember 2020. © fib/Eß
Bilder von der Demonstration der Landwirte vor dem Netto-Auslieferungslager an und auf der St2092 bei Frixing Gemeinde Erharting am Freitagabend, 04. Dezember 2020.
Bilder von der Demonstration der Landwirte vor dem Netto-Auslieferungslager an und auf der St2092 bei Frixing Gemeinde Erharting am Freitagabend, 04. Dezember 2020. © fib/Eß
Bilder von der Demonstration der Landwirte vor dem Netto-Auslieferungslager an und auf der St2092 bei Frixing Gemeinde Erharting am Freitagabend, 04. Dezember 2020.
Bilder von der Demonstration der Landwirte vor dem Netto-Auslieferungslager an und auf der St2092 bei Frixing Gemeinde Erharting am Freitagabend, 04. Dezember 2020. © fib/Eß
Bilder von der Demonstration der Landwirte vor dem Netto-Auslieferungslager an und auf der St2092 bei Frixing Gemeinde Erharting am Freitagabend, 04. Dezember 2020.
Bilder von der Demonstration der Landwirte vor dem Netto-Auslieferungslager an und auf der St2092 bei Frixing Gemeinde Erharting am Freitagabend, 04. Dezember 2020. © fib/Eß
Bilder von der Demonstration der Landwirte vor dem Netto-Auslieferungslager an und auf der St2092 bei Frixing Gemeinde Erharting am Freitagabend, 04. Dezember 2020.
Bilder von der Demonstration der Landwirte vor dem Netto-Auslieferungslager an und auf der St2092 bei Frixing Gemeinde Erharting am Freitagabend, 04. Dezember 2020. © fib/Eß
Bilder von der Demonstration der Landwirte vor dem Netto-Auslieferungslager an und auf der St2092 bei Frixing Gemeinde Erharting am Freitagabend, 04. Dezember 2020.
Bilder von der Demonstration der Landwirte vor dem Netto-Auslieferungslager an und auf der St2092 bei Frixing Gemeinde Erharting am Freitagabend, 04. Dezember 2020. © fib/Eß
Bilder von der Demonstration der Landwirte vor dem Netto-Auslieferungslager an und auf der St2092 bei Frixing Gemeinde Erharting am Freitagabend, 04. Dezember 2020.
Bilder von der Demonstration der Landwirte vor dem Netto-Auslieferungslager an und auf der St2092 bei Frixing Gemeinde Erharting am Freitagabend, 04. Dezember 2020. © fib/Eß
Bilder von der Demonstration der Landwirte vor dem Netto-Auslieferungslager an und auf der St2092 bei Frixing Gemeinde Erharting am Freitagabend, 04. Dezember 2020.
Bilder von der Demonstration der Landwirte vor dem Netto-Auslieferungslager an und auf der St2092 bei Frixing Gemeinde Erharting am Freitagabend, 04. Dezember 2020. © fib/Eß

Am Freitag, 4. Dezember 2020, hatte auch die Landesversammlung des Bayerischen Bauernverbandes digital stattgefunden. Der bayerische Bauernpräsident Walter Heidl hatte dabei in seiner Rede, die im Livestream mitverfolgt werden konnte, scharfe Kritik an der derzeitigen Marktsituation und dem Lebensmitteleinzelhandel geübt, wie der Verband berichtet: „50 Millionen Euro, das ist in etwa das, was Schweinehalter in Deutschland im Moment pro Woche durch die skandalös niedrigen Preise an Verlusten erleiden. Die aktuelle Ankündigung der Schwarz-Gruppe spottet aus meiner Sicht deshalb jeder Beschreibung“, machte Heidl deutlich.

Der Betreiber der Handelsketten Lidl und Kaufland, die Schwarz-Gruppe, hatte Hilfen in Höhe von 50 Millionen Euro für die Initiative Tierwohl zur Verfügung zu stellen und damit die Landwirte in der momentan schwierigen Marktsituation unterstützen zu wollen. Der Schritt war, wie die dpa weiterhin berichtet nach heftigen Bauernprotesten gegen die Preispolitik des Einzelhandels erfolgt. Doch die Bauern sehen darin nur ein Trostpflaster und fordern grundlegende Veränderungen.

„Können sich nicht freikaufen“

„Lidl und Kaufland können sich nicht einfach mit einer solchen Einzelaktion freikaufen. Denn die Marktmacht und der Preisdruck durch den Lebensmitteleinzelhandel und die Billigangebote im Supermarkt verschwinden dadurch ja nicht einfach. Das kann nur der Auftakt zu einem dauerhaft deutlich verantwortungsbewussteren und faireren Umgang mit den Erzeugern sein!“, sagte Bayerns Bauernpräsident Heindl weiterhin.

Angesichts der Auswirkungen der Corona-Pandemie und des dramatischen Preisverfalls der Erzeugerpreise könne und dürfe nicht sein, dass die Politik weiter zuschaue, während die Handelskonzerne immer größer und mächtiger würden. „Diese Macht und die Preispolitik in den Supermärkten bedrohen unsere Bauernhöfe und damit die Lebensmittelerzeugung vor unserer Haustüre. Statt irgendwelchen Trostpflastern sind endlich ein fairer Umgang mit uns Erzeugern und kartellrechtliche Maßnahmen nötig!“, forderte Heidl in seiner Rede. 

Eine Stellungnahme von Netto wurde von uns ebenfalls erbeten. Wir werden diese nachreichen, sobald wir sie erhalten.

fib/Eß / hs / Pressemitteilung BBV mit Material der dpa

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