Eine ganze Region ist betroffen

PFOA: Schonungs- und lückenlose Aufklärung gefordert (Teil 1)

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Emmerting/Landkreis Altötting – Bei der Infoveranstaltung zum Sachstand ADONA und perfluorierte Substanzen in Emmerting am Dienstagabend gab es viele Fragen an die Experten.

Update: Mittwoch, 12.15 Uhr

Es sind im Wesentlichen drei Themenkomplexe, die seit Bekanntwerden der hohen Blutwerte bei einigen Emmertingerinnen und Emmertingern in punkto PFOA irgendwie allen unter den Nägeln brennen:

  • Die Informationspolitik, insbesondere die des Staatlichen Gesundheitsamtes Altötting,
  • das Thema möglicherweise sogar dauerhaft gesundheitsschädlicher Auswirkungen sowie
  • das Thema, was jetzt zu tun ist, ggf. sogar schon längst hätte gemacht werden können oder gar gemacht werden müssen.

"Wir laufen den Dingen hinterher" (Stefan Kammergruber)

Deswegen sei es ihm ein besonderes Anliegen gewesen, so eine Veranstaltung möglichst bald und direkt in Emmerting abzuhalten und nicht erst beispielsweise auf eine Aussprache im Kreistag oder Ähnliches zu warten, so Erster Bürgermeister Stefan Kammergruber in seiner Begrüßung der vielen besorgten Bürgerinnen und Bürgern in der Schulturnhalle.

Wir laufen den Dingen hinterher“, stellte er fest. Er dulde nicht, dass die wichtige politische Arbeit der Kommunalvertreter Schaden nimmt. An erster Stelle stehe eine schonungs- und vor allem lückenlose Aufklärung. Das hätte seiner Ansicht nach schon viel früher passieren können, wenn nicht sogar müssen.

Besonders wichtig sei es ihm auch, vom Leiter des Staatlichen Gesundheitsamtes Altötting öffentlich zu hören, dass er, aber auch weitere Bürgermeisterkollegen, nicht aktiv über die Ergebnisse der Untersuchung von Blutspendekonserven von Emmertinger Bürgerinnen und Bürgern informiert wurde. Diese kamen, wie man heute weiß, ziemlich genau vor einem Jahr heraus.

„Das war zu erwarten“ (Dr. Franz Schuheck)

Dr. Franz Schuheck räumte mehrfach über den Abend hinweg ein, dass es möglich sei, dass er in punkto Informationspolitik Fehler gemacht hat. Obwohl die Ergebnisse der besagten Blutuntersuchungen durch das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) zwar online zeitnah verfügbar gewesen seien, habe er die entsprechenden Kommunalvertreter tatsächlich nicht explizit informiert. Schuhbeck meinte dazu, dass die Ergebnisse zu erwarten gewesen seien und dass er wohl gleichzeitig den Internetauftritt des Landratsamtes Altötting in seiner Funktion, die Öffentlichkeit zu informieren, unterschätzt habe.

Warum waren diese Ergebnisse zu erwarten?

Die Region um den Chemiepark Gendorf ist belastet. So viel steht fest. Dass sich da in Blutuntersuchungen (ob nun aus Emmerting oder anderen Anrainer-Kommunen) gar nix finden lässt, würde wohl an ein Wunder grenzen. Wie es Professor Dr. Hermann Fromme, der zweite Experte an diesem Abend in Emmerting, ausführen wird, „stehen wir hier vor der Frage, wie unser Leben aussehen soll“. Soll heißen, Wohlstand hat seinen Preis. Das ist offenbar einer, dem man wohl nur mit wissenschaftlichen Untersuchungen begegnen und auf deren Ergebnisse – ebenfalls wieder nur mit Wissenschaft – reagieren kann.

Die so genannte „Erste Welt“ hat es laut Fromme mit dem Einsatz von PFOA sogar soweit geschafft, dass der Stoff auch bei Eisbären nachgewiesen werden konnte. Vor dem Hintergrund der Wohlstandsdebatte und was uns unser Leben wert ist die richtigen Schlüsse zu ziehen: darum gehe es jetzt. Fromme wird im Laufe des Abends zu den Gefahren von PFOA für die Gesundheit Ausführungen machen und auf Fragen eingehen.

Trinkwasser, PFOA, ADONA

Dr. Franz Schuhbeck vom Staatlichen Gesundheitsamt Altötting gab in seinem Referat einen grundsätzlichen Überblick über das Trinkwasser sowie über die Belastung mit perfluorierten Substanzen in der Region im Speziellen. Wie diese in das Grund- und später Trinkwasser gelangen und warum sie das immer noch tun, wo doch PFOA seit 2008 im Chemiepark Gendorf nicht mehr eingesetzt wird, sei klar: Der Stoff – Schuhbeck wird ihn später auf eine Frage hin auch als Altlast bezeichnen – hat sich in der Zeit bis 2008 in der Region angereichert. Seit dieser Zeit wird er nicht mehr eingesetzt.

Durch Auswaschungen gelangt er offenbar immer noch ins Grundwasser. Das werde auch noch eine ganze Zeit lang so bleiben. Das Grundwasser kann man sich als einen unterirdischen Strom vorstellen: Es fließt. In Summe heißt das wohl, dass der Eintrag an PFOA ins Grundwasser weiter steigen wird plus/minus einer dem Grundwasserstrom geschuldeten Verteilung/Vermischung.

