Beim Papst in Berlin

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Hermann Höllenreiner darf auf Einladung der Fraktion „Die Linke“ nach Berlin fliegen um am 22. September Papst Benedikt XVI. zu treffen.

Mettenheim - Als Kind hat Hermann Höllenreiner den Holocaust erlebt. Es hat lange gedauert, bis er über die Erlebnisse dieser Zeit gesprochen hat.

Heute spricht er offener darüber, verschafft sich und anderen Opfer Gehör. Mit Bundespräsident Christian Wulff reiste er Anfang des Jahres zum Holocaust-Gedenktag nach Auschwitz. Am 22. September ist er zum Papstbesuch nach Berlin eingeladen.

Viele Leute hat Hermann Höllenreiner in seinem Leben kennengelernt: Leute von nebenan, international erfolgreiche Geschäftsleute und Politiker wie den Bayerischen Ministerpräsidenten oder den Bundespräsidenten. Erst kürzlich sprach er mit einem Bekannten darüber, wen er kennengelernt hat und wer in dieser Reihe noch fehlt: Der Papst, sagte er nur aus Spaß. Am 22. September soll daraus aber Ernst werden.

Die Einladung der Fraktion "Die Linken" kam überraschend für ihn, hat er überhaupt keinen Bezug zu der Partei. Auch kann er es nicht nachvollziehen, wieso er und seine Frau als zwei von 70 Personen zur Rede vom Papst im Bundestag geladen sind. "Für mich ist die Einladung eine große Ehre", erzählt Hermann Höllenreiner. Hermann Höllenreiner ist aufgeregt, wird nervös, wenn er von der anstehenden Reise spricht. Mit seiner Frau reist er für zwei Tage nach Berlin, wo er außerdem zu einem Treffen mit der Fraktion "Die Linke" eingeladen ist und am Abend am Gottesdienst mit dem Papst im Olympiastadion teilnimmt.

Als Neunjähriger kommt er mit seinen Eltern und seiner Schwester als Angehöriger der Volksgruppe Sinti ins Lager nach Auschwitz im März 1943. Aus Hermann Höllenreiner wird an diesem Tag die Nummer Z-3526, die auf seinem linken Unterarm eintätowiert ist. Die Erinnerungen an den Holocaust sind für ihn heute noch lebendig: Das Wissen, was in dem Konzentrationslager passiert, die drohende Zwangssterilisation und der Todesmarsch, wo ihm schließlich im Belower-Wald die Flucht gelingt.

Als er vor sieben Jahren zum ersten Mal am 2. August zum Gedenktag nach Auschwitz reist, kommt das einem Wendepunkt in seinem Leben gleich. Er setzt sich verstärkt mit seiner Vergangenheit auseinander und trifft Leute mit dem gleichen Schicksal. Ihm ist es ein Bedürfnis, dass die Vergangenheit nicht in Vergessenheit gerät. Offen spricht er mit Jugendlichen bei Gedenktagen in Auschwitz, stellt sich ihren Fragen, klärt auf. Dies war nicht immer so, denn lange Zeit trug er seine Erlebnisse alleine mit sich herum.

Er kann nur Vermutungen anstellen, wieso die Wahl zum Papstbesuch auf ihn gefallen ist. Zum einen gibt es immer weniger Holocaust-Überlebende, zum anderen hat er heuer in seiner Rede beim Gedenktag am 2. August in Auschwitz ein Thema angesprochen, das ihm sehr am Herzen liegt: Ein Denkmal für die ermordeten Sinti und Roma in Berlin.

Er empfindet es als "skandalöse Verzögerung", dass das Denkmal seit 18 Jahren geplant ist, aber immer noch nichts passiert ist. Der Platz ist ausgesucht, die Genehmigung liegt vor und doch ist man keinen Schritt weiter. Wenn sich bei seinem Besuch in Berlin die Gelegenheit bietet, will er darüber sprechen.

Wie so oft will er sich und anderen Opfer Gehör verschaffen. "Ich will bei der Eröffnung des Denkmals dabei sein."

hi/Mühldorfer Anzeiger

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