Buchhändler im Lockdown

Burghauser Buchhändler erzählt: Allmacht dem Online-Konzern, Ohnmacht dem Einzelhändler

Ingo Naue in seinem Buchladen in Burghausen
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Ingo Naue in seinem Buchladen in Burghausen

Von geradezu biblischem Ausmaß ist der Kampf des Einzelhändlers gegen Internet-Riesen. Einmal mehr verschärft das Brennglas der Corona-Pandemie einen Konflikt, der schon länger brodelt. David konnte Goliath schlagen, doch hat der Einzelhändler überhaupt eine Chance im Kampf gegen Online-Giganten? Der Burghauser Buchhändler Ingo Naue berichtet über seine Erfahrungen seit dem ersten Lockdown.

Burghausen - Es war ein Jahr, das Ingo Naue geschlaucht hat, soviel steht fest. Die Fragen, die den Burghauser Buchhändler derzeit am meisten beschäftigen, sind: „Wie geht es weiter, und was wird nach dem Lockdown noch übrigbleiben? Wie werden unsere Städte in der Zukunft aussehen?“ Fragen, die sich nicht nur Ingo Naue stellt.


Die Pleitegeier kreisen über zahlreichen Unternehmen aus diversen Branchen: Gastronomie, Logistik, Wäschereien, Tourismus, Veranstalter, Modehersteller, Spielwarenhersteller, Wintersport, … die Liste der betroffenen und bedrohten Branchen ist unendlich. Vom Händlersterben und Pleitewellen ist schon länger die Rede, viele Gastronomen stehen vor dem Aus. „Wie lange wird so ein Wiederaufbau dauern?“ Auch das eine Frage, die nicht nur Ingo Naue sich stellt.

1948 hat sein Vater die Buchhandlung gegründet. Er war promovierter Germanist, und wäre der Krieg nicht gewesen, dann wäre er weiter an der Uni geblieben. Doch so startete Dr. Naue in Altötting mit einer Leihbücherei. Ingo Naue denkt momentan öfter an seinen, leider bereits verstorbenen Vater. „Ich hätte ihn gern gefragt, was er zu dem Ganzen sagen würde.“


Ingo war mitten im Abitur, als sein Vater schwer erkrankte, und die Frage der Nachfolge auf den Tisch kam. Elisabeth, Ingos Schwester, und ein wenig später er selbst, führten dann die beiden Buchhandlungen in Altötting und Burghausen fort. „Es hätte mir auch gefallen, Reporter zu werden“, erzählt Ingo Naue, der seit 1991 die Filiale in Burghausen leitet, „aber ich liebe die Arbeit als Buchhändler: Mit den Kunden zu sprechen, der Input und Austausch. Geschichten zu hören und immer etwas dazuzulernen. Das fehlt mir gerade enorm.“

Als der erste Lockdown angekündigt wurde, war Naues Schock immens. „Ich bin 62, und man fragt sich, ist da jetzt Schluss? Kein Fußgänger, kein Auto war mehr auf der Robert-Koch-Straße unterwegs, einfach nur Totenstille. Meine Verunsicherung war wahnsinnig groß.“ Zum Glück war man in den Buchhandlungen beim zweiten Lockdown schon gefasster: „Wir waren da schon auf so manches vorbereitet, wussten, welche Optionen man hatte.“ Das Telefon war und ist seither der beste Freund der Händler: „Die Kunden rufen an, bestellen und holen ab.“

Dankbar ist Ingo Naue auch über die Aktionen der Stadt und des Werberings, um die Burghauser Bürger aufmerksam auf ihre lokalen Händler zu machen. „Das war sehr hilfreich. Auch unser Online-Shop ging etwas besser nach den Aktionen“. Doch gegen die Internet-Riesen kommt der Shop dennoch nicht an: „Wenn man was kaufen möchte, dann googelt man. Und da findet man nicht uns, ganz oben in der Liste.“

Da muss man dem Buchhändler leider beipflichten. Nicht genug, dass man als Händler viel zu tun hat mit Bürokram, Verwaltung, Rechtlichem und Steuerlichem, seit kurzem kommen auch Hygienekonzepte und Anträgen auf Hilfen dazu. Einen erfolgreichen Onlineshop mit dementsprechendem „Ranking“ zu betreiben ist ein Vollzeitjob.

Doch Ingo Naue will nicht nur ein Lager voller Bücher verwalten und verkaufen. „Viele Kunden haben uns Wertschätzung entgegengebracht, die uns aufgebaut und Mut gemacht hat. Denn das Schlimmste ist eigentlich der Frust darüber, dass man selbst keinen Fehler gemacht hat, und dennoch die Folgen zu tragen hat.“

Bereits die 3. Buchmesse ist nun abgesagt worden. Und auch das stimmt Ingo Naue nachdenklich: „Die Kulturelite der Welt trifft sich da. Normalerweise. Es ist einfach nicht möglich, sowas mit Online-Meetings zu ersetzen.“ Dass Literatur in Bayern nicht systemrelevant ist, gefällt ihm nicht, denn in Berlin und Sachsen-Anhalt dürfen Buchhandlungen im Lockdown geöffnet bleiben. Der Handelsverband Bayern hat bereits am 2. Februar die Wiedereröffnung der Geschäfte gefordert.

HBE-Hauptgeschäftsführer Wolfgang Puff: „Die Politik hangelt sich perspektivlos nur von einem Lockdown zum anderen. Unsere Händler werden ohne Perspektive und finanzielle Hilfen alleine gelassen. Frust, Existenzängste, Verzweiflung und Wut auf die Politik nehmen dramatisch zu. Wir haben es satt, immer nur salbungsvolle Worte zu hören. Wenn wir schon keine Finanzhilfen bekommen, dann wollen wir wenigstens für unsere Kunden öffnen dürfen.“

Ingo Naue ist übrigens kein Gegner der Maßnahmen, doch er liebt seine Arbeit, und möchte endlich wieder Kunden in seinem Laden begrüßen dürfen. Wie so viele andere Händler auch.

dha

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