24-Stündige Mahnwache

Veganer Protest vor dem Ampfinger Puten-Schlachthof

Protestaktion vor dem Ampfinger Puten-Schlachthof
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(vlnr) Renate und Pascal Schumacher aus Oberbergkirchen wollen genau wie Claudia Helbling und Mandy Hübner die Zustände in der Putenindustrie anprangern.

Ampfing - Fleisch oder nicht: Um diese Frage ging es bei einer Protestaktion vor dem Ampfinger Puten-Schlachthof.

Dass die Anlage in Ampfing schon vor ihrer Inbetriebnahme umstritten war, davon zeugt noch heute ein Bürgerentscheid aus dem Jahr 2002. Dieser hatte allerdings zum Ergebnis, dass in dem ab 2001 errichteten Schlachthof schließlich doch die Arbeit aufgenommen werden durfte. Putenfleisch wird immer beliebter, sodass der Schlachthof seither bereits dreimal erweitert wurde und nach Informationen der Betreiber inzwischen mehr als 400 Mitarbeiter beschäftigt. Kritik kam im vergangenen Jahr auf, als verstörende Videos von Transporten aus Zulieferbetrieben in Ungarn aufgetaucht waren, die in landes- und bundesweiten Medien ausgestrahlt wurden. Donnerstag und Freitag letzter Woche fand erneut eine 24-stündige Mahnwache in Ampfing statt.


Wie schon im vergangenen Herbst, ging es auch bei dieser Protestaktion im Grunde um die Prinzipienfrage nach Fleisch oder nicht. Die handvoll Gegner, von denen einige auch aus dem Landkreis kommen, sind allesamt Veganer und setzen sich daher gegen die Fleischwirtschaft generell ein. Die Kritik der Initiatorin Claudia Helbling vom Verein „Tierversuchsgegner München – Menschen für Tierrechte e.V.“ richtet sich aber schon im besonderen gegen die Putenindustrie, da ihrer Ansicht nach die Verbraucher hier besonders getäuscht werden. Auf diese Tiere hat sich die Münchner Aktivistin in den vergangenen fünf Jahren unter Anderem durch Praktika in der Branche spezialisiert: „In freier Wildbahn wiegen die Tiere deutlich weniger und leben bis zu zwölf Jahre“, erklärte die Aktivistin bei der Mahnwache in der vergangenen Woche. In der Mast kämen aber Zuchtlinien zum Einsatz, deren Skelett und Kreislaufsystem der schnellen Gewichtszunahme kaum gerecht werden könnten. Wie auch ihre Mitstreiter, wie Pascal und Renate Schumacher aus Oberbergkirchen betonen, hätten die Zuchtlinien, die zur Schlachtung nach Ampfing kommen, mit solchen freilebenden Tieren nichts mehr gemeinsam. Von nur noch drei „Herstellern“ würden infertile Küken an Mastbetiebe weltweit geliefert, wo sie dann in rund 20 Wochen auf das Schlachtgewicht von durchschnittlich 14(weiblich) bzw. 21 Kilo(männlich) angefüttert werden. Als besonders robust bezeichnet ein „Hersteller“ seine durch Inzucht auf besonders viel Brustfleisch getrimmten Tiere mit der Bezeichnung „B.U.T. 6“, die darüber hinaus mit einer täglichen Gewichtszunahme von 100 respektive 154 Gramm beworben werden. „Dass man auf sowas überhaupt Appetit haben kann?“ fragte Mandy Hübner vom Tierrechte Regensburg e.V., die ebenfalls nach Ampfing gekommen war.

Der Protest der Tierschützer ist grundlegend: lieber auf Fleisch verzichten, als Tiere zu töten.

Wie die Statistiken der Branche zeigen, erreichen rund 20% der Tiere das Schlachtalter nicht und das, obwohl Studien belegen, dass praktisch jedes Mast-Truthuhn zumindest eine Antibiotikabehandlung in seinem kurzen Leben erhält. Altbekannte Probleme der Massenhaltung sind den Tierschützern zufolge das „Federnpicken“, das bis hin zum Kannibalismus reichen kann. Zwar werden den Tieren in deutschen Mastbetrieben deswegen nicht mehr auf schmerzhafte Weise die Schnäbel abgeschnitten. Doch um die Tiere in den beengten Verhältnissen vor gegenseitigen Verletzungen zu schützen, werden die Schnäbel nun mit einem neuartigen Infrarotverfahren gekürzt. „In Osteuropa, wo die Betriebe ja auch viel größer sind, wird das alte Verfahren immer noch angewendet“, behauptet Claudia Helbling. Das ist insofern entscheidend, als dass Zahlen des statistischen Bundesamtes belegen, dass weniger als Dreiviertel der Schlachttiere auch hierzulande gemästet wurden. Im Zuge des Transport-Skandals im vergangenen Jahr wies Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger(CSU) darauf hin, dass die Kennzeichnungspflicht der EU die Verschleierung dieser Fakten begünstige: sofern das Fleisch bei uns weiterverarbeitet worden ist, also beispielsweise zum gewürzten Geschnetzelten, dann dürfte das Fleisch sogar als „bayerisches Erzeugnis“ in den Handel kommen. Allerdings hatten Sprecher im Namen der Süddeutschen Truthahn AG betont, dass in Ampfing nur etwa 5% aus Osteuropa zugeliefert würde und dass „keine falsche Etikettierung“ stattfinde, was ja angesichts der Gesetzeslage scheinbar auch gar nicht nötig ist, um die Herkunft der Tiere zu verschleiern.

Als der Transporter die Lage erkannte, schaltete er Blendlichter zu, die ein detailreiches Bild verhinderten.

Besonderen Anstoß nehmen die Tierschützer daher auch weiterhin an den Transportbedingungen der Tiere: „Mich wundert ja, warum die Transporte in letzter Zeit immer Nachts ankommen“, fragte sich in der Nacht von Donnerstag auf Freitag Pascal Schumacher aus dem benachbarten Oberbergkirchen. Früher seien ihm oft auch tagsüber Transporte aufgefallen, die er aber schon seit einiger Zeit vermisse. Auch wenn die Betreiber nach eigenen Angaben im vergangenen Jahr die weitere Zusammenarbeit mit dem umstrittenen Zulieferbetrieb vorerst einstellen wollten, scheint beim Blick auf den Parkplatz der Ampfinger Anlage eine enge Verzahnung mit der osteuropäischen Branche aber zumindest auf Ebene der Arbeitskräfte weiterhin gegeben. „Die werden von Subunternehmen zu prekären Bedingungen geholt“, behaupten die veganen Aktivisten, die in diesem Sinne letztlich sogar für Menschenrechte kämpfen, „Hauptsache billig!“.

pbj

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