Grüß Gott reicht nicht

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"Der Wille, Deutsch zu lernen, ist bei den meisten unglaublich groß": Stephanie Rothkäppel hat als Ehrenamtliche die Asylbewerber in Mühldorf von der ersten Stunde an begleitet. Unter anderem betreut sie die Schulkinder in Sachen Hausaufgaben.

Mühldorf - Vor über einem Jahr zogen die ersten Asylbewerber in die Unterkunft am Bahnhof ein. Die Bilanz fällt mehr als positiv aus: vom Bürgermeister bis zur Polizei.

"Natürlich ist auch hier nicht immer Sonnenschein. Aber egal vor welchem Problem wir stehen: Wir finden immer eine Lösung", sagt Nicole Simmet. Die Betonung legt sie dabei auf das "Wir". Denn neben der Verwaltungsangestellten der Regierung von Oberbayern ist es vor allem das gut ausgebaute Netz an Ehrenamtlichen und Dolmetschern, das entscheidend dazu beiträgt, dass in der Mühldorfer Gemeinschaftsunterkunft alles seinen geregelten Gang geht.

Wen man auch fragt, alle loben die ruhige und beinahe familiäre Atmosphäre des Hauses. "Von der guten Stimmung in der Unterkunft war ich mehr als überrascht", sagt Gabriele Nagel, die seit September als Sozialarbeiterin in dem Asylbewerberheim tätig ist. Auch Bewohner wie Aref Samadi empfinden das so: "Man kümmert sich sehr gut um uns. Das hilft."

Wie der 24-jährige Afghane warten die meisten der insgesamt 56 Bewohner inzwischen seit über einem Jahr auf ihren Asyl-Bescheid (siehe Infokasten). Einer geregelten Arbeit darf per Gesetz im ersten Jahr des Aufenthalts niemand nachgehen - was die Situation nicht vereinfacht. "Die Langeweile ist unser größtes Problem", sagt Samadi.

Viele andere Schwierigkeiten wurden aus dem Weg geräumt - vor allem dank des Engagements aus dem Haus der Begegnung. "Dass sich vom ersten Tag an rund um die Unterkunft so viel Ehrenamt entwickelt, ist ein absoluter Glücksfall", sagt Bürgermeister Günther Knoblauch und gibt gleichzeitig zu bedenken: "Was wäre denn gewesen, wenn sich niemand gekümmert hätte?"

Knoblauch sieht dabei vor allem den Staat in der Pflicht: "Man muss sich um diese Menschen kümmern. Und zwar mit allen Konsequenzen." Dazu gehöre die Finanzierung einer Sozialarbeiterstelle genauso wie der Abbau von hohen bürokratischen Hürden. "Von den Kleidergutscheinen über die Essenspakete bis hin zur Arbeitserlaubnis: Vor Ort sollten die Entscheidungen fallen, nicht sonstwo."

Vor allem eines habe das vergangene Jahr gezeigt: "Es ist niemandem geholfen, wenn man einmal vorbei kommt und 'Grüß Gott' sagt. Da steckt sehr viel Arbeit drin." Die größte Herausforderung ist nach wie vor die Überwindung der Sprachbarrieren. Alleine das Gewirr an verschiedenen Dialekten von Farsi bis Paschtu macht aus der einfachsten Mitteilung einen komplizierten Kommunikationsprozess. "Es ist ein Segen, dass wir gleich die richtigen Dolmetscher zur Hand hatten", sagt Knoblauch.

Koordination und Organisation lagen von Anfang an in den Händen von Stephanie Rothkäppel und ihren Kolleginnen des Integrationsprojekts "ISIS" der Arbeiterwohlfahrt. Wie Knoblauch spricht auch sie davon, dass "es in vielen Bereichen besser läuft als erhofft".

Was auch daran liege, dass viele Bewohner den gängigen Vorurteilen widersprachen. "Da kamen keine frustrierten Ex-Soldaten oder verjagten Fanatiker", sagt Rothkäppel. "Da kamen gebildete Flüchtlinge, die vom ersten Tag an freundlich, hilfsbereit und zuvorkommend waren. Und das bei allem, was hinter ihnen liegt."

In der täglichen Arbeit müsse man immer auch einen Blick auf die besondere Situation in der Unterkunft haben: "Wenn man zu dritt oder zu viert in einem Zimmer wohnt, gibt es keine Tür, die man mal hinter sich zu machen kann, um seine Ruhe zu haben."

Auch die hohe Lernbereitschaft hat die Verantwortlichen überrascht. "Der Wille, Deutsch zu lernen oder einen Beruf auszuüben, ist bei den meisten unglaublich groß." Und so fällt die ISIS-Gründerin ein klares Urteil: "Die Integrationsbereitschaft, die hier an den Tag gelegt wird, ist deutlich höher als bei den Ausländern, die schon viel länger hier leben."

Neben der überschaubaren Zahl an Asylbewerbern spiele noch ein weiterer Faktor eine entscheidende Rolle: "Das Thema Religion ist für die meisten ein völlig untergeordnetes Thema. Die Angst vor Extremisten, die auch wir anfangs hatten, ist unbegründet."

Auch bei der Polizei habe man sich im Vorfeld "durchaus Gedanken gemacht", räumt Mühldorfs Polizeichef Robert Anderl ein. "Heute können wir sagen: "Strafrechtlich war die Asylbewerberunterkunft im ersten Jahr nahzu unbedeutend." Gerade einmal drei Vorfälle weist seine Statistik für die ersten zwölf Monate aus: einmal geriet ein Ehepaar in Streit, einmal hatten zwei Bewohner eine kleinere Auseinandersetzung. Dazu kam ein minder schwerer Fall von Betäubungsmittelbesitz - es ging um zwei Gramm Marihuana.

Nur an einem Punkt stößt auch die bestens organisierte Hilfe an ihre Grenzen. "Viele Asylbewerber haben psychische Probleme, können nicht verarbeiten, was sie erlebt haben", erzählt Stephanie Rothkäppel, die die meisten Geschichten der Flüchtlinge kennt. "Dabei habe ich eines gelernt: Es ist unglaublich, was Menschen aushalten können."

ha/Mühldorfer Anzeiger

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