Herbst 2016

An entsprechenden Diagrammen zeigte Schuhbeck die Entwicklung der PFOA Belastung im Trinkwasser aus verschiedenen Brunnen in der Region auf und erklärte die Sprünge nach oben und unten. Der wohl markanteste Punkt hier ist der Herbst 2016. Man habe von November 2016 bis Juli einen Anstieg der PFOA Belastung im Trinkwasser feststellen können. Bereits rund zweieinhalb Jahre zuvor gab es so einen.

Seither werde das Trinkwasser aus den Brunnen zweimal jährlich auf PFOA beprobt. Nach dem erneuten Sprung, festgestellt im Juli 2016, wurde der Leitwert von 0,3 auf 0,1µg/l gesenkt. Um diesen gewährleisten zu können, wurden verschiedene Brunnen vom Netz verschiedener Wasserversorger genommen oder – wie im Fall von Alzgern (Wasserzweckverband Inn-Salzach) mit einem Aktivkohlefilter ausgestattet.

Aktivkohlefilter

In Alzgern steht ein Aktivkohlefilter. Dennoch weist das Diagramm über die Beprobungen nach PFOA im Trinkwasser Sprünge auf. „Das ist der Tatsache geschuldet, dass so ein Filter nur eine bestimmte Lebensdauer hat und danach ausgetauscht werden muss“, erklärte Dr. Franz Schuhbeck. Ein Aktivkohlefilter sei das einzig probate Mittel gegen PFOA im Trinkwasser, so der heutige Wissensstand. Ein Punkt, den auch Professor Dr. Hermann Fromme, Toxikologe vom Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit in Personalunion als Mitglied der Kommission „Human-Biomonitoring“ am Umweltbundesamt in seinem Vortrag ausführte.

Mehr zu den Ausführungen von Professor Dr. Hermann Fromme in punkto Gesundheit und was das PFOA wie auch ADONA mit ihr macht, gibt es Teil 2 des Berichts über die Infoveranstaltung am Dienstagabend in der Schulturnhalle in Emmerting.

Erstmeldung:

Es sind im Wesentlichen drei Hauptthemenkomplexe, die seit Bekanntwerden der hohen Blutwerte bei einigen Emmertingern in punkto PFOA irgendwie allen unter den Nägeln brennen:

  • Die Informationspolitik, insbesondere die des Staatlichen Gesundheitsamtes Altötting,
  • das Thema möglicherweise sogar dauerhafter gesundheitsschädlicher Auswirkungen sowie
  • das Thema, was jetzt zu tun ist, gegebenenfalls sogar schon längst hätte gemacht werden können oder gar müssen.

Eine erste Zusammenfassung:

Veranstaltung in der Schulturnhalle in Emmerting mit den Experten

  • Dr. Franz Schuhbeck, Leiter des Staatlichen Gesundheitsamtes Altötting und
  • Professor Dr. Hermann Fromme, Toxikologe vom Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit in Personalunion als Mitglied der Kommission Human-Biomonitoring am Umweltbundesamt.

"Das war zu erwarten"

Dr. Franz Schuhbeck räumte mehrfach über den Abend hinweg ein, dass es möglich sei, dass er in punkto Informationspolitik Fehler gemacht hat. Obwohl die Ergebnisse der besagten Studie zwar online zeitnah verfügbar gewesen seien, habe er die entsprechenden Kommunalvertreter tatsächlich nicht explizit informiert. Warum? Schuhbeck meinte dazu, dass die Ergebnisse der Studie zu erwarten gewesen seien und dass er wohl den Internetauftritt des Landratsamtes Altötting in seiner Funktion, die Öffentlichkeit zu informieren, unterschätzt habe.

Weiter klärte er über PFOA und ADONA im Wasser auf und darüber, wie es sein kann, dass der Wert im Trinkwasser noch ansteigt. Schuhbeck wies bei den Fragen des Gemeinderates und der Emmertinger Bürger auch mehrfach auf seine Zuständigkeiten hin und darauf, wo sie laut Aussage enden.

"Die Quelle ist bekannt"

Das sagte Professor Dr. Hermann Fromme, Toxikologe beim Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit. Er sprach zum Thema Gesundheit. PFOA sei ein sich im Körper kumulierender Soff, "d er sich anreichert". Der Körper könne ihn nur schwer wieder abbauen oder ausscheiden, jedenfalls nicht gleich.

Man spreche hier von einer Halbwertszeit von zwei bis drei Jahren. Die maßgebliche Quelle für alle Bürger in der gesamten Region rund um den Chemiepark Gendorf, wie das PFOA in den Körper gelangt, sei das Trinkwasser. Diese "Quelle" für die Belastung gelte es zu schließen. Da sind sich Fromme und Schubeck einig. "Das ist im Moment der einzige Weg."

Das Zauberwort heißt Aktivkohlefilter

+++ Mehr zu diesem Thema und zur Informationsveranstaltung in Emmerting lesen Sie am Mittwoch auf innsalzach24.de. +++

Rubriklistenbild: © Raphael Weiß/dpa (Montage)

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