Netto darf in Erharting bauen

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Erharting – Mit knapper Mehrheit hat sich Erharting am Sonntag für den Bau eines Netto-Logistikzentrums ausgesprochen.

Beim Bürgerentscheid sagten 291 Wähler Ja zu dem Bau, mit Nein stimmten 241 Erhartinger. Wie sehr das Thema die Gemüter bewegt hat, zeigt die hohe Wahlbeteiligung. 73 Prozent der Wahlberechtigten gaben ihre Stimme ab. Netto will zwischen Mühldorf und Erharting ein Großlager errichten, von dem aus Supermärkte in der Region versorgt werden sollen. Während die Befürworter mit 280 Arbeitsplätzen und mehr als 300.000 Euro Gewerbesteuer rechnen, befürchten die Gegner eine hohe Lärm- und Schadstoffbelastung. Die Planungen für den Bau und die Genehmigungen sind schon sehr weit gediehen. (hon/Mühldorfer Anzeiger)

Der Bürgerentscheid in Bildern:

Erharting: Netto-Logistikzentrum

Vorbericht: Hitzige Debatte um Logistikzentrum

Zwei Tage vor den Bürgerentscheiden: Befürworter und Gegner des Netto-Logistikzentrums haben sich am Freitagabend eine hitzige Debatte geliefert. Viele Erhartinger ergriffen das Wort, blieben dabei jedoch nicht immer sachlich.

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Schon im Vorfeld hatten beide Seiten ihren Standpunkt klar artikuliert und so gab es bei der offiziell als Informationsveranstaltung titulierten Diskussion im Anschluss an die Bürgerversammlung in der Gaststätte Bäckerwirt kaum überaschende Argumente. Bürgermeister Georg Kobler und seine Gemeinderatskollegen Hermann Rieder und Stefan Weinfurtner hatten vor allem die hohen Gewerbesteuermehreinnahmen und 280 neue Arbeitsplätze im Blick. Sie hatten Roland Polaschek, Bürgermeister von Gerstetten, zur Informationsveranstaltung eingeladen. In der Gemeinde 40 Kilometer nordöstlich von Ulm betreibt Netto seit 1999 ein Logistikzentrum. Polaschek gab offen zu, im Vorfeld der Veranstaltung in Erharting einen Anruf von Netto erhalten zu haben. Er berichtete nur Gutes, wie zum Beispiel, dass bei Netto in Gerstetten derzeit 413 Menschen beschäftigt seien, also weit mehr als die ursprünglich avisierten 300.

Informationsveranstaltung zum Netto-Logistikzentrum

Wir sind bei den Bürgerentscheiden vor Ort und berichten aktuell das Ergebnis!

Klaus Schuster von der Bürgerinitiative bezweifelte hingegen den wirtschaftlichen Nutzen einer Ansiedlung, schließlich könnten die versprochenen 280 Stellen kaum ausschließlich mit Erhartingern besetzt werden. Schuster schätzte, dass 15 bis 20 Gemeindebürger im Logistikzentrum Arbeit fänden. Der hohe Flächenverbrauch von etwa „19 Fußballfeldern“ stehe dazu in keinem Verhältnis. Daneben warnte er vor der Lärm- und Umweltbelastung, die mit der Ansiedlung einhergehe. Konkret sprach Schuster von einer „Kolonne der LKWs“. Zudem mache die Beleuchtung des nachts betriebenen Logistikzentrums die „Nacht zum Tag“. Gemeinderat Stefan Weinfurtner entgegnete dem, dass der Lastverkehr so oder so ansteige. Außerdem stehe eine Gemeinde, die er nicht näher benannte, als alternativer Standort für das Logistikzentrum bereit: „Die Pläne liegen schon in den Schubladen“.

Mittels einer Animation kann man sich vorstellen, wie das Logistikzentrum aussehen könnte, hier mit Blick von der Staatsstraße aus, die nach der Harter Kurve in Richtung Kreisverkehr in Frixing führt.

Das monatelange, zähe Ringen um den Bürgerentscheid war beiden Seiten deutlich anzumerken. So warfen sie sich gegenseitig vor, die Unwahrheit zu sagen, etwa bezüglich der möglichen Steuereinnahmen, Arbeitsplätze, Lärm- und Feinstaubbelastung durch das Netto-Logistikzentrum. Auch das Erhartinger Publikum in der zum Bersten vollen Gaststätte konnte sich dieser Stimmung nicht entziehen. Befürworter und Gegner der Ansiedlung sowie ein paar Unentschlossene ergriffen – zum Teil spontan – das Wort. Einige argumentierten recht sachlich, doch gerade bei den Gegnern des Logistikzentrums brachen sich schnell die Emotionen Bahn. Ein älterer Erhartinger sieht in der mit der Ansiedlung verbundenen Versiegelung der landwirtschaftlichen Flächen ein existentielles Risiko für die Menschen. „Wie soll das weitergehen für unsere Kinder und Enkelkinder? Die wollen auch was zu essen haben.“

Eine Bürgerin, die mit ihren Kindern wegen der guten Luft in die Gemeinde gezogen sei, warnte vor den Gefahren der LKW-Abgase. „Ich höre nicht auf, weil eine Mama da eine Sorge hat.“ Schließlich wandte sie sich mit überschlagender Stimme an einen Tisch mit Befürwortern der Ansiedlung: „Wollt ihr die Gesundheit der Kinder aufs Spiel setzen?“ Da stürmte ein Mann ans Rednerpult und erklärte seiner Mitbürgerin, sie hätte gar nicht herziehen dürfen, schließlich sei der Verkehr auf der Autobahn auch schon schlecht für die Luft.

Bis nach 23 Uhr ging die Debatte, doch während sich die Argumente wiederholten, erhitzten immer neue, emotionale Einwürfe beider Seiten die Gemüter, sodass schließlich Bürgermeister Georg Kobler die Veranstaltung abbrach. Damit war zwar die „Informationsveranstaltung“ beendet, die Diskussionen gingen jedoch an einigen Tischen weiter. Das wahre Schlusswort hat am Sonntag der Wähler.

bla/innsalzach24

Rubriklistenbild: © kmr

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