Klinik: Sturm der Entrüstung in Burghausen

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Landrat Erwin Schneider stand am Mittwochabend in Burghausen lautstarken Gegnern der Klinikschließung gegenüber.
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Burghausen - Bei der Informationsveranstaltung zum Klinikgutachten im Burghauser Stadtsaal kochten, wie schon wenige Tage zuvor im Kreistag, die Emotionen über.

Bereits in der Sondersitzung des Altöttinger Kreistags am vergangenen Freitag in Burgkirchen war der Ärger einiger Bürger über die drohende Schließung der Burghauser Klinik unüberhörbar gewesen. Dies war jedoch ein laues Lüftchen, verglichen mit dem Sturm der Entrüstung, der am Mittwochabend phasenweise bei der Informationsveranstaltung im Burghauser Stadtsaal aufbrandete. Landrat Erwin Schneider und Gutachter Dr. Thomas Rudolf sahen sich Buhrufen und sogar Beschimpfungen ausgesetzt.

Bessere medizinische Versorgung mit einem Haus?

Gutachter Dr. Thomas Rudolf

Vor der Diskussion hatte Rudolf wie schon am Freitag im Kreistag das Gutachten präsentiert. Der Einschätzung Rudolfs und seiner Kollegen zufolge - ein Beraterteam aus Medizinern, Volks- und Betriebswirten - droht den Kreiskliniken ohne Veränderungen ein nahezu stetig wachsendes Minus. Eine Schließung des Burghauser Standorts verbunden mit Investitionen in den Standort Altötting könnten den Gutachtern zufolge indes den Weg zurück in die schwarzen Zahlen bedeuten.

In der anschließenden Diskussion meldeten sich viele Bürger zu Details des Gutachtens zu Wort, fragten etwa nach, ob die Investitionen in den Standort Altötting korrekt bei den Kosten berücksichtigt worden seien. Dies bejahte Rudolf, alle Investitionen habe man in der Berechnung korrekt abgeschrieben. Wie schon in Burgkirchen gab es erneut Wortmeldungen, man dürfe die medizinische Versorgung nicht wirtschaftlichen Interessen unterordnen. Dem entgegnete Landrat Schneider, dass die Konzentration auf einen Standort sogar eine bessere medizinische Versorgung gewährleisten könnte.

Muss ein Millionenzuschuss zurückgezahlt werden?

Kreisrätin Sieglinde Linderer

Mehrere Bürger äußerten sich sehr skeptisch darüber, ob Zuschüsse des Freistaats für Investitionen in den Standort Burghausen womöglich zurückgezahlt werden müssten, wenn das Haus komplett schließt - immerhin wäre das ein Millionenbetrag, der die gesamte Prognose der Gutachter in einem anderen Licht erscheinen lassen könnte. "Wenn wir Burghausen kompromisslos schließen, werden wir mit der Rückzahlung der Fördergelder rechnen müssen", warnte etwa Kreisrätin Sieglinde Linderer. Rudolf indes betonte wie schon im Kreistag, dass es eine Aussage seitens der Regierung gebe, dass man den Zuschuss nicht zurückzahlen müsse.

Die Burghauser Stadt- und Kreisrätin Gertraud Ertl

In einigen Wortmeldungen kam erneut der Wunsch zum Ausdruck, dass nach einem Alternativkonzept für den Standort Burghausen gesucht werden solle. Linderer forderte, sich "kreativ" mit dem Thema auseinanderzusetzen, der Burghauser Stadtrat und Kreisrat Franz Kammhuber meinte, man müsse das Thema "mit Phantasie" angehen und dürfe nicht nur schwarz-weiß denken. Es gab auch mehrere konkrete Vorschläge seitens der Diskussionsteilnehmer: So regte die Burghauser Stadträtin und Kreisrätin Getraud Ertl für das Klinikum ein Betreiