Frieren für den Traumberuf

+
Die Archäologen an der A94 waren auch bei Eis und Schnee im Einsatz.

Ampfing - Windböen peitschen über die ungeschützte Fläche zwischen Bahnstrecke und B12. Vergeblich sind fünf Archäologen damit beschäftigt, ihr Zelt aufzubauen. Immer wieder plustert sich die weiße Plane auf und macht sich selbstständig.

"Den Beruf als Archäologe muss man lieben. Sonst nimmt man Arbeitsbedingungen wie Schmutz, Wind, Eis und Schnee nicht in Kauf", sagt Alexandra Völter. Sie leitet die Ausgrabungen auf der Autobahn zwischen Ampfing und Heldenstein. Ihre Kollegen geben indessen den Kampf mit der Überdachung auf und packen Gerüststangen, Pfosten und Werkzeug zurück in den Jeep. Seit November sind bis zu zehn Archäologen damit beschäftigt, die 4,3 Kilometer lange Strecke auf historische Artefakte zu untersuchen. "Vor Baubeginn beauftragte uns die Autobahndirektion mit den Ausgrabungen. Wir dokumentieren und retten Fundorte, die ansonsten unwiederbringlich verlorengehen", erklärt die Archäologin.

Um den Bau nicht aufzuhalten, ist der Arbeitsablauf genau geplant. Zuerst steckt das Team die Grenzen der meist rechteckigen Grabungsfläche ab und markiert sie mit Nägeln und Schnüren. "Ein Baggerfahrer entfernt dann vorsichtig die Humusschicht. Unsere Mitarbeiter sind sehr gut geschult. Auf den Zentimeter genauer Abtrag mit den Baggerschaufeln ist kein Problem", meint Alexandra Völter. So säumen überdimensionale Maulwurfshügel aus aufgeschütteter Erde die Arbeitsstrecke der Archäologen. "Ich gehe mit der Gartenharke über die Schnittebene und suche meine Schätze", schmunzelt die Expertin. Waren die Archäologen erfolgreich, markieren sie ihre Befunde und legen mit Kelle und Pinsel vorsichtig deren Profil frei.

In kleinen Plastikbeuteln befinden sich die grauen, schwarzen und ockerfarbenen Stückchen aus Ton. Für den Laien sehen die Funde aus wie ein gewöhnliches Stück Erde. Nicht so für Alexandra Völter: "Das Gebiet hier ist sehr ergiebig. Wir haben bereits über 130 Einzelbefunde gesichert." Besonders interessant ist ein Urnengräberfeld aus Ton, das vermutlich aus der Mittelbronzezeit stammt. Genauere Aussagen zur Datierung sind erst nach Untersuchungen im Labor möglich. Mehrere Verhüttungsöfen aus Lehm weisen darauf hin, dass in der Region Eisenerz verarbeitet wurde. Sie stammen, ebenso wie ein sehr gut erhaltener Wandteil mit Holzflechtwerk, aus der vorchristlichen Eisenzeit.

Natürlich ist die genaue Dokumentation der Fundobjekte nötig. Fotografie und Zeichnung der Materialien erfolgt nach vorgegebenen Standards. "Die Ausgrabungen müssen auch für die Nachwelt nachvollziehbar sein. Ich verbringe fast die Hälfte meiner Zeit mit dem Schreiben von Grabungsberichten im Büro. Danach zieht es mich aber wieder raus."

Draußen - das bedeutete in diesem Winter schneebedeckte Flächen, eisige Kälte und eingefrorene Zehen. "Wir haben uns Zelte aufgestellt, in deren Innerem zumindest der Boden auftaut. Trotzdem packen wir uns mit drei bis vier Schichten Kleidung ein und tragen zwei Mützen übereinander", berichtet die 36-Jährige. "Der Job ist harte körperliche Arbeit. Außerdem darf man keine Angst davor haben, sich dreckig zu machen".

So scheint es zunächst verwunderlich, dass die Hälfte der über 30 Firmenangestellten Frauen sind. "Für die meisten von uns ist Archäologe der Traumberuf. Es ist jedes Mal wieder spannend, was wir wohl finden werden. Außerdem sind wir viel unterwegs und treffen interessante Menschen".

Dass ihre Arbeit von manchen Menschen als unnötig und kostspielig angesehen wird, kann Alexandra Völter nicht nachvollziehen: "Nur ein bis zwei Prozent der Bausumme gehen an uns." Bis zum Ablauf der Arbeiten Ende März sind dies voraussichtlich rund 100.000 Euro. Insgesamt beträgt der Kostenaufwand für den Ausbau zwischen Ampfing und Heldenstein 70 Millionen Euro. "Ich bin der Überzeugung, dass unser Beruf wichtig für die Gesellschaft ist. Wir klären entwicklungsgeschichtliche Fragen und zeigen die Wurzeln einer Region auf. Nur wer die eigene Vergangenheit kennt und versteht, kann auch andere Kulturen respektieren."

wit/Mühldorfer Anzeiger

Zurück zur Übersicht: Region Mühldorf

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser