"Eine offene Szene gibt es nicht!"

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Mühldorf - Kripochef Josef Maier spricht im Interview über die Rauschgiftszene in der Region, die Modedroge Crystal und den "Linken"-Vorschlag, Cannabis zu legalisieren.

Zwei Drogentote im Landkreis an einem Tag: Diese Nachricht am Freitag vor einer Woche ließ auch erfahrene Ermittler wie Kripo-Chef Josef Maier aufhorchen.

Gibt es Neuigkeiten im Zusammenhang mit den beiden Drogentoten?

Nein, noch nicht. Das endgültige Ergebnis der toxikologischen Untersuchung wird erst in ein paar Wochen vorliegen. Aber nach derzeitigem Stand gehen wir davon aus, dass der Heroinkonsum bei beiden Personen eine entscheidende Rolle gespielt hat. Einen ähnlichen Fall hatten wir übrigens bereits eine Woche vorher, als wir eine bewusstlose Person aufgefunden haben.

Drei schwere Fälle in so kurzer Zeit: Zufall oder Trend?

Rauschgift hat für uns immer eine hohe Aktualität. Die genauen Zahlen der Kriminalstatistik liegen noch nicht vor, aber was unseren Einsatzbereich betrifft, stellten wir im vergangenen Jahr mit Sicherheit eine Steigerung fest. Grundsätzlich hängt es immer davon ab, wie weit wir im Rahmen der Ermittlungen in die jeweiligen Strukturen vordringen können. Das gelingt nicht immer und überall. Wenn wir also zahlenmäßig weniger Erfolge verzeichnen, heißt das leider nicht, dass auch automatisch weniger Rauschgiftkriminalität betrieben wird.

Wie gut sind Sie derzeit in den Strukturen verankert?

Erst am Dienstag haben wir mit Unterstützung der Bereitschaftspolizei 13 Wohnungen in den Landkreisen Mühldorf und Altötting durchsucht. Im vergangenen Jahr haben wir ebenfalls mehrere derartige Aktionen gefahren. Im Moment sind wir sehr, sehr gut in der Szene verankert. Alleine im vergangenen Jahr wurden nach unseren Ermittlungen über 30 Haftbefehle ausgestellt. Darüber hinaus ergeben sich mit jedem Fall ja auch immer wieder neue Erkenntnisse, die zu neuen Verfahren führen. Da steht uns in naher Zukunft noch einiges ins Haus.

Welche Entwicklungen erkennen Sie, wenn es um die Art der Drogen geht?

Was wir durchaus mit Sorge sehen und was häufig unterschätzt wird, ist der Bereich der sogenannten Kräutermischungen. Dabei werden Kräuter, die eigentlich zum Verräuchern gedacht sind, mit sogenannten Cannabinoiden (künstlich hergestellter Wirkstoff, Anm. d. Red.) behandelt. Das Problem für die Konsumenten ist, dass sich der Wirkstoffgehalt in diesen Mischungen im Grunde gar nicht richtig dosieren lässt. Ein schwieriges Feld, weil wir da nur über das Arzneimittelrecht tätig werden können.

Und weiter?

Was ebenfalls verstärkt auftaucht, sind die sogenannten Fentanylpflaster, die eigentlich als Schmerzmittel eingesetzt werden. Heroinabhängige extrahieren den Wirkstoff und spritzen sich diesen als Ersatzdroge. Die Höhe der Dosis ist auch hier reiner Zufall, was die Geschichte so gefährlich macht. Im Bereich des Polizeipräsidium Oberbayern Süd waren im Jahr 2010 von insgesamt 30 Rauschgifttodesfällen acht auf die gefährlichen Fentanylpflaster zurück zu führen.

Bleibt die Frage nach der Modedroge Crystal.

Crystal ist nicht nur bei uns, sondern in ganz Bayern sehr stark im Kommen. Das Problem ist, dass es für die Konsumenten keine klaren Grenzen mehr gibt. Früher haben viele die Finger vom Heroin gelassen, weil sie es aufgrund der Spritzen als zu gefährlich empfanden. Und Amphetamine wurden geschnupft, um einfach länger feiern zu können. Crystal bricht diese Grenze nun auf: Es lässt sich leicht konsumieren und ist leicht zu bekommen. Dabei macht es genauso abhängig und richtet mindestens so schwere Hirnschäden an wie Heroin. Es ist unter dem Strich sogar teuerer.

Womit wir beim Thema Beschaffungskriminalität wären.

Gerade in der jüngsten Vergangenheit hatten wir mit mehreren Raubüberfällen und Einbrüchen zu tun, bei denen der Suchtdruck des Täters die ausschlaggebende Rolle gespielt hat. Klar ist auch: Je mehr ein Drogenkonsument in die Abhängigkeit abgleitet, desto schwieriger wird es, die Sucht aus einem geregelten Lebenswandel zu decken. Über Monate und Jahre gesehen: Irgendwann fallen diese Menschen fast automatisch den Sozialsystemen zu.

Die beiden Drogentoten waren gerade einmal 27 und 34 Jahre alt. Werden die Konsumenten harter Drogen immer jünger?

Cannabis ist und bleibt die Einstiegsdroge. Es sorgt dafür, dass man Kontakt zu den falschen Leuten bekommt, dass sich gewisse Kreise bilden. Und irgendwann ist einer dabei, der mal was neues im Gepäck hat. Crystal wird normalerweise im Feieralter konsumiert, so ab 16, 17 Jahren bis Mitte 20. Heroin ist in der Regel eher was für Ältere.

Den Vorschlag der Partei „Die Linke“, Cannabis zu legalisieren...

...sehen wir mehr als kritisch. Das ist der falsche Weg. Ohne jetzt zu tief in eine politische Diskussion einzusteigen: Ich glaube nicht, dass jemand ernsthaft ein Interesse daran hat, dass 13-Jährige Cannabis rauchen. Dazu kommt, dass das Haschisch heute eine ganz andere Qualität hat. Der Stoff ist bis zu zehnmal so stark wie früher. Da ist nichts übrig von der Woodstock-Romantik, die so gerne zitiert wird. Wir verfolgen die Karrieren ja aus nächster Nähe: Die Leute schmeißen ihre Jugend weg, verlassen die Schulen ohne Abschluss, driften völlig ab in die Gleichgültigkeit. Und greifen schließlich zu noch härteren Drogen.

Wie schwer ist es, in der Region an Drogen zu kommen?

Eine offene Szene gibt es hier nicht. Also einfach mal loszuziehen und an bestimmten Orten nach Drogen zu fragen, würde wohl keinen Erfolg bringen. Aber wenn man die richtigen Leute kennt, ist das überhaupt kein Problem. Der Handel spielt sich überwiegend in den Wohnungen der Händler ab.

Wo stoßen Sie in Ihrer täglichen Arbeit auf die größten Hindernisse?

Mehr Personal ist natürlich immer wünschenswert, auch wenn wir von den Inspektionen gut unterstützt werden. Aber Fakt ist: Die Rauschgiftermittlungsgruppe ist sehr, sehr stark ausgelastet. Was uns darüber hinaus zu schaffen macht, ist das Verfassungsgerichtsurteil zur Vorratsdatenspeicherung. Vorsichtig ausgedrückt: Das macht die Nachverfolgung nicht gerade einfacher.

An dem Gespräch war auch ein Kriminalhauptkommissar der Rauschgiftermittlungsgruppe beteiligt, der aus taktischen Gründen nicht öffentlich in Erscheinung treten kann.

ha/Mühldorfer Anzeiger

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