Mit einem Schlag aus dem Leben gerissen

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Mühldorf - Mit einer Bierflasche hat ein 22-jähriger einen 69-jährigen Mühldorfer völlig grundlos schwer verletzt. Dafür muss er jetzt für mehr als drei Jahre ins Gefängnis.

Es war Frühjahr, ein sonniger Tag im März, und Günther E. war gerade dabei, seinen Garten auf Vordermann zu bringen. Da nähert sich eine Gruppe Jugendlicher, allesamt betrunken. Zwei gingen vornweg, einer blieb zurück. Aus Spaß hatten sich die jungen Männer mit Pfefferspray besprüht, dem letzten brannte die beißende Chemikalie dermaßen im Gesicht und auf der Lunge, dass er sich würgend auf der Straße wand. Der 69-Jährige bemerkte das seltsame Verhalten des 22-Jährigen, der sich zudem verdächtig nahe an seinem Auto aufhielt. "Du, mei Auto speibst ma ned an!", warnte er den Fremden. Und daraufhin passierte das Unfassbare: Der junge Mann richtet sich auf, holt aus, und mit einem gezielten Wurf donnert er dem nicht einmal zwei Meter entfernt stehenden Rentner eine volle Flasche Bier an den Kopf. "Du alte schwule Sau", ruft er.

"Die Flasche ist regelrecht explodiert", erinnert sich ein Zeuge vor Gericht. Mit einer Mittelgesichtsfraktur, doppeltem Kieferbruch und Schnittwunden wird Günther E. in ein Münchener Klinikum eingeliefert. Die Jugendlichen sind längst geflohen. Der bis zu jenem Tag im März vitale und gesunde E. lag eineinhalb Tage lang im künstlichen Koma, sein Gesichtsknochen wird noch heute von 48 Schrauben fixiert, zahlreiche Operationen - die längste achteinhalb Stunden lang - musste er seitdem über sich ergehen lassen. Äußerlich sieht man die Narben kaum mehr, viel schlimmer sind jedoch die seelischen Schäden, die kein Arzt wegoperieren kann. Immer wieder bricht er während der Gerichtsverhandlung in Tränen aus, erzählt von Alpträumen und seiner Angst vor Jugendlichen. Richter Florian Greifenstein und seine Schöffen zeigen sich sensibel, bremsen das Opfers nicht und sparen sich die unangenehmsten Fragen - die Faktenlage ist ohnehin klar.

Als ehemaliger Fußballtrainer, Vereinsvorstand, stellvertretender Kreisvorsitzender des Bayerischen Landessportverbands und Mitarbeiter des Altöttinger Kreisjugendamts habe er immer mit Jugendlichen gearbeitet, habe sie gefördert und gemocht: "Ich war immer für die Jugend da, und dann passiert mir so was!" Greifenstein versuchte, aus dem 22-jährigen Angeklagten, der in Neuötting lebte, die Gründe für sein Tun zu ergründen - erfolglos. Nichts habe er sich gedacht, er sei halt betrunken gewesen, erklärt der arbeitslose gelernte Bodenleger, der als 14-Jähriger zum ersten Mal straffällig geworden ist. Zehn Bier und mindestens einen Liter Wodka habe er intus gehabt, da habe er sich nicht mehr unter Kontrolle gehabt. Außerdem habe ihn ja der alte Mann zuerst beleidigt, "verpiss dich" will er gehört haben.

Sowohl diese Lüge als auch die Korrespondenz des Täters aus der U-Haft heraus, in der er einem Freund gegenüber beklagt, "von einer Ratte verpfiffen" worden zu sein, zeugen von wenig Einsicht und Reue des gebürtigen Mühldorfers. Drei Jahre und drei Monate hat er nun Zeit, im Gefängnis doch noch die ungeheure Brutalität und die Sinnlosigkeit seines Verbrechens zu erkennen.

zip/Oberbayerisches Volksblatt 

Rubriklistenbild: © dpa

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