Eine Gruppe Bürger begehrt auf

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"Vom Alpenblick wird die Gemeinde nicht leben können", verteidigte Bürgermeister Georg Kobler das Vorhaben, das Netto-Logistikzentrum in Erharting anzusiedeln, das unweit des Fliegl-Areals entstehen wird. Schließlich bringe dies Arbeitsplätze und Gewerbsteuer für die Gemeinde Erharting, die landkreisweit bei der Steuerkraft einen der letzten Plätze einnimmt.

Erharting - Weil sich eine Gruppe Bürger zum Bau des Logistikzentrums der Firma Netto schlecht informiert fühlt, wurde es bei einer Informationsveranstaltung eher unsachlich:

Schlecht informiert fühlen sich einige Erhartinger Bürger und Anlieger aus Mühldorf, was den Bau eines Logistikzentrums der Firma Netto im Sondergebiet an der Staatstraße 2092 zwischen Erharting und Mühldorf betrifft. Bei einer Informationsveranstaltung versuchte Erhartings Bürgermeister die aufgebrachten Gemüter, die teilweise mit unqualifizierten Äußerungen argumentierten, zu beruhigen. Planer Thomas Schwarzenböck aus Schwindegg stellte mit Bürgermeister Georg Kobler den vorhabenbezogenen Bebauungsplan vor, der bis 31. Januar öffentlich ausgelegt ist. "Es handelt sich hier um die erste Phase", machte Kobler deutlich. Bei dieser ersten Auslegung würden sämtliche Anregungen von Trägern öffentlicher Belange aufgenommen und in die Planung miteingearbeitet.

Planer Schwarzenböck erläuterte, dass das geplante Logistikzentrum eine Höhe von maximal 30 Metern, eine Länge von 290 und eine Breite von 150 habe. Er erklärte, dass für die Ausweisung dieses Sondergebietes Ausgleichsflächen nötig seien, außerdem wurden die knapp 30 Zuhörer von Kobler und Schwarzenböck über die infrastrukturellen Begleitmaßnahmenm wie die Errichtung einer innerbetrieblichen Tankstelle plus Waschanlage, unterrichtet. Bürgermeister Kobler betonte, dass parallel zur Planung in Erharting auch in Mühldorf eine Bauleitplanung am Laufen ist. Es handle sich um zwei Hoheitsgebiete, antwortete Kobler auf die Frage von Josef Riedlaicher, warum es nicht eine gemeinsame Planung gebe.

Gassner spricht von "Alibi-Naturschutz"

Günther Gassner, Grundstückseigentümer aus Hart bei Mühldorf, sprach im Zusammenhang mit der Schaffung von Ausgleichsflächen von Alibi-Naturschutz. Tierarten, die auf der zu versiegelnden Fläche lebten, würden dem Bau zum Opfer fallen, "die sind dann weg". Kobler entgegnete, dass in diesem Bereich sicherlich keine Laien am Werk seien. "Hier sind Profis eingebunden", die sehr genau die gesetzlichen Grundlagen einhalten würden.

"Man will kein Industriegebiet hier", schimpfte Josef Riedlaicher, warnte davor, dass Grundstückseigentümer ihre Flächen für Ausgleichsflächen nicht zur Verfügung stellen. Dies hätte laut Schwarzenböck zur Folge, "dass die Planung so nicht durchgeführt werden kann". Vor allem wegen der Größe des Zentrums regte sich Riedlaicher auf. "Der Dreck kommt aufs Land raus, der Knoblauch pickt sich die Rosinen raus", warf er dem Mühldorfer Bürgermeister vor.

Die Gemeinde verkaufe Erharting an Großkonzerne, warf er Kobler vor. Er bezweifelte, dass qualifizierte Arbeitsplätze entstehen ("Netto ist nicht bekannt dafür, dass er seine Leute gut zahlt"). Außerdem blickte er in die Zukunft, warnte vor der Übernahme durch Hedge-Fonds, sollte das überdimensionale Zentrum in zehn, 15 Jahren leer stehen.

Vergleiche zum Fliegl-Komplex

Alois Wagner fragte: "Was bringt es Erharting?" Er befürchtete eine ähnliche Vorgehensweise wie bei der Ansiedlung des Fliegl-Komplexes in Hart, "wovon wir lange nichts erfahren haben". Den dann verbauten Grund für das Logistikzentrum bezeichnete er als Wahnsinn. Wer könne garantieren, dass die versprochenen Arbeitsplätze inklusive "gscheiter Ausbildungsplätze", wovon die Jugend profitieren könne, auch tatsächlich kommen werden? "Und nicht etwa Hartz-VI-Empfänger, die mit dem Stapler fahren." Er selbst verstehe nicht, warum sein privates Bauvorhaben vom Landratsamt aufgrund von Naturschutzgründen und zum Zwecke des Erhaltes von Erholungsraum im Außenbereich abgelehnt worden sei, zu einem Zeitpunkt, zu dem der Fliegl-Komplex in unmittelbarer Nähe bereits genehmigt gewesen sei. "Offensichtlich ist da viel Geld geflossen", vermutete Günther Gassner.

Gewerbesteuer im sechsstelligen Bereich

Die Informationen seien zu dürftig, zu vage sind Richard Stefke auch die Aussagen von Netto über die Zahl der Arbeitsplätze. "Ob 200 oder 300 - das ist ein Unterschied von 50 Prozent." Er erwartet mehr Klarheit darüber.

Kobler rechtfertigte das Pro des Gemeinderates für das Logistikzentrum damit, dass auch Gewerbesteuer fließe. "Im sechsstelligen Bereich", entgegnete er den Zuhörern, die an Steuereinnahmen zweifelten. Kobler fügte hinzu, dass Halbtages-Jobs entstünden, wovon vor allem Frauen profitieren könnten. Alois Wagners Vorschlag, alternativ zum Logistikzentrum ein Gewerbegebiet auszuweisen und mit Handwerksbetrieben zu füllen, sodass eine vernünftige Entwicklung möglich sei, erteilte Kobler eine Absage. Die Gemeinde könne es sich finanziell schlichtweg nicht leisten, hier in Vorleistungen zu treten.

Rahmen für weitere Planung schaffen

Der Bürgermeister verdeutlichte noch einmal, dass es sich gegenwärtig lediglich um einen vorhabenbezogenen Bebauungsplan handle, die Eingebungen würden die Basis und den Rahmen für die weitere Planung bilden. An die Einschränkungen und Auflagen von Behörden, wie in diesem Falle auch seitens des Wasserwirtschaftsamtes, habe der Investor einzuhalten. Es handle sich zum jetzigen Zeitpunkt keinesfalls um ein abgeschlossenes Verfahren.

Die Zuhörer zeigten sich jedoch wenig verständnisvoll, monierten auch ein zu erwartendes höheres Verkehrsaufkommen durch Lkw-Verkehr, auch in der Nacht. Diese Belastung werde durch ein schalltechnisches Gutachten entsprechend definiert, erklärte Planer Schwarzenböck, "eine Beschränkung wird im Rahmen der Bauleitplanung eingearbeitet."

je/Mühldorfer Anzeiger

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