Filmprojekt über das Mühldorfer Hart

"Jede Antwort wirft fünf neue Fragen auf"

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Mit diesen jungen Menschen arbeitete Hannes Schwankner (links) vom Jugendbüro Burghausen an dem Filmprojekt (von links): Martin (23), Robert (16), Leo (16), Leander (15), Wolfgang (32) und Robin (16) sowie Lilli (19) und Bianca (16, rechts).
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Burghausen - Kann man Leid in Zahlen fassen? In einem Filmprojekt sind zehn jungen Menschen der Frage nachgegangen, warum die Gedenkstätte im Mühldorfer Hart nicht gefördert wird.

Wie viele Tote rechtfertigen eine Gedenkstätte? Kann man Leid überhaupt in Zahlen fassen? Diesen Fragen sind zehn junge Menschen aus der Region in ihrem Filmprojekt "Das Mühldorfer Hart - zu unbedeutend zum Erinnern?" nachgegangen. Über viele Monate haben sie recherchiert, gefilmt, Interviews geführt, Archive durchforstet und Videomaterial geschnitten. Das Ergebnis ist ein rund 26-minütiger Dokumentarfilm über die Geschichte des KZ-Außenlagers Mühldorf und die Planungen für eine Gedenkstätte im Mühldorfer Hart. Wie die Jugendlichen selbst erzählen, wirft der Film noch viel mehr Fragen auf als er beantwortet.

"Wir haben noch mehr Fragezeichen als davor. Nach jeder Antwort ergeben sich fünf neue Fragen", sagt etwa Wolfgang. Der 32-jährige war der Senior im Team und hat für das Projekt unter anderem die Gegendemonstration zur NPD-Kundgebung im August in Mühldorf gefilmt. Und auch Robert (16) findet, sie müssten künftig alles noch genauer hinterfragen, weil sie oft keine vernünftige Antwort gekriegt hätten.

Das Bunkergelände damals und heute

Einige Antworten und viele detaillierte Informationen über die Geschichte des Mühldorfer Harts hat der Film, der am Montagabend im Burghauser Bürgerhaus vor rund 150 Zuschauern Premiere feierte, dennoch zu bieten. Zu Archivbildern und -videos skizzieren die Jugendlichen die Pläne der Nationalsozialisten, im Mühldorfer Hart von Häftlingen eine riesigen Bunkeranlage für die Produktion von Kriegsflugzeugen bauen zu lassen, und sparen dabei nicht die grausamen Details der "Vernichtung durch Arbeit" - wie etwa Prügelstrafen und Mangelernährung - aus.

Eines wird mehr als deutlich: "Unbedeutend" war das Bunkergelände im Mühldorfer Hart keineswegs. Der Frage, warum es dort dennoch bis heute keine Gedenkstätte gibt, gehen in der Dokumentation eine Reihe von Interviewpartner nach - darunter viele Menschen aus der Region, die sich seit Jahren für den Bau einer Gedenkstätte einsetzen, wie etwa Franz Langstein vom Verein "Für das Erinnern" und Mühldorfs stellvertretende Landrätin Eva Köhr, Vorsitzende des Arbeitskreises KZ-Gedenkstätte. Sie erläutern die komplexe Gemengelage im Mühldorfer Hart, wo neben der Finanzierung auch die Frage der Verkehrssicherung und die komplizierten Eigentumsverhältnisse einer Gedenkstätte im Weg stehen.

"Man kann Leid nicht in Zahlen fassen"

Auf die alles entscheidende Frage, ob das Mühldorfer Hart "zu unbedeutend zum Erinnern" ist, haben die jungen Filmemacher jedoch keine Antwort finden können - schon alleine deshalb, weil sie die Frage für sinnlos halten. "Das war die Abschlussfrage bei jedem Interview", erklärt Robert. "Das ist eine absolut hirnrissige Frage. Man kann Leid nicht in Zahlen fassen."

Die Jugendlichen sind davon überzeugt, dass eine Gedenkstätte auf den ehemaligen Bunkergelände unerlässlich ist. Die Nachricht des Bundes, das Projekt nicht zu fördern, gab überhaupt erst den Anstoß zu dem Filmprojekt. "Es war ungerecht, dass keine Gedenkstätte errichtet wird an einem Platz, wo so viele Menschen gestorben sind", findet Robin (16) und Bianca (16) ergänzt: "Es ist interessant, dass man Geschichte in der Region erleben kann."

Zwei Monate Arbeit - alleine für den Schnitt

Gemeinsam mit Hannes Schwankner vom Jugendbüro Burghausen haben die Jugendlichen seit April an dem Projekt gearbeitet. Einmal in der Woche traf sich die ganze Gruppe und oft haben zusätzlich kleine Gruppen oder einer alleine an kleinere Aufgaben gearbeitet, Interviews vorbereitet, recherchiert, Filmaufnahmen im Mühldorfer Hart gemacht. Alleine der Schnitt des Films hat zwei Monate gedauert, und das, obwohl sich Lilli (19) damit sogar die Nächte um die Ohren geschlagen hat.

Unterstützt wurde das Projekt vom Förderprogramm "In eigener Regie". Von dort gab's das technische Equipment für den Film und zwei Workshops, in denen den Jugendlichen die wichtigsten Handgriffe beigebracht wurden. Abgesehen davon arbeiteten die jungen Filmemacher weitestgehend eigenständig an dem Projekt.

Bilder von der Premiere

Mühldorfer Hart: Filmpremiere in Burghausen

Das filmische Ergebnis ihrer Mühen haben die Jugendlichen nach der Premiere im Bürgerhaus an die Zuschauer verschenkt - allerdings verbunden mit der Bitte um eine Spende. Damit soll ein weiteres, größeres Filmprojekt finanziert werden. Es soll wieder um KZ-Gedenkstätten gehen, das genaue Konzept diskutieren die Jugendlichen aber noch. Man wolle eventuell die "ganz große Runde drehen", erzählt Lilli. Möglicherweise spannen jungen Filmemacher dann von Mühldorf aus den Bogen zu den großen Konzentrationslagern, etwa in Dachau und Auschwitz. "Das hängt ganz stark vom Geld ab", sagt Lilli.

Eventuell steht aber erst einmal eine "ganz große Runde" mit ihrem aktuellen Film an. Die Jugendlichen möchten ihre Dokumentation bei Kurzfilmfestivals einreichen, wo genau, wissen sie noch nicht. Wer sich selbst ein Bild von der Dokumentation machen möchte, kann sich beim Jugendbüro Burghausen unter der Telefonnummer 08677/ 878 927 oder der E-Mail-Adresse jugbue@googlemail.com melden. Dort gibt es noch einzelne Exemplare des Films. Außerdem sollen die Bibliotheken und Archive in der Region mit der Dokumentation bestückt werden.

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