"Mein Sohn starb durch Schlamperei"

Mühldorf/Waldkraiburg - Nach dem Tod eines 20-Jährigen Lehrlings standen ein Abteilungsleiter und ein externer Sicherheitsbeauftragter einer Waldkraiburger Firma vor dem Mühldorfer Amtsgericht.

Wegen fahrlässiger Tötung standen ein Abteilungsleiter und ein externer Sicherheitsbeauftragter einer Waldkraiburger Firma vor dem Mühldorfer Amtsgericht. Ein Lehrling starb im Mai 2008 bei einem Betriebsunfall. Sein Vater trat als Nebenkläger auf.

Im Alter von 20 Jahren starb am 16. Mai 2008 ein Elektrikerlehrling bei einem Betriebsunfall in einem Waldkraiburger Unternehmen. Er war im dritten Lehrjahr und sollte an einer Formanlage, einer Fertigungsstraße, eine Störung beheben. Dabei stellte er aber nicht die ganze Anlage mit dem absperrbaren Wartungsschalter ab, sondern schaltete in dem betroffenen Bereich einfach von Automatik- auf Handbetrieb um - wie es gängige Praxis in dem Unternehmen war.

"Das hat jeder so gemacht", sagt der ehemalige Abteilungsleiter auf der Anklagebank, "wir alle dachten, bei 'Handbetrieb' kann nix passieren". Der 29-Jährige soll es gewesen sein, der den Lehrling schickte, um die Störung zu beheben.

Daran will er sich nicht mehr erinnern können. Auch nicht, dass es aus sicherheitstechnischen Gründen Vorschrift gewesen wäre, bei Reparaturarbeiten den Wartungsschalter umzulegen, bevor sich Menschen in die Formanlage begeben, um dort zu hantieren. Denn nur dann wäre gewährleistet gewesen, dass die komplette Maschine auch wirklich still steht und nicht noch Arbeitsabläufe zu Ende fährt.

So passierte es nämlich am 16. Mai 2008. Der Lehrling begab sich in tödliche Gefahr, ohne es zu wissen, denn er wurde falsch angewiesen. Er startete mehrere Versuche, die Störung zu beheben, kletterte in die Anlage, entfernte einen defekten Schalter und für einen Moment war die Störung behoben. Dann setzte sich die Maschine in Bewegung, führte die Arbeitstakte zu Ende und der junge Mann wurde so eingeklemmt, dass er erstickte. Es war der damalige Abteilungsleiter, der half, den Verunglückten zu bergen.

Oberstaatsanwalt Günther Hammerdinger wirft ihm vor, dass er die Gefahr hätte voraussehen müssen. Der wiederum weist die Verantwortung von sich, sagt, er sei in seinen Posten selbst "Learning by Doing" eingeführt worden und hätte nicht gewusst, dass der Wartungsschalter ein Muss gewesen wäre - wie auch alle anderen Angestellten dieser Abteilung aussagten.

Der Industriemechaniker mit Meistertitel war Leiter der Instandhaltung - und insgesamt wohl ziemlich ahnungslos - zumindest zeichnet er dieses Bild von sich vor Gericht. Hammerdinger kauft ihm das ab und sagt, der Angeklagte sei der Verantwortung nicht gewachsen gewesen.

Der zweite Angeklagte, ein Sachverständiger und externer Sicherheitsberater des Betriebes, der regelmäßig Sicherheitsschulungen in dem Betrieb vornahm, kann über die angebliche Unwissenheit nur den Kopf schütteln. So einen Wartungsschalter gebe es an jeder Maschine und jeder in der Branche wisse, wann man den betätigen muss - bei jeder Reparatur, bei der sich Menschen in die Maschine begeben.

"Entweder sind das alle Deppen in dem Betrieb, oder Sie können nicht unterweisen", bringt es der Anwalt der Nebenklage, Michael Steindl, auf den Punkt. Er und auch der Oberstaatsanwalt halten die Sicherheitsschulungen für unzulänglich.

Der Berater ist sich keiner Schuld bewusst, er habe immer sofort Mängel schriftlich moniert bei der Geschäftsleitung, mehr habe er nicht tun können. An der Stelle, wo der Lehrling verunglückt sei, habe er lange im Vorfeld beanstandet, dass Türen, über die man Zugang zur Formanlage hat, ausgehängt oder nicht gesichert waren.

Er berichtet aus dem Nähkästchen. Wenn sein Kommen angekündigt war, trugen alle Arbeiter vorschriftsmäßig Sicherheitsschuhe, kam er unangemeldet, seien die Männer in Badeschlappen rumgelaufen, weil es sehr heiß in dem Betrieb sei.

Von der jahrelangen Praxis in diesem Unternehmen, bei kleineren Reparaturen, einfach nur auf Handbetrieb umzuschalten, habe er nichts gewusst. "Es war auch nicht meine Aufgabe, alle Arbeitsschritte dieser Maschine zu kennen", ist der 58-Jährige überzeugt.

Das sehen der Richter, Thorsten Hengel, Oberstaatsanwalt Hammerdinger und der Vertreter der Nebenklage anders. Gerade um Gefährdungssituationen zu erkennen und davor zu warnen, hätte der Sicherheitsmann sich die Abläufe der Maschine besser ansehen müssen. Das habe er fahrlässig vernachlässigt.

"Mein Sohn starb durch Schlamperei", bricht es aus dem Vater des Opfers heraus. Sein Bub habe ihm öfter gesagt, dass in der Firma erst noch was passieren müsse, bei der ganzen Schlamperei. Keiner habe seinem Sohn gesagt, dass er den Wartungsschalter umlegen und diesen mit einem Schloss absperren muss.

Von dem angeklagten Berater erfährt man, dass es Usus sei, einen umgelegten Wartungsschalter mit einem Vorhängeschloss abzusperren. Jeder in so einem Betrieb müsste so ein Schloss bei sich haben. Das verhindert, dass eine andere Person die Maschine wieder anschalte, während sich noch jemand bei der Reparatur in der Anlage befinde.

Zehn Zeugen sind geladen. Vor deren Vernehmung redet der Oberstaatsanwalt beiden Angeklagten ins Gewissen. Der Prozess werde immer teurer und die Kosten haben die Angeklagten bei einer Verurteilung zu tragen. Der Schuldvorwurf habe sich bestätigt. In der Pause einigt man sich auf einen Deal.

"Wir akzeptieren die Verurteilung, jetzt geht es um die Höhe der Geldstrafe", so Verteidiger Manuel Tschofen auf Nachfrage. So kann auf die Zeugen verzichtet werden und das Verfahren wird abgekürzt. Der zweite Verteidiger, Harald Baumgärtl, fordert für den ehemaligen Abteilungsleiter statt 120 nur 90 Tagessätze zu je 50 Euro zu verordnen. So entscheidet auch der Richter. Der Sicherheitsberater muss 90 Tagessätze zu je 70 Euro zahlen.

Am Schluss blickt der verurteilte Abteilungsleiter dem Vater in die Augen und entschuldigt sich mit tränenerstickter Stimme. Der Verunglückte sei auch sein Freund gewesen.

kla/Mühldorfer Anzeiger

Rubriklistenbild: © dpa

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