Das sagt Wacker selbst zur eigenen Drohung

Keine Massenentlassungen: "Stromkosten dürfen nicht weiter steigen" 

  • schließen

Burghausen - Ist eine international wettbewerbsfähige Produktion in Deutschland aufgrund der steigenden Strompreise bald nicht mehr möglich? Davon ist zumindest Wacker-Vorstandschef Rudolf Staudigl überzeugt. Deshalb könnte es sein, dass in Zukunft Kapazitäten seines Unternehmens in Burghausen ab- und in den USA  neu geschaffen werden. 

Update um 17.00 Uhr: Stellungnahme Wacker Chemie AG

Für die Anleger ein schönes, für die Betroffenen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ein düsteres Bild einer möglichen Zukunft, die der Vorstandsvorsitzende Dr. Rudolf Staudigl da in München auf der Bilanzpressekonferenz am Dienstag gezeichnet hat: Bei steigenden Energiepreisen könnten bestimmte Polysilizium-Qualitäten der Wacker Chemie AG künftig schwerpunktmäßig nicht mehr in Burghausen sondern an unserem US-amerikanischen Standort Charleston gefertigt werden. Das heißt doch dann, dass Arbeitplätze verloren gehen und das Werk in Burghausen geschlossen wird, oder? „Auf gar keinen Fall“, sagt Presseprecher Christof Bachmair von der Wacker Chemie AG.

Bachmaier verweist auf diesen Ausschnitt der Rede des Vorstandsvorsitzenden Dr. Rudolf Staudigl: "Sollte es bei den Kapazitäten für Polysilicium zu einer Konsolidierung kommen und gleichzeitig die Nachfrage nach Photovoltaikanlagen kräftig wachsen, dann sehe ich durchaus Chancen, dass auch die Preise für Solarsilicium wieder steigen. Doch ein solches Szenario ist nicht sicher."

Der Strompreis ist das Problem

Zu befürchten sei wohl, dass die Strompreise in Deutschland in diesem und in den kommenden Jahren deutlich nach oben gehen werden. Das sei als Folge des Ausstiegs aus der Atomenergie und der Kohleverstromung vermutlich unausweichlich. Entscheidend dabei werde sein, ob und inwieweit die Politik bereit ist, die Industrie von den entstehenden Zusatzkosten zu entlasten.

Klare Ansage

"Ich habe dazu eine klare Botschaft: Die Stromkosten für die energieintensiven Unternehmen hierzulande dürfen nicht weiter steigen. Ganz im Gegenteil: Sie müssen zurückgehen. Sonst ist eine international wettbewerbsfähige Produktion in Deutschland schon bald nicht mehr möglich. So richtig die Energiewende und der Klimaschutz langfristig auch sind: Ich warne davor, den Ast abzusägen, auf dem wir sitzen." Deutschlands starke industrielle Basis sei der wichtigste Garant unseres Wohlstands und unserer Arbeitsplätze und ohne Wohlstand und Arbeitsplätze seien auch Energiewende und Klimaschutz nicht zu finanzieren. "Ich habe den Eindruck, dass dieser Zusammenhang vielen Menschen hierzulande nicht in ausreichendem Maße bewusst ist."

Falsch verstandener Vorreiter-Anspruch

Gerade die Chemie sei eine unserer wichtigsten Schlüssel- und Querschnittsindustrien, so Staudigl in seiner Reden weiter. "Wir sollten sie nicht aus Deutschland vertreiben. Wenn wir in Sachen Energiepolitik aus Übereifer das Kind mit dem Bade ausschütten, dann werden wir hierzulande über kurz oder lang Verwerfungen erleben, die sich niemand wünschen kann." Er sei überzeugt: Beim Klimaschutz gehe es für uns um Realitätssinn und Augenmaß. "Ein falsch verstandener Vorreiter-Anspruch führt uns in die Irre."

Update um 15.45 Uhr: Stellungnahme Stephan Mayer (MdB/CSU)

"Die Warnungen des Vorstandsvorsitzenden der Wacker Chemie AG Dr. Rudolf Staudigl sind ein Warnschuss, den wir sehr ernst nehmen müssen", lässt Stephan Mayer, Staatssekretär beim Bundesminister des Innern für Bau und Heimat und Wahlkreisabgeordneter im Deutschen Bundestag für die Landkreise Altötting und Mühldorf am Inn auf Nachfrage von innsalzach24.de schriftlich wissen. "Als Bundesregierung werden wir das im Koalitionsvertrag verankerte Ziel umsetzen, die internationale Wettbewerbsfähigkeit unserer Industrie nicht durch die Energiewende zu gefährden." Die Stromkosten für energieintensive Produktionen dürfen aus seiner Sicht nicht weiter steigen, so Mayer.

"Für mich genauso wichtig ist die Gewährleistung der Versorgungssicherheit. Auch nach dem Abschalten der Kernkraftwerke muss der Transport des Stroms aus erneuerbaren Energien ins Bayerische Chemiedreieck zuverlässig erfolgen. Die Versorgungssicherheit ohne Blackouts ist einer unserer Standortvorteile gegenüber neuen Werken in Übersee. Hier sehe ich mich als Wahlkreisabgeordneter des Deutschen Bundestags in der Pflicht."

