Eine ungewohnte Perspektive

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So leicht wollten sich Staatssekretär Dr. Marcel Huber (links) und Kultusminister Ludwig Spaenle (hinten rechts) gegen Rollstuhlfahrer Denniz und Kerstin Schmid nicht geschlagen geben. Doch nicht jeder Ball des Ministers traf in den Korb. Am Ende verlor die Mannschaft des Ministeriums 5:10.

Mühldorf/München - Der Umgang mit behinderten Menschen überfordert oft viele. Unsicherheit bestimmt deren Verhalten, Menschen mit Handicap geraten dadurch ins soziale Abseits.

Ehrenamtliche engagieren sich im Förderverein "Gemeinsam Mensch" und setzen dieser Entwicklung mit dem Projekt "Perspektivwechsel" etwas entgegen. Kürzlich stellten sie ihre Arbeit im Kultusministerum vor.

In persönlichen Begegnungen sollen Menschen ihre Scheu gegenüber Menschen mit Behinderung abbauen. Dabei geht es darum, in eine andere Rolle zu schlüpfen, aus der Perspektive der behinderten Menschen zu agieren. Sie sollen erfahren, wie es ist, im Rollstuhl zu sitzen, nicht sehen oder Gegenstände nicht greifen zu können.

Diese Erfahrung macht auch Kultusminister Ludwig Spaenle. Eine Gruppe um Vorsitzende Anita Donaubauer ist zu Besuch im bayerischen Kultusministerium. Der Minister sitzt in einem Rollstuhl, neben ihm Staatssekretär Dr. Marcel Huber. Sie treten gegen Rollstuhlfahrer Denniz und eine Auszubildende der Stadtsparkasse München in einem Basketball-Spiel an. Anfangs noch etwas ungewohnt rollen die beiden dem Ball hinterher, versuchen den Korb zu treffen. Chancen gibt es auf beiden Seiten, am Ende verlieren Minister Ludwig Spaenle und Staatssekretär Marcel Huber 5:10.

Das Basketball-Match ist eine Station des Parcours, den die Kinder bei dem Projekt "Perspektivwechsel" durchlaufen. Sie schälen Gemüse mit Handschuhen, die eine Greifbehinderung simulieren, sie schieben ihre Schulkameraden in Rollstühlen über Hindernisse und bewältigen einen Blindenkurs.

2002 ist die Idee für dieses Projekt entstanden. Anita Donaubauer hat damals von sich aus die Initiative ergriffen, diese Problematik in die Schulen zu tragen. Damit bringt sie ein sensibles, aber wichtiges Thema auf den Punkt. Die Rückmeldungen geben ihr Recht: Mehr als 5000 Kinder und 3000 Lehrer haben seitdem teilgenommen und einen Blick aus einer ungewohnten Perspektive gewagt.

Für Anita Donaubauer und ihre Kollegen ist es nicht immer einfach, "ihr Leben preiszugeben". Aber die Arbeit hat für alle Vorteile. Einer erzählt, dass er nicht mehr stottere, seitdem er regelmäßig vor Schülern von seiner Behinderung spricht.

Einen Befürworter hat das Projekt mit Staatssekretär Marcel Huber. "Die Gesellschaft blendet aus, dass man von heute auf morgen ein Handicap haben kann. Sie lebt in einer Welt der Schönen, Jungen und Gesunden." Jeder solle auf die andere Seite schauen und seine Hemmungen gegenüber Menschen mit Behinderung abbauen. "Der ehrenamtlichen Tätigkeit fehlt oft das Ansehen. Dies muss mehr gefördert werden."

Die Nachfrage nach "Perspektivwechsel" nimmt ständig zu. Mitterweile gibt es in der Oberpfalz eine Zweigstelle, um die Wege möglichst kurz zu halten. Trotz der Unterstützung zahlreicher Ehrenamtlicher taucht immer wieder ein Problem auf: die Finanzierung. Die Kosten für Vorträge an Schulen in und um München unterstützt die Münchner Sparkassenstiftung. Auch das bayerische Kultusministerium leistet seinen Beitrag: 4500 Euro gibt es, damit lassen sich Vorträge an 20 Schulen finanzieren. Für nächstes Jahr hat das Ministerium seine Unterstützung längst zugesichert. "Die Mittel sind im Doppelhaushalt 2010/2011 berücksichtigt", erklärt eine Sprecherin.

Der Förderverein ist auf die finanzielle Unterstützung angewiesen. Denn es ist ein enormer logistischer Aufwand, die Beteiligten samt Rollstühlen in die bayerischen Schulen und Kindergärten zu bringen. Die Wege sind oft weit, zugleich fragen immer mehr Schulen an, Sponsorengelder und der Unkostenbeitrag für die Schulen reichen nicht aus. Um so wichtiger ist es für Anita Donaubauer, Planungssicherheit zu haben: "Wir müssen das Projekt dauerhaft auf eine sichere Basis stellen. Dazu sollen alle Beteiligten an einen Tisch kommen und miteinander reden."

hi/Mühldorfer Anzeiger

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