1000 alte Sachen

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Die Liebe zu Antiquitäten bekam Markus Geißler in die Wiege gelegt: Mit fünf Jahren war er zum ersten Mal auf einer Auktion. Der Opa sammelte Münzen, der Vater sammelt Uhren, er selbst sammelt Bajonette. In seinem Laden verkauft er aber keine Waffen. "Dafür gäbe es hier auch keinen Markt." Ganz im Gegensatz zu den bunten Mokkatassen.

Mühldorf - Markus Geißler betreibt den einzigen Antiquitätenladen der Stadt. Echte Sammler kommen eher selten in sein Geschäft, aber wer kauft dann hier ein?

Die meisten Interessenten suchen nach Dingen, die sie wirklich brauchen können.

Schade, dass sie nicht erzählen können - all die Tassen, Teller, Gläser oder Bilder. Woher sie kommen? Oder was sie schon erlebt haben? Und vielleicht auch, wie es sich anfühlt, jetzt in dem kleinen Laden in der Spitalgasse auf einen neuen Eigentümer zu warten? Monate lang. Aber was machen schon ein paar Monate, wenn man zum Teil weiter über 100 Jahre auf dem Buckel hat.

So muss eben Markus Geißler mit Geschichten aushelfen - fast zu jedem Objekt hat er eine parat. Zu dem kleinen Schaukelpferd zum Beispiel, das weit hinten einen gemütlichen Platz gefunden hat. "Es könnte aus einem Militärhaushalt stammen", sagt Geißler. Woher er das weiß? "Satteldecken auf einem Schaukelpferd sind eher selten. Das erinnert stark an die Kavallerie im Kaiserreich."

Weiter vorne stehen die beiden ältesten Stücke, die Geißler derzeit im Angebot hat: zwei Kirchenstühle. "So zwischen 1760 und 1780", schätzt er. Erst im Zuge der Restaurierung sei ihre ursprüngliche Bestimmung zum Vorschein gekommen. Die Flamme auf der bemalten Lehne stehe symbolisch für den Heiligen Geist. "Die kommen wohl aus einer Sakristei."

Und das teuerste Objekt? "Ein Bild von einem relativ bekannten englischen Künstler." Mehrere tausend Euro soll es bringen, wenn sich ein Käufer findet. Kein einfaches Unterfangen. "Deshalb habe ich Bilder meistens nur in Kommission hier. Sie brauchen Platz und verkaufen sich in Mühldorf eher schlecht."

Dagegen sind die kleinen Mokkatassen der Renner. Und der Antiquitätenhändler weiß auch genau, warum: "Natürlich, weil sie ein Hingucker sind und viel mehr Charakter haben als jede Tasse aus dem Möbelmarkt." Aber vor allem, weil man sie täglich gebrauchen kann. "Heute trinken die Leute daraus eben ihren Espresso."

Damit stehen die bunten Tassen mit den feinen Untersetzern symbolisch für das, was der 42-Jährige täglich erlebt: "Die meisten Leute wollen etwas, was sie im Alltag weiter verwenden können." Die echten Sammler sind dagegen eher die Ausnahme.

Mit 150 Objekten hat Markus Geißler im Juli 2009 seinen Laden eröffnet, heute sind es rund 1000. Nur Ware aus dem Dritten Reich kommt ihm nicht ins Geschäft. "Das Zeug will ich hier nicht haben."

Über 90 Prozent seiner Kundschaft ist weiblich, erzählt Markus Geißler. Deshalb reicht ein schneller Blick durch den Raum, um zu sehen, wo er seinen Schwerpunkt setzt: Gläser, Teller, Bierkrüge, Kerzenleuchter und Vasen dominieren das Bild. Dazu gibt es aufwendig gestaltete Salz- und Pfefferstreuer, witzige Flaschen, schmuckvolle Kaffeekannen. "Von A bis Z, von der Anbietschale bis zur Zuckerdose, habe ich alles da. Rund 1000 Objekte", sagt Geißler. Das meiste stammt aus der Zeit zwischen 1850 und 1945.

Der Mühldorfer gehört zu den Experten im Antiquitätenhandel in der Region - mit einer bemerkenswerten Ausbildung im Rücken. Am Privatinstitut des weltberühmten Auktionshauses "Sotheby's" in London hat er seinen "Master Fine & Decorative Art" abgelegt, dort hat er seinen Blick geschärft, um zum Beispiel vom wertlosen Plunder Flohmarkt von einer echten Rarität zu unterscheiden. "Wenn es perfekt läuft, kaufe ich einen Bierkrug für drei Euro ein und gebe ihn für 200 Euro wieder her. Doch der Alltag ist das leider nicht."

Der Alltag ist - wirtschaftlich gesehen - eher trist, sagt Geißler. "Die Preise sind im Keller und die goldenen Zeiten für Antiquitätenhändler leider vorbei. Wanduhren zum Beispiel seien in den 1980er Jahren für 350 Mark gehandelt worden. "Heute bringt ein gewöhnlicher Regulator gerade mal noch 60 oder 70 Euro." Ähnlich verhalte es sich bei Biedermeier-Gläsern. "Was früher für 2000 Mark über den Ladentisch ging, kostet heute gerade einmal 400 Euro." Dazu sorgt die Wirtschaftskrise für Zurückhaltung. "Die Leute bezahlen Wohnung, Essen, Auto, Kleidung. Da steht der Luxus einer Antiquität weit hinten an."

Internetplattformen wie Ebay haben seiner Meinung nach vor allem Einfluss auf den "kleinpreisigen Markt bis 30 Euro". Ein weitaus größeres Problem sei die Flut an Informationen, die im Netz kursiere. "Viele, die zu mir kommen, um etwas zu verkaufen, haben völlig falsche Preisvorstellungen im Kopf. Nur weil sie bei Ebay oder 'Kunst und Krempel' ein ähnliches Teil entdeckt haben."

An Nachschub mangelt es nicht. Haushaltsauflösungen, Flohmärkte: "Angeboten wird genug", sagt er, der an seinem Beruf vor allem eines schätzt: "Wer hier einkauft, sucht etwas Besonderes. Und wenn er es findet, ist es für ihn ein großes Glück. Und für mich auch."

ha/Mühldorfer Anzeiger

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