Brauerei wird zur Steuerkanzlei

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Für mehrere Millionen Euro hat Max Reichert das alte Ramboldhaus am Stadtplatz umgebaut. Es birgt über Jahrhunderte gehende Stadtgeschichte und verbindet nach der Renovierung alte Bausubstanz und moderne Einbauten wie im Innenhof der Treppenturm und der neue Übergang zum Rückgebäude.

Mühldorf - Die Handwerker packen ihre Sachen, die letzten Leitungen sind verlegt: Nach 16 Monaten Bauzeit haben im alten Ramboldhaus Steuerberater, Ärzte und Geschäftsleute das Sagen.

Vom lang gezogenen Flur aus fällt der Blick durch Glastür und Fenster auf das Bild der letzten Ritterschlacht bei Ampfing, das auf der gegenüberliegenden Seite des Stadtplatzes die Fassade der Frauenkirche ziert. "Das passt", lächelt Consilia-Geschäftsführer Max Reichert, dessen Familie das alte Haus saniert hat. "Schließlich ziehen wir für unsere Klienten jeden Tag in den Kampf."

Max Reichert.

Auch die letzten 16 Monate waren kein Spaziergang, allerdings ging es da nicht um Lücken im Steuerrecht oder Paragrafen in den Gesetzbüchern, sondern um Statik, Bohlenbalken, Holzdielen. Tag für Tag mussten Entscheidungen gefällt werden, meistens ging es dabei nicht nur um den Denkmalschutz, sondern auch um eine Menge Geld. Wie teuer Reichert die aufwendigste Sanierungsmaßnahme des vergangenen Jahres am Stadtplatz letztlich gekommen ist, will der Investor nicht preisgeben. Aber man muss kein Prophet sein, um auf einen Betrag im ordentlich siebenstelligen Bereich zu kommen.

"Ich hätte es mir leicht machen und in einen Supermarkt in Braunschweig investieren können", sagt Reichert. "Es hätte nicht so viel Gerede gegeben und die Rendite wäre wahrscheinlich doppelt so hoch ausgefallen. Aber ich hätte heute auch nicht halb so viel Freude an meiner Investition." Schon die Planung zusammen mit Architekt Klaus Seidel habe bei allem Stress "einen Riesenspaß" gemacht. "Da ging nicht nur den Denkmalschützern das Herz auf." Nein, auch der Investor habe mehr und mehr das Gefühl gehabt, mit der Sanierung Nachhaltiges zu schaffen: "Aus ökonomischer, ökologischer und sozialer Sicht".

Es ist kein Zufall, dass Reichert die wirtschaftliche Komponente an erster Stelle nennt, sonst hätte er wohl seinen Beruf verfehlt. Aber es ist ihm eben auch wichtig, dass es in den letzten zwei Jahren nicht nur um Zahlen ging, sondern auch um Tradition und Geschichte. Und davon besitzt das alte Ramboldhaus viel.

Sechs Bauphasen hat das Gebäude in über 700 Jahren hinter sich, die Wurzeln des dreigeschossigen Eckhauses liegen im 13. Jahrhundert. Damals war es ein Turm. Zeugnis dafür legt der Keller ab, der bis heute in seiner spätromanischen Gestalt mit spitzbogigen Lichtnischen erhalten ist. Um 1540 entstanden der Arkadengang zum Stadtplatz hin, die zweite Etage und das Dachgeschoss; auf 1640 wird das Rückgebäude datiert. Erstaunlicherweise überstand das Haus den großen Stadtbrand 1640 nahezu unbeschädigt.

1830 kaufte Xaver Ramold das Anwesen, in dem zuvor eine Brauerei untergebracht war. Der neue Eigentümer nutzte das Gebäude zur Leder- und Schuhwaren-Herstellung. In der Folge veränderte sich das Gebäude vor allem im Inneren: Wände wurden herausgerissen, andere kreuz und quer neu eingezogen, Decken verkleidet und neue Fußböden verlegt - der Albtraum jedes Denkmalschützers.

Brauer und Lederer waren hier also zu Hause, nun regieren in den nächsten Jahren Ärzte, ein Apotheker, eine Einzelhändlerin sowie viele Juristen und Steuerberater. Der Mietvertrag mit Consilia läuft über 15 Jahre.

Das Erdgeschoss im Hinterhaus mit dem gut erhaltenen Kappengewölbe soll noch vermietet werden. "Ein Weinhandel wäre schön. Auf alle Fälle etwas, das hierher passt", sagt Reichert und hält inne: "Nein, ein Antiquitätenladen, das wär's."

ha/Mühldorfer Anzeiger

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