Ist Ehelosigkeit angemessen?

+
Fünf Priester am Altar, ein Bild, das es nur zu besonderen Anlässen gibt. Die Realität sieht anders aus, immer häufiger steht kein Priester zur Verfügung, auch in der Region gibt es viele Wortgottesdienste. Weihbischof Bernhard Haßlberger hat die Zölibatsdiskussion jetzt erneut angestoßen.

Mühldorf - "Wie stehen Sie zum Zölibat?", wollte der Mühldorfer Anzeiger von Verantwortlichen in Kirchen und Pfarreien wissen - und erhielt eindeutige Antworten. Sogar ein Dekan spricht sich für die Abschaffung aus.

Der Weihbischof brachte dieses Mal den Stein ins Rollen. Nicht von der Kanzel herab, sondern im lockeren Gespräch. Mit Schülern einer zehnten Klasse plauderte Bernhard Haßlberger Mitte Januar über Gott und die Welt - und den Zölibat. Dass "diese Lebensform nicht einfach sei", wird Haßlberger zitiert; dass es Priester gebe, die darunter "leiden". Und: "Für die, die sich damit schwer tun, wär's wohl gut", wenn sie Priester bleiben und trotzdem eine Familie gründen könnten.

Dekan Roland Haimerl ist wenig überrascht von Haßlbergers Äußerungen: "Ich kenne ihn schon lange. Und ich kenne auch seine Meinung zu diesem Thema", sagt Haimerl. Trotzdem hat Haßlbergers Klassengespräch für Schlagzeilen gesorgt, die nächste Runde in der Endlosdiskussion um das Für und Wider des Zwangszölibats ist eröffnet - und Haßlberger nicht allein mit seiner Meinung.

Zuletzt hatte sich der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick in einem Spiegel-Interview dafür ausgesprochen, "ernsthaft" über eine Abschaffung nachzudenken. Und wer weiter zurückgeht, stößt in internen Kirchenunterlagen auf einen prominenten Zweifler: Bereits im Jahr 1970 stellten nach Informationen der Süddeutschen Zeitung neun Bischöfe in einem Memorandum den Pflichtzölibat in Frage: Einer der Unterzeichner war Joseph Ratzinger. Und der ist heute Papst.

Die Argumente waren damals wie heute die gleichen: Priestermangel ebenso wie die Tatsache, dass es "theologisch einfach nicht richtig" sei, "dass man in neuen geschichtlichen und gesellschaftlichen Situationen etwas nicht überprüfen" könne. Anders ausgedrückt: Die Kirche müsse sich fragen, ob der Zölibat noch zeitgemäß ist. 40 Jahre ist das her, bewegt hat sich seitdem aber nichts.

Das Thema beschäftigt natürlich auch die Katholiken in der Region, vom einfachen Kirchgänger bis zu den Verantwortlichen in den Pfarreien. So sprechen sich in unserer Umfrage vom Jugendseelsorger über den Diakon bis zur Vorsitzenden des Kreiskatholikenrates alle Befragten für die Abschaffung des Pflichtzölibats aus. Einzige Ausnahme: Dekan Roland Haimerl, der die "Ehelosigkeit für eine Lebensform hält, die dem Priester angemessen ist".

Sein Garser Kollege, Pater Ulrich Bednara, sieht das anders. "Priester sollten die Möglichkeit haben zu heiraten", sagt er und begrüßt die Diskussion an sich: "Da die Kirche ohnehin in Jahrhunderten denkt, kann sie ja schon mal anfangen zu denken. Und vielleicht hat dann die nächste Generation etwas davon."

ha/Mühldorfer Anzeiger

Zurück zur Übersicht: Region Mühldorf

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser