Abenteuer Altbau

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Das Dach als statisches Problem: Investor Reichert (rechts) und Architekt Seidel (Zweiter von links) besichtigen mit Sebastian Killermann und Markus Giesecke (hinten von links) das Dachgeschoss. Die beiden Mitarbeiter der Firma Süßenguth übertragen die Last des Daches auf die Mauern des Hauses. Derzeit ruht es weitgehend auf den Gewölben, die im Laufe der Jahrhunderte unter dem Gewicht stark gelitten haben.

Mühldorf - Das F.X-Rambold-Haus wird derzeit renoviert. Wer sich in das Innere des Traditionshauses begibt, startet eine einmalige Reise durch die Mühldorfer Stadtgeschichte. 

Lesen Sie hier den Bericht des Mühldorfer Anzeigers vom Donnerstag:

Abenteuer Altbau

Die Sanierung des F.X.-Rambold-Hauses auf dem Stadtplatz läuft auf Hochtouren. Hinter der von Plastikfolien verborgenen Fassade beginnt ein Rundgang durch die Stadtgeschichte. Im letzten Raum, einem schönen Gewölbe aus dem 17. Jahrhundert, stehen zwei Handwerker, dazu der Architekt und der Bauherr, und blicken gespannt auf die Wand. Es ist wie so oft in diesen Tagen im ehemaligen Ramboldhaus am Mühldorfer Stadtplatz: Plötzlich kommt ein Holzbalken zum Vorschein, mit dem niemand gerechnet hat. Gab es dort vielleicht einst ein Fenster? Oder einen Durchgang? Vorsichtig entfernen die Handwerker den Putz und stützen das Gewölbe, um das Fenster freizulegen.

Wer die Baugeschichte des Hauses betrachtet, wundert sich über derlei Überraschungen nicht. Sechs Bauphasen hat das Haus bis ins 19. Jahrhundert über sich ergehen lassen, begonnen hat alles mit einem Turm im 13. Jahrhundert; er steht heute ins Haus integriert und von außen kaum erkennbar an der Ecke Ledererstraße. Aber auch danach, in den beiden letzten Jahrhunderten, ging die Geschichte der Ein- und Umbauten weiter, die nicht immer sachgerecht waren.

Architekt Klaus Seidel geht die Treppe hinauf, die zur Arztpraxis führt. Sie stammt aus dem 16. Jahrhundert und wurde damals auf das Gewölbe gebaut. Die Folge: Das Klinkergewölbe ist unter der Last gerissen und hat viel von seiner Haltbarkeit eingebüßt. Außerdem gibt es: eine gotische Bohlen-Balkendecke, die im 17. Jahrhundert aus Brandschutzgründen mit Ziegeln aufgeschüttet wurde und unter dieser Last ächzte; große, repräsentative Räume am Stadtplatz, die auf eine amtliche Nutzung hinweisen; Säulen, die ein wunderschönes gotisches Gewölbe tragen, bei einem Brand aber unter der Hitze zersplittern würden; falsch gewählter Putz, der Nässe aufsaugt und von den Wänden fällt.

Wer ein solches Haus umbaut, weiß, auf was er sich einlässt. Max Reichert, dem das Haus seit Frühjahr gehört, sagt: "Es ist ein großes Abenteuer." Dabei lächelt er: "Es ist spannend, nicht immer nur etwas mit Zahlen und Steuern zu tun zu haben, sondern etwas zu machen, das man danach anfassen kann."

Reichert streicht über den Putz und schwärmt von der Arbeit eines Fachmanns, der in stundenlanger Arbeit die unterschiedlichen Putzschichten untersucht und katalogisiert hat. Eine Liebhaberei allein ist die Sanierung trotzdem nicht, auch wenn sie ein hohes persönliches und finanzielles Engagement verlangt. Denn rechnen soll sich die Investition, die Reichert nicht beziffern will, schon. Erst als die Mieter feststanden (siehe Kasten), kam für ihn Kauf und die Sanierung in Frage.

Die Instandsetzung bleibt spannend, sagt Architekt Seidel. Der Erhalt der Gewölbe lässt sich nur mit aufwändigen statischen Tricks erreichen; als Putz kommt ausschließlich eine Spezialmischung in Frage, die Feuchtigkeit von den Ziegelwänden fern hält; für die streng quadratischen Räume aus einer Bauphase im Barock müssen Spezialfenster angefertigt werden.

"Wir versuchen, mit so geringen Eingriffen wie möglich auszukommen", betont der Mühldorfer Architekt. Wo es nicht anders geht, soll die historische Substanz ganz bewusst mit modernen Mitteln ergänzt werden. So werden im Innenhof des 50 Meter tiefen Gebäudes Glaswände ein neues Treppenhaus samt Aufzug verkleiden. Dahinter, stets zu erkennen: das alte Gemäuer.

So könnte die Absage des Bekleidungsgeschäfts H&M zum Glücksfall für die historische Substanz der Stadt werden. Wo das Bekleidungsunternehmen Wände und Gewölbe entfernen wollte, um eine größere Verkaufsfläche zu erreichen, bleiben die kleinteiligen historischen Räume erhalten.

hon/Mühldorfer Anzeiger

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