Weiter führt MdB Stephan Mayer aus: "Nicht unerwähnt lasse ich, dass mit der Fertigstellung der A 94 in diesem Herbst und den Fortschritten beim Ausbau der Bahnlinie München-Mühldorf-Freilassing bzw. Burghausen bisherige Wettbewerbsnachteile entfallen. Hinzu kommt mein erfolgreicher Einsatz für die Elektrifizierung der gesamten Strecke, sowie jüngst für den zweigleisigen Ausbau der Bahnlinie von Tüßling über Freilassing in die Häfen am Mittelmeer."

Update um 13.30 Uhr: Stellungnahme Andreas Krahl (MdL/Die Grünen)

Wacker versucht hier, eine ganze Region zu erpressen“, sagt Andreas Krahl, der Betreuungsabgeordnete der Kreisverbände Altötting und Mühldorf der Grünen. Der Grund dafür sei aber nicht nur der teure Strom. Krahl verweist hierzu auf die EEG-Befreiung der energieintensiven Unternehmen. Krahl erklärt weiter, dass das eigentliche Problem der Wacker Chemie AG deren Einbruch bei der Polysiliziumproduktion in China sei, insbesondere aufgrund dramatisch gestiegener Energiepreise.

Jetzt damit zu drohen, Werke wie das in Burghausen einfach mal so nach USA zu verschieben, halt er für ein zweifelhaftes Vorgehen, so Krahl weiter, nicht zuletzt wegen des zweifelhaften Präsidenten Trump und dessen Energiepolitik. „Grundsätzlich gebe ich Herrn Staudigl Recht“, erklärt Andreas Krahl, Abgeordneter für die Grünen im Bayerischen Landtag. Die Energiewende in Deutschland sei tatsächlich konzeptlos. Krahl geht noch weiter: Sie werde konsequent von der Bayerischen Staatsregierung blockiert.

Noch immer werde viel zu viel auf endliche Energiequellen gesetzt wie etwa Erdgas gesetzt statt den Weg frei zu machen für Strom aus erneuerbaren Energiequellen. Letztendlich gehöre da auch die Photovoltaik dazu und die bedeut schließlich nicht nur einen wichtigen Beitrag zur Energiewende sondern auch Aufträge für den Wacker Konzern und damit Arbeitsplätze in der Region.

Update um 12.00 Uhr: Stellungnahme Günther Knoblauch (SPD)

Rudolf Staudigl hat Recht“: Er könne den Vorstandsvorsitzenden der Wacker Chemie AG verstehen, so der Landtagsabgeordnete a.D. Günther Knoblauch auf Nachfrage von innsalzach24.de am Mittwochvormittag. Was er dagegen nicht verstehen könne, sei das Versagen von Bundes- und Landespolitik. „Wir brauchen den günstigen Strom aus dem Norden“, sagt Knoblauch, „und die entsprechenden Trassen“. 

Der Ausstieg aus der Kohle sei recht und schön, meint der ehemalige Landtagsabgeordnete, Energie aus Erdgas zu gewinnen dagegen teuer. Knoblauch rechnet mit einer Preissteigerung um das Vierfache. Warum? Weil es die Kraftwerke noch nicht gibt, nicht in entsprechender Anzahl. Die energieintensive Industrie sei aber auf günstigen Strom angewiesen. „Die wollen Geld verdienen“, erklärt Knoblauch. 

Jahrzehnte lang war das etwa am Standort in Burghausen noch möglich. Die Weltwirtschaft habe sich aber nun mal geändert und nicht zuletzt der Strompreis in Deutschland. So seien Überlegungen wie die von Rudolf Staudigl, dem Vorstandsvorsitzenden der Wacker Chemie AG nur folgerichtig.

Erstmeldung

Der Münchner Spezialchemiekonzern Wacker produziert allein in Burghausen etwa 40.000 Tonnen Polysilizium, wichtig unter anderem in der Photovoltaik (Solarzellen) und in der Mikroelektronik (Halbleiter, Computerchips). Doch damit könnte bald Schluss sein, wie die OVB-Heimatzeitung berichtet. Aufgrund der steigenden Strompreise zweifelt Wacker-Vorstandschef Rudolf Staudigl an einer für sein Unternehmen nachhaltigen und wirtschaftlichen Produktion in Deutschland

Am Dienstag betitelte er die Zukunft der Energieversorgung in Deutschland als "konzeptlos". So könne es nicht weitergehen. „Entscheidend wird dabei sein, ob und inwieweit die Politik bereit ist, die Industrie von den entstehenden Zusatzkosten zu entlasten", zitiert OVB-Heimatzeitung Wacker-Vorstandschef Staudigl.

Sollte dies nicht der Fall sein und das Polysilizium lässt sich in Bayern nicht mehr kostendeckend produzieren, will Rudolf Staudigl Kapazitäten in Burghausen abbauen und in die USA verlagern. Dann könnte einem Teil der 10.000 Arbeitsplätze am Standort Burghausen ein Abbau drohen. 

Rubriklistenbild: © dpa

Zurück zur Übersicht: Stadt Burghausen

Auch interessant

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser

MEHR AUS DEM RESSORT