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Neue Kinder-Suchthilfe im Kreis Altötting

„Chill Out“ in Burghausen: Kinder aus dem Schatten der Verzweiflung herausholen

Verdängte Schwangerschaft
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Um Konflikten aus dem Weg zu gehen, verdrängen einige Frauen sogar ihre Schwangerschaft. Trinken können auch die Väter. Und die Kinder leiden still.

Es gibt viele Suchthilfe-Angebote und Projekte für Erwachsene - aber bei Kindern sind sie Mangelware. Diese Lücke soll bald eine Gruppe schließen, die „Chill Out“ heißt. Die Idee kommt von den beiden Therapeutinnen Julia Dimperl und Bettina Dauenhauer. Acht Kinder im Grundschulalter sollen sich im Haus der Familie in Burghausen treffen. Ziel ist es, dass sie Licht am Ende des Tunnels sehen und nicht ins Sucht-Muster der Eltern fallen.

Burghausen - Ein Vorurteil lässt Bettina Dauenhauer gar nicht gelten: Ist es die klassische Alleinerziehende, die zu viel Alkohol trinkt? Diese Vermutung von innsalzach24.de weist sie klar zurück: „Nein. Suchtprobleme ziehen sich durch alle Milieus und Gesellschaftsschichten. Mütter und Väter können beide betroffen sein.“

Die neue Initiative der Suchtberatung in Kooperation mit der Kinder- und Jugendhilfe im Landkreis Altötting hat einen Namen: „Chill Out“. Am 13. Mai 2022 soll es offiziell losgehen. Die Gruppe, die als Pilotprojekt startet, soll aus acht Kindern bestehen, die sich alle 14 Tage im Haus der Familie in Burghausen treffen. Das Ziel: „Heraustreten aus dem Schatten der Sucht der Eltern, die sie tagtäglich zu Hause erleben“, so Bettina Dauenhauer.

V.l.: Der Burghauser Bürgermeister Florian Schneider, Dr. Peer Arndt, Bettina Dauenhauer, Julia Dimperl und Studentin Viktoria Topalovic.

Weil die Idee so gut und versteckte Not so groß ist, reagierte Bürgermeister Florian Schneider schnell die Schatulle und spendete spontan 5.000 Euro im Namen der Stadt Burghausen für „Chill Out“. Weiterer wichtiger Spender ist die Brücke e.V. Burghausen. Der Kreisjungendring Altötting stellt die Flyer zur Verfügung. DieDie Fachambulanz für Suchtkranke, Geschäftsstelle Altötting - mit allen Aufgabenbereichen - erhält vom Landkreis für 2022 laut Beschluss vom Kreisausschuss einen Zuschuss in Höhe von 15.000 Euro.

Bei ihrer schwierigen Sozialarbeit haben sich die Tätigkeitsbereiche von Bettina Dauenhauer (Jugendhilfe/Pädagogik) und Julia Dimperl (Suchtberatung) immer wieder überschnitten. „Bei der Betreuung von mancher Sucht-Situation in einer Familie waren kleine Kinder im Spiel“, so Julia Dimperl. Umgekehrt fiel Bettina Dauenhauer bei der ambulanten Kinder- und Jugendarbeit eine Suchtproblematik ins Auge.

Kinder schämen sich, passen sich an und laden niemanden mehr zu sich ein

„Kinder leiden dann still, geraten sozial ins Abseits. Sie schämen sich, laden keine anderen Kinder zu sich ein. Sie passen sich der schwierigen Situation zu Hause an, wenn Papa oder Mama wieder mal ´out of order´ sind“, so Bettina Dauenhauer. Die Idee lag nahe, die Lücke zu schließen und den Kindern Hilfe anzubieten.

AWO Sozialpädagogischer Dienst Kinder- und Jugendhilfe in Oberbayern, Suchtfachambulanz Altötting (Träger: Caritas München/Freising und die Brücke e.V. zu gleichen Teilen) und der Verein Die Brücke e.V. schlossen sich zusammen und gründen nun „Chill Out“.

Schwierig ist es, diese „gut getarnten“ Kinder zu orten, die oft nicht einmal in der Schule besonders auffällig sind. „Manchmal werden Lehrer aufmerksam, Mitarbeiter der JugendSozialarbeit an Schulen (JaS), Freunde, Bekannte und/oder Verwandte, die anonym beim Jugendamt anrufen“, so Julia Dimperl.

„Schon als Grundschulkinder werden sie Meister des Versteckens und haben ein vielfach höheres Risiko als Kinder aus nicht-suchtbehafteten Haushalten, selbst später in die gleichen Rollenmuster der Sucht zu verfallen wie die Eltern“, so Dauenhauer und Dimperl unisono.

Familie mit fünf Kindern holte den Papa aus seinem Sucht-Labyrinth

Die Pädagogin und die Suchttherapeutin möchten ganz bewusst betroffene Eltern aufmuntern, „sich nicht zu scheuen oder zu dafür zu schämen, Hilfe zu holen“. Bei einem konkreten Fall erlebte Bettina Dauenhauer eine wundersame Wendung: „Es handelte sich um eine Familie mit fünf Kindern, in der der Vater Medikamentenprobleme hatte. Typisch für diese gutsituierten Verhältnisse ist, dass nach außen hin so lange wie möglich die Fassade intakt gehalten wird.“

Die Ehefrau und die Kinder litten furchtbar unter der Situation. Bettina Dauenhauer: „Die Frau hatte keine normale Paarbeziehung mehr zum Papa. Der Vater musste sein Suchtproblem erst anerkennen. Schließlich raffte er sich auf und machte eine Therapie. Er ist heute trocken. Ich konnte die erzieherische Beistandschaft auflösen.“

Joint gilt als harmlos: Doch die meisten Drogen haben ein hohes Suchtpotenzial, das oft zur Abhängigkeit und manchmal auch zu falschen „Freunden“ führt.

Alk, Tabletten, PEP, XTC und Meth: Schnelle Drogen auf dem Vormarsch

Julia Dimperl erzählt von vielen stoffgebundenen Suchtmustern: „Alkohol und Medikamente sind weit verbreitet. Aber auch schwerere, sogenannte schnelle Drogen sind ein Thema - zum Beispiel XTC oder Amphetamine wie Speed, PEP und Crystal Meth. Marihuana spielt auch immer eine Rolle, weniger jedoch Heroin. Ich beobachte eine Zunahme von polytoxem Konsum: Diese Leute schlucken, was sie kriegen können.“

Die Corona-Pandemie habe bestehendes Suchtverhalten „teilweise wie ein Brandbeschleuniger verstärkt“, so Bettina Dauenhauer. Das treffe auch auf nicht-stoffgebundene Süchte wie Computerspielen und Handynutzung zu.

In Mühldorf heißt das Modell „Spiele.Zeit“

Im Landkreis Mühldorf gibt es übrigens schon ein ähnliches Angebot wie das Altöttinger Modell „Chill Out“:
Spiele.Zeit - Gruppe für Kinder von psychisch belasteten Eltern. Treffpunkt ist das Haus der Begegnung in Mühldorf.

Kinder-Spielgruppe in einem Kindergarten im Landkreis Rosenheim

Wie sollen die Gruppentreffs von „Chill Out“ ablaufen? „Wir wissen aus Mühldorf, dass mit Brotzeit und einem guten Fahrdienst schon viel gewonnen ist“, so Bettina Dauenhauer. Denn viele Eltern mit Suchtproblemen haben aus diesem Grund weder Führerschein noch Auto. Beim Gruppen-Raum im Haus der Familie soll eine Küche dabei sein, damit gemeinsam gegessen und gekocht wird. Die Kinder sollen circa zwischen sechs und elf Jahre alt sein.

Insgesamt sind in einem Zyklus zehn Treffen geplant, „alle zwei Wochen, auch mit möglichen Unterbrechungen“, so Julia Dimperl, mit einem elften Abschlusstag. „Zum Schluss stellen wir uns vor, dass die Eltern dabei sind. Sie könnten mit den Kids essen oder einen Ausflug machen“, so Bettina Dauenhauer. Man warte aber noch auf die Resonanz, „weil die Kinder immer sehr enttäuscht sind, wenn ihre Eltern dann doch nicht kommen“.

Kontaktdaten bei Interesse - gerne auch anonym

Wer zum Projekt „Hilfe für Kinder suchtkranker Eltern“ Informationen erhalten möchte, der kann sich vertrauensvoll (gerne auch anonym) an folgende Ansprechpartner wenden:

-      Bettina Dauenhauer, Dipl. Sozialpädagogin, Kinder- und Jugendhilfe der AWO, Bezirksverband Oberbayern in Altötting; E-Mail bettina.dauenhauer@awo-obb.de; Tel.: 0174/9201762

-      Julia Dimperl, Dipl. Sozialpädagogin, Suchtfachambulanz Altötting, E-Mail j.dimperl@suchtfachambulanz-altoetting.de; Tel.: 08671/96 98 96

-rok-

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