Auf die Glocken gekommen

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Bürgermeister Dr. Karl Dürner auf der St.-Benno-Glocke aus dem Jahr 1923.

Schwindegg - Wo kommen denn diese Glocken her, mag sich mancher Schwindegger in den vergangenen Wochen gefragt haben. Bürgermeister Dr. Karl Dürner weiß die Antwort.

"Die gehören uns!" An drei Stellen im Gemeindegebiet erinnern die ehernen Geläute an längst vergangene Tage.

Schwer und massiv in der Erscheinung, eindrucksvoll im Klang: Über 80 Jahre taten die Walksaicher Kirchenglocken ihren Dienst. Im Jahr 2004 war dann allerdings Schluss, es hatte sich ausgeläutet, das Geläute und der Glockenstuhl waren schadhaft, drohten zu brechen. Die vier Glocken mussten raus aus dem Turm.

"Der Austausch von Glocken ist im Moment eigentlich eine Seltenheit, die meisten Glocken wurden ja nach dem Zweiten Weltkrieg im Zuge der allgemeinen Wiederaufbauarbeiten saniert", erklärt Rathaus-Chef Hans Braunhuber.

Der eigentliche Besitzer der Walkersaicher Glocken, die Kirche, wollte die schweren Eisenstücke nach ihrer Demontage verkaufen. Doch da trat Bürgermeister Dr. Karl Dürner auf den Plan: "Stopp! Die Glocken gehören der Gemeinde!" Von der Kirche gab es keine Widerworte, Schwindegg war über Nacht auf die Glocken gekommen.

Per Lkw wurden die zwischen zehn und 15 Zentner schweren Trümmer in den Bauhof der Gemeinde transportiert. In den vergangenen Monaten erfuhren sie eine Generalüberholung, wurden für rund 5000 Euro sandgestrahlt, neu verzinkt, legiert und angestrichen. Um die guten Stücke künftig sicher aufstellen zu können, erhielten sie zudem einen Stahlsockel, die Klöppel wurden fixiert. Doch wozu der ganze Aufwand?

Für Bürgermeister Dürner ist der Fall klar: "So etwas darf man nicht hergeben. Das sind ja nicht nur Glocken. Ihr materieller Wert steht in keinem Verhältnis zu ihrem ideellen, historischen und sozialen Wert!" Jahrzehntelang hätten die Glocken den Walkersaichern die Stunde geschlagen, sie durch die schweren Kriegsjahre geführt und früher sogar den Feuerwehralarm ausgelöst. "Der Klang dieser Glocken begleitete zwei Generationen", sagt Dürner.

Die Einführung des Geläuts war jedoch noch unter keinem guten Stern gestanden. Wie alte Aufzeichnungen belegen, waren zwei der Glocken am 15. Februar 1920 zum Preis von 8910 Mark von der Firma Schilling aus Apolda gekauft worden. Die alten Glocken waren bereits 1917 zum Preis von 13,50 Mark vom Turm abgenommen und für weitere 6 Mark zur Bahn transportiert worden.

Gegen den Glockenkauf aber legte das Ordinariat im März 1920 Einspruch ein: Der Ton einer solchen Gussstahlglocke sei "nicht erträglich". Das Mühldorfer Bezirksamt bestätigte das Ordinariat am 5. Mai 1920: "Ein feierliches Geläute in diesem Sinne wird wohl nicht zu erreichen sein." Und auch für die Kirchenverwaltung hagelte es Kritik: "Ein Antrag, der nicht die Zustimmung der aufsichtlichen Behörde erlangt hat, ist nicht durchzuführen." Am 17. Mai machte der Buchbacher Pfarrer beim Erzbischof Druck: "Die Glocken sind bereits am 15. Mai angekommen und warten auf die kirchliche Weihe und Aufstellung. Um die Bevollmächtigung eines Geistlichen zur Vornahme der Weihe dieser Glocken wird hiermit gebeten." Am 19. Juni 1920 sollte ein Gutachten eines Domkapellmeisters Klarheit bringen, erlösendes Fazit: "Die Zusammenstimmung der neuen Glocken (...) ist sehr glücklich ausgefallen."

Wann die feierliche Einweihung des Geläuts schließlich stattfand, ist nicht mehr überliefert. Fest steht nur, dass eine dritte Glocke 1923 ersetzt wurde - die alte kam nach Stephanskirchen, die neue St.-Benno-Glocke ziert heute den Rathausplatz. Wann die vierte der heute noch erhaltenen Glocken nach Walkersiach kam, ist den Unterlagen des Pfarrverbands Buchbach nicht mehr zu entnehmen.

Interessant ist jedoch ein kleiner Satz im Bericht des Bezirksbaumeisters Fischer aus dem Jahr 1921, als er in der Glocken-Causa über den Zustand der Walkersaicher Kirche schrieb: "Im Turm befinden sich drei größere und zwei kleinere Glocken." Also muss es früher fünf Glocken gegeben haben! Hans Braunhuber jedoch kann aufklären: "Die fünfte Glocke hängt heute noch als sogenannter Stundenschlag in der unteren Glockenstube."

In ihrer neuen Pracht zieren nun drei der 2004 abmontierten alten Glocken den Platz vor dem Schwindegger Rathaus sowie das Schwindegger und das Walkersaicher Kriegerdenkmal. Die vierte Glocke befindet sich laut Braunhuber zwar in Privathand, "aber mia ham den Klöppel!", betont Dürner.

Schwindegg, das politisch zwar zu Walkersaich, kirchlich aber zu Obertaufkirchen gehört, erfreut sich nun an seinem bedeutenden Geläut. "Den passenden Kirchturm haben wir ja nicht", bedauert Dürner halb im Scherz, halb im Schmerz. "Für de Schwindegger glangt a Kapelln a", habe der ehemalige Geistliche Rat damals gesagt, als er Obertaufkirchen zum kirchlichen Hauptort des Pfarrverbands machte. In Schwindegg steht seitdem eine Kirche, die zwar fein, aber leider eben auch zu klein ist - zumindest für ein anständiges Geläut.

Da er den Turm für seine Glocken wohl nicht wird bauen können, hofft Dürner zumindest auf ein anderes Ereignis: den zweigleisigen Bahnausbau. "Wenn de Bahn ausgebaut und elektrifiziert ist, dann bring ma's zum Läuten. Dann läut' ma zam!" zip

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