Sterben Hausärzte bald aus?

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Ampfing - Wartezeiten bis zu einer Stunde bei Ampfings Hausärzten sind keine Seltenheit, seitdem nur noch drei eine Kassenzulassung besitzen. Nicht alle Praxen nehmen noch neue Patienen auf.

Seit vor etwa einem halben Jahr der vierte Hausarzt in Ampfing seine Kassenzulassung zurückgegeben hat, wissen die Leute nicht wohin. Denn nicht alle Ärzte nehmen noch neue Patienten auf, oder die Aussicht auf lange Wartezeiten schreckt ab. Eine Situation, mit der auch die Mediziner nicht zufrieden sind. „Wir haben sehr viele Patienten, das ist fast nicht zu packen“, sagt Dr. Erich Loserth. Sein Kollege Stefan Feige schätzt die Situation ähnlich ein, bei Dr. Bernhard Sondermaier gibt es seit fünf Jahren einen Aufnahmestopp.

Erleichterung erhoffen sie sich durch eine weitere Praxis, doch die Zeichen stehen schlecht. Weder auf die ausgeschriebenen Assistenzstellen der Ärzte noch auf eine Anzeige der Gemeinde gab es Bewerbungen Warum das Interesse so gering ist, dafür machen die Ärzte einige Faktoren aus: Es fehlt an Planungssicherheit, die Bürokratie nimmt zu und die Hausärzte haben im Gesundheitssystem einen geringer Stellenwert. Sie fürchten, dass sich Ärzte in Medizinischen Versorgungszentren (MZV) konzentrieren, und dabei das Verhältnis zwischen Arzt und Patient auf der Strecke bleibt.

Auf dem Papier gibt es im Landkreis genügend Hausärzte. Der Versorgungsatlas der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern zeigt: Die Praxen verteilen sich nicht gleichmäßig über den Landkreis. Während sich in den Städten die Hausärzte sammeln, schließen in den kleineren Gemeinden immer mehr Praxen. Dieses Problem könnte sich in den nächsten Jahren verschärfen. Denn viele Ärzte rechnen nicht damit, dass sie ihre Praxis an einen jungen Nachfolger übergeben können. Das Durchschnittsalter der Hausärzte liegt heute bei 54,2 Jahre, 31,7 Prozent sind älter als 60 Jahre. Schon in den nächsten fünf bis zehn Jahren rechnet Dr. Karl Dürner aus Schwindegg mit Engpässen bei der medizinischen Versorgung. Und dies könnte sich negativ auf die gesamte Versorgung der ländlichen Region auswirken.

Besonders schlimm ist die Lage in Ampfing

Der Ausstieg der Hausärzte kommt fließend, befürchtet Dr. Erich Loserth. Mit seiner Frau führt er eine Gemeinschaftspraxis in Ampfing. „Viele Studenten tendieren zum Facharzt. Das lässt sich auch daran erkennen, dass es im Landkreis immer mehr Fachärzte gibt“, erklärt Loserth.

Neue Hausärzte kommen hingegen nur kaum nach. Der Mediziner spricht von einer „mageren Region“. Das trifft allerdings nur auf die kleineren Gemeinden zu, in den Städten gibt es genügend. So viele, dass auf den Landkreis bezogen die Quote erfüllt ist, Niederlassung nicht möglich sind. Die wachsende Bürokratie sieht er als weitere Hürde. „Ich bin Arzt geworden, um Medizin zu machen. Nicht um die meiste Zeit für Bürokratie aufzuwenden“, fährt er fort. Der Spaß bleibt immer mehr auf der Strecke, die Grundstimmung macht sich auch beim Nachwuchs breit. Von dem Gedanken, seine Praxis an einen jungen Arzt zu übergeben, hat sich Erich Loserth längst verabschiedet.

Gerade bei den Hausärzten sieht Stefan Feige eine Schlüsselstelle in der medizinischen Versorgung. „Der Allgemeinmediziner müsste am besten ausgebildet sein, um seiner Lotsenfunktion gerecht zu werden.“ Damit der Hausärztestand überlebt, braucht es ein attraktives Umfeld und die Zusammenarbeit zwischen den Ärzten müsse auf Dauer verbessert werden.

Umfrage unter den Patienten:

„Die Situation in Ampfing ist einfach katastrophal. Das Umfeld ist einfach zu groß“, schildert Dr. Bernhard Sondermaier. Seit fünf Jahren nimmt er keine neuen Patienten mehr an. „Ich kann einfach nicht mehr arbeiten.“ Nach den Sprechzeiten macht er noch Hausbesuch, an manchen Tagen bleibt er bis in die späten Abendstunden in der Praxis. „Das System schreckt viele ab, das Image der Allgemeinmediziner ist einfach zu schlecht“, sagt Sondermaier. Die Diskussionen zu den Hausärzteverträgen und dei Vergütung trägt nicht positiv dazu bei. Dementsprechend mager ist die Aussicht auf einen Nachfolger. „Den jungen Medizinern ist das Risiko einfach zu groß, sich mit einer eigenen Praxis niederzulassen. Ihnen fehlt die Planungssicherheit.“ Seit einiger Zeit sucht Bernhard Sondermaier einen Assistenzarzt, die Resonanz auf eine entsprechende Anzeige war gleich Null. Für viele sei die Patienversorgungen nicht länger interessant, viele Medizinstudenten machen Karriere bei Verlagen, Versicherungen oder als Betriebsarzt.

Die Lage der Hausärzte lässt auch die Gemeinde nicht kalt. In einer Anzeige hat die Kommune nach einen Hausarzt gesucht. Ohne Erfolg: „Es gab keine Resonanz auf die Anzeige“, sagt Bürgermeister Ottmar Wimmer. Auch wenn der Ort mit drei Praxen verhältnismäßig gut aufgestellt ist, die Wartezimmer sind aufgrund des großen Einzugsbereich voll. Auf der Suche nach einem vierten Hausarzt hat der Bürgermeister Unterstützung zusagt, stellen sogar Räume zur Verfügung. „Wir bemühen uns um eine optimalere Versorgung“, sagt Wimmer. Geglückt ist es bislang noch nicht.

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hi/Mühldorfer Anzeiger

Rubriklistenbild: © Anette Mrugala

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