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Nachgefragt in Burghausen, Bad Reichenhall und Traunstein

Wie viele Weltkriegsbomben liegen in der Region noch unter der Erde?

Die Ostseite des Stadtplatzes von Burghausen nach einer Bombenexplosion am 2. März 1945. Der Löwenbrunnen wurde dabei total zerstört, ebenso sämtliche Fensterscheiben am Stadtplatz.
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Die Ostseite des Stadtplatzes von Burghausen nach einer Bombenexplosion am 2. März 1945. Der Löwenbrunnen wurde dabei total zerstört, ebenso sämtliche Fensterscheiben am Stadtplatz.

Kann man eine Aussage machen, wie viele Weltkriegsbomben noch in der Region unter der Erde liegen? Nach dem jüngsten Fund und der Entschärfung eines Blindgängers aus dem Zweiten Weltkrieg in Mühldorf am Inn haben wir uns erkundigt, welche Erkenntnisse hierzu vorliegen.

Burghausen/Mühldorf am Inn - „Seriöse Zahlen darüber, wie viele Bombenblindgänger sich noch im Boden befinden gibt es für Bayern nicht. Anhalt für mögliche Fundorte sind die im 2. Weltkrieg stattgefundenen Bombardierungen“, erläutert eine Sprecherin des Bayerischen Innenministeriums auf Nachfrage von innsalzach24.de. Sie verweist auf eine Bekanntmachung des Ministeriums zur „Abwehr von Gefahren durch Kampfmittel“ aus dem Jahr 2010. „Grundlage vorsorglicher Maßnahmen sind in der Regel grundstücksbezogene historische Recherchen und eine darauf bezogene Gefahrenbewertung“, heißt es darin. „Die Gemeinden verfügen in der Regel über archivarische Unterlagen zu Kampfhandlungen, Bombenangriffen und so weiter.“

Wie viele Weltkriegsbomben liegen in der Region noch unter der Erde? - Nachgefragt in Burghausen, Bad Reichenhall und Traunstein

Erst Anfang November warf der Fund einer Weltkriegsbombe in Mühldorf am Inn wieder einmal den Alltag durcheinander. Rund um den Fundort an der Harthauser Höhe wurden Anwohner evakuiert. Glücklicherweise konnte der Sprengkörper rasch und problemlos entschärft werden. Es war nicht der erste Fund an diesem Ort, ganz in der Nähe wurde heuer bereits im April eine Bombe gefunden, und er wird nach Meinung von Experten auch bei weitem nicht der letzte sein. Doch wie sieht es in der übrigen Region aus?

Turnhalle der Berufsschule I diente als Evakuierungszentrum in Mühldorf wegen eines Bombenfunds.

„Im Hinblick auf Bombenangriffe, aber auch auf Gegebenheiten bei Kriegsende können in besonderer Weise alliierte Luftbilder zur Recherche dienen. Das Landesluftbildarchiv des Landesamtes für Vermessung und Geoinformation Bayern verfügt über etwa 60.000 und damit über etwa ein Drittel der derzeit verfügbaren alliierten Luftbilder von Bayern, von denen gegen Gebühr Abzüge bezogen werden können“, heißt es in der Bekanntmachung des Ministeriums zur Thematik weiter. „Allerdings kann dort keine Aussage getroffen werden, ob es für den jeweiligen Bereich anderweitig noch weitere Luftbilder, etwa im Zusammenhang mit anderen Luftangriffen, gibt, die für eine Bewertung von Bedeutung sind. Für eine grundstücksbezogene Recherche und Bewertung empfiehlt es sich, Fachfirmen mit moderner volldigitaler oder optisch-digitaler Auswertestation und entsprechender Erfahrung in der Auswertung von Kriegsluftbildern zu beauftragen.“

Fachfirmen recherchieren in Burghausen und Mühldorf am Inn nach Weltkriegsbomben im Boden

So wird dies auch in Mühldorf am Inn gehandhabt. Das Stadtarchiv dort verfügt über eine Dokumentation der Luftangriffe, die Bombe welche im Oktober für Ärger sorgte, war von einer beauftragten Fachfirma entdeckt worden. Wie aber schaut es andernorts aus? „Es existieren Luftbildaufnahmen der Alliierten, die als Grundlage für eventuelle Blindgänger ausgewertet werden können. Es ist bekannt, dass vorwiegend die Infrastruktur und insbesondere Bahnanlagen bombardiert wurden. Daher empfiehlt die Stadt Bad Reichenhall bei Baumaßnahmen in der Nähe von Gleisanlagen zur Sicherheit eine Kampfmittelsondierung“, berichtet Katrin Dennerl, Pressesprecherin der Stadt Bad Reichenhall. „Wir wissen natürlich nicht, wie viele Blindgänger im Stadtgebiet von Traunstein noch unter der Erde liegen. Nach unseren Erkenntnissen wurde der Bereich rund um den Bahnhof einschließlich Viadukt sehr intensiv bombardiert. Weitere Bomben wurde auf den Rückflügen willkürlich abgeladen. Örtlichkeiten sind hier unbekannt“, so wiederum Eva Schneider, Pressesprecherin der Stadt Traunstein.

Die Westseite des Stadtplatzes von Burghausen nach dem Fliegerangriff vom 2. März 1945. Die Blendfassade des Gasthofs zur Post zeigt schwere Beschädigungen.

In Burghausen wiederum hat man, ebenso wie in Mühldorf, eine Fachfirma mit Recherchen beauftragt. “Eine historische Recherche ergab, dass am 2. März 1945 ein Luftangriff eines Einzelfliegers auf die Altstadt erfolgte, vermutlich mit der Salzachbrücke als Ziel. Dabei wurden insgesamt fünf Sprengbomben abgeworfen. Von diesen fiel eine in die Salzach, eine auf das östliche Salzachufer und drei auf den Stadtplatz mit Umgebung, davon ein Blindgänger“, berichtet Diplom-Geograph Michael Huber von der Firma UPIS Informationssysteme aus Augsburg. „Weiterhin ist ein ‚unbedeutender‘ Tieffliegerangriff auf das Wackerwerk dokumentiert, dabei sollen am 27. Februar 1945 neben dem Werk Bomben niedergegangen sein. Es wird vermutet, dass die Wackerwerke von den Alliierten kurz vor Kriegsende von Luftangriffen bewusst ausgeschlossen wurden, um die Industrieanlagen zu erhalten.“

Neben alliierten Fliegerbomben auch Waffen und Munition der Wehrmacht im Boden

“Generell ist darauf hinzuweisen, dass bei Kriegsende von abrückenden deutschen Truppen häufig Waffen und Munition irgendwo vergraben oder weggeworfen wurden“, so Huber weiter. „Insgesamt kam Burghausen bei Luftangriffen also relativ glimpflich davon, auch die Übergabe der Stadt an die US-Truppen am 2. Mai 1945 erfolgte kampflos.“ Im Vergleich dazu seien in Mühldorf am Inn 40 Prozent des Wohnraums und 80 Prozent der Bahnanlagen zerstört worden, nach den Luftangriffen lagen dort mehr als 50000 Tonnen Schutt auf den Straßen. „Unsere Luftbildauswertung von 2011 für das KV-Terminal ergab für dort keine konkrete Blindgängergefährdung.“

Es sei aber darauf hinzuweisen, dass aufgrund von Fehl- und Notabwürfen auch außerhalb von Infrastruktureinrichtungen und damals besiedelten Gebieten nahezu überall in Deutschland ein gewisses Risiko für das Vorhandensein von Blindgängern aus dem 2. Weltkrieg besteht. „Schätzungsweise waren 10 bis 20 Prozent der abgeworfenen Bomben Blindgänger“, so Huber weiter, „Davon wurden viele bereits kurz nach den Luftangriffen bzw. nach den letzten Kriegshandlungen geräumt. Aber etliche Blindgänger liegen heute noch im Boden, was durch regelmäßige Funde, meist im Rahmen von Bauarbeiten, bezeugt wird. Manche Blindgänger werden im Lauf der Jahrzehnte aufgrund chemischer Vorgänge im Zünder sogar gefährlicher.“ Huber mahnt abschließend: „Falls man einen Gegenstand findet, bei dem es ich um einen Blindgänger handeln könnte, sollte man diesen nicht berühren und sofort die Polizei verständigen. Diese informiert dann gegebenfalls den Kampfmittelräumdienst. Solange der Blindgänger nicht bewegt wird, geht üblicherweise keine Gefahr von ihm aus.“

hs

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