Erdwärme: "Wir sind die Versuchskaninchen"

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Dr. Erwin Knapek berichtete von seinen Erfahrungen mit der Geothermie.
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Garching an der Alz - Mit einer Vielzahl an Sorgen konfrontierten die Garchinger einen Experten aus Unterhaching auf der Informationsveranstaltung zur Geothermie.

Teilweise hitzige Debatten begleiteten die Informationsveranstaltung zur Geothermie im Gasthaus "Zum Wirtssepperl" am Samstagnachmittag. Der SPD-Ortsverein hatte Dr. Erwin Knapek als Gastredner eingeladen. Der Physiker hatte als Bürgermeister von Unterhaching ein Geothermie-Projekt in der Kommune von der ersten Planung bis zur Wärmenutzung und Stromerzeugung begleitet.

Knapek: "Wärmenutzung hat den Vorrang"

In Garching hatte er vor allem Gutes von dem Vorhaben zu berichten. Zu Beginn des Projekts habe das Öl noch weniger als 20 Dollar gekostet, so Knapek. So mancher habe gesagt, Unterhaching dürfe froh sein, wenn es die über Erdwärme gewonnene Energie verschenken könne. Als der Ölpreis auf über 50 Dollar gestiegen ist, sei jedoch schnell klar geworden, dass die Wärmenutzung das primäre Ziel der Anlage sein müsse. "Wärme hat den Vorrang und das wird auch von den Bürgern sehr gut angenommen", erzählte der frühere Bürgermeister.

Niemand dreht den Hahn zu

Neben der im Vergleich zum Öl günstigen Energie sei den Bürgern, die sich für einen Anschluss an das Fernwärmenetz entschieden haben, vor allem die Versorgungssicherheit wichtig gewesen. "Den Bürgern war es wichtig, dass es eine gewisse Konstanz gibt", so Knapek. Bei vor Ort gewonnener Erdwärme drehe einem keiner den Hahn zu. Neben der Wärmeversorgung ist die Stromerzeugung - gefördert durch die EEG-Umlage - die zweite Säule des Unterhachinger Geothermieprojekts. Von Mitte März bis November werde so wenig Wärmeenergie benötigt, dass die Geothermieanlage mit dem heißen Wasser Strom erzeugt, erläuterte Knapek.

Unterhachinger Projekt bis 2023 refinanziert

Unterhaching hat als seinerzeit schuldenfreie und mit Rücklagen in Höhe von 40 Millionen Euro ausgestattete Kommune das Projekt selbst durchgeführt. Knapek bezifferte die gesamten Kosten auf knapp 90 Millionen Euro, wobei die Bohrungen 38 Millionen Euro gekostet hätten. Der Rest des Geldes sei in den Aufbau des Fernwärmenetzes geflossen. Bei der Finanzierung hat die Gemeinde Kredite von der KfW und von ortsansässigen Geldinstituten erhalten. Bis 2023 soll sich das Projekt refinanziert haben. "Wir sind hochzufrieden mit der Geothermie", resümierte der heutige Gemeinderat.

Gute Verträge, starke Partner

Der Physiker richtete Jedoch auch warnende Worte an die zahlreich erschienenen Garchinger. Unbedingt für ein Geothermieprojekt nötig seien gute Verträge und große Unternehmen als Partner. "Der Bohrplan war 80 Tage, gedauert hat's 240 Tage", erinnerte sich Knapek. Doch man hatte Verträge für eine 80-tägige Bohrung für 7 Millionen Euro abgeschlossen, weshalb die Bohrfirma nicht mehr verlangen konnte. Eigentlich hätte die Bohrung wohl knapp 11 Millionen Euro gekostet. Wichtig sei deshalb auch gewesen, dass die Unterhachinger mit großen Unternehmen wie Siemens zusammengearbeitet haben, die bei etwaigen Verzögerungen oder plötzlich neu auftauchenden Kosten nicht gleich insolvent gingen.

Sinkt der Wert der Häuser in Garching?

Einige der Garchinger, die Knapeks Ausführungen geduldig abgewartet hatten, äußerten nach dem Vortrag ihre vielfältigen Sorgen. So befürchten sie einen Wertverlust ihrer Häuser, wenn in ihrer unmittelbaren Umgebung eine Geothermieanlage steht. Knapek, der als Vorsitzender des Interessensverbandes "Wirtschaftsforum Geothermie" auch stellvertretend für die ganze Branche sprach, hielt dem entgegen, dass seit dem Erdwärmeprojekt die Immobilienpreise in Unterhaching sogar gestiegen seien.

"Wir sind die Versuchskaninchen"

Eine weitere Sorge einiger Garchinger sind die Gefahren, die sie mit Geothermieanlagen verbunden sehen. "Wir sind die Versuchskaninchen", beklagte sich einer der Zuhörer. Gleich mehrfach erhoben die Garchinger den Einwand, die Technik sei im Gegensatz zur Photovoltaik und zur Windenergie einfach noch nicht ausgereift. Neben einer möglichen Explosion des Kühlmittels befürchten die Gegner des Vorhabens Mikroerdbeben. Sogar wissenschaftliche Studien zu dem Thema führten sie an. Für Knapek sind derartige Studien jedoch schlicht unseriös. "Da macht man der Bevölkerung unnötig Angst", schimpfte der Physiker. Bislang sei nicht ein Schaden durch Geothermie anerkannt worden.

"Ich hoffe, Sie fahren nicht Auto"

Ein weitere Dorn im Auge der Bedenkenträger ist die Planung von Geo-Energie Bayern, den Investoren des Projekts, die Erdwärme primär zur Stromerzeugung zu nutzen. Der Wirkungsgrad sei dabei viel zu gering. "Ich hoffe Sie fahren nicht Auto", entgegnete der sichtlich genervte Knapek. Ein Auto habe nämlich einen Wirkungsgrad von lediglich einem Prozent.

Dass das Geothermieprojekt in Garching von ausländischen Investoren getragen wird, ist für viele Bürger ein Grund zur Sorge. Knapek jedoch freut sich darüber. Das ist genau diese Gilde, die das europäische Parlament zu reglementieren versucht", schimpfte ein Garchinger über einen der Investoren, einen britischen Fonds. Knapek hingegen verwies darauf, dass das Geld aus dem Ausland Energieprojekt in kleineren Kommunen überhaupt erst möglich machen.

Die Info-Veranstaltung zur Geothermie

Ist Geothermie für Energiewende unverzichtbar?

Für den früheren Bürgermeister ist die Geothermie als zuverlässige und CO2-neutrale Energiequelle unverzichtbar bei der Energiewende. Die einzige Alternative ist die Rückkehr zur Atomkraft. "Gute Nacht, wenn da was passiert", sagte Knapek. Alleine der Atommüll sei schon eine große Belastung. "Wir müssen bezahlen für die Entsorgung von diesem Schrott."

Weitere Debatten stehen Garching bevor

Mit seinen positiven Erfahrungen aus Unterhaching und seinen Erläuterungen zu den wissenschaftlichen Fakten konnte Knapek die Bedenken einiger Garchinger nicht zerstreuen. Zu sehr weicht das hiesige Geothermieprojekt von dem aus Unterhaching ab. Obwohl viele Zuhörer gerne noch länger diskutiert hätten, brach der Vorsitzende der Garchinger SPD, Anton Anwander, die Veranstaltung ab. Er meinte, es werde sicher nicht die letzte Veranstaltung zum Garchinger Geothermie-Projekt gewesen sein. Die Fragen der Garchinger könne Knapek jedoch nicht alle beantworten. "Unsere Probleme müssen wir irgendwie selber lösen."

Alexander Belyamna

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