Apotheken zwischen Schutz und Abwehrkampf

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Zwei Generationen: Hans-Ulrich, Erika und Judith Spagl in der Bahnhofsapotheke. Foto hon

Mühldorf - Große Veränderungen hat die Apothekenlandschaft in diesem Jahr erlebt. Neueröffnungen, Geschäftsaufgaben, die erste Doc-Morris-Apotheke.

In diesen Umbruch fällt der 75. Geburtstag der Bahnhofsapotheke. An der zweitältesten Apotheke der Stadt wird der Wandel der Branche deutlich. Als Georg Spagl, Apotheker in Neukirchen Heilig Blut, 1935 den Bayerischen Wald Richtung Mühldorf verließ, durfte er das nur mit ausdrücklicher Genehmigung tun. Die Neugründung der Apotheke am Inn war an eine staatliche Lizenz inklusive Bedürfnisprüfung gebunden; der Ort - die obere Stadt - vorgeschrieben. Das Wachstum Mühldorfs in den 30er-Jahren hatte dazu geführt, dass neben der Stadtapotheke, gegründet im 16. Jahrhundert, eine zweite gebraucht wurde.

Trotz der "Quasi-Monopolstellung" waren die ersten Jahre schwierig: Die Kriegszeit brachte Medikamentenmangel, die Arzneiherstellung in der Apotheke wurde wichtiger. Erst mit dem Wirtschaftsaufschwung normalisierte sich auch das Leben in der Bahnhofsapotheke.

Die übernahm 1954 Dr. Rudolf Spagl, Sohn des Gründers und einer der bekanntesten Mühldorfer. Neben seinen Tätigkeiten im Apothekerverband war Spagl Stadtrat, Mentor und Ideengeber des Kreismuseums, Vereinsvorsitzender und schließlich, kurz vor seinem Tod, Ehrenbürger der Stadt. Wenn sich seine Frau Erika an diese Jahre erinnert, erzählt sie von einer goldenen Zeit der Apotheke; einer Zeit, in der der Apotheker zu den angesehenen Männern im Ort gehörte, eine Zeit, in der die Apotheke als Teil des Gesundheitssystems, das damals noch gar nicht so genannt wurde, eine unbestrittene Stellung hatte.

"Es hat sich gar nicht so viel geändert", sagt die 86-Jährige. "Die Leute kommen noch immer voll Vertrauen in ihre Apotheke." Sie suchten Hilfe, Beratung, manchmal nur ein Gespräch.

Obwohl die Beziehung zu Kunden also fast unverändert ist, hat sich die Arbeit stark verändert. Die quasi staatlich geschützte Apotheke gibt es nicht mehr. Heute darf jeder Apotheker eine Apotheke ohne staatliche Genehmigung eröffnen, die weitaus meisten Heilmittel kommen aus der Fabrik, der Verwaltungsaufwand hat durch zahlreiche Gesundheitsreformen zugenommen, die Konkurrenz und der Abwehrkampf gegen Internetapotheken oder Ketten bestimmen die tägliche Arbeit mit.

Trotzdem will Hans-Ulrich Spagl, Enkel des Apothekengründers, wie seine Mutter vor allem das Verhältnis zu den Kunden sehen: "Es geht um Gesundheit, es geht um Vertrauen. Es geht um ein besonderes Gut." Deshalb stehe die Apotheke trotz aller Liberalisierung auch heute unter weitgehendem rechtlichen Schutz, der Kettenbildung einschränke und Medikamentensupermärkte verhindere. "Wir müssen auch in Zukunft verhindern, dass Medikamente als normale Ware verramscht werden." Wirtschaftlich, davon ist Spagl überzeugt, kann eine Apotheke trotz Sparzwangs und höherer Kosten noch immer Geld verdienen.

Auch deshalb sind Spagl und seine Frau Judith sicher, dass die Einzelapotheke Zukunft hat. Ob es eine vierte Generation Spagl in der Bahnhofsapotheke geben wird, ist dagegen nicht sicher: Der Sohn geht noch zur Grundschule, wie sein Vater bekommt er das Leben in der Apotheke jedoch hautnah mit. Für eine Berufsentscheidung aber ist er noch viel zu jung.

hon/Mühldorfer-Anzeiger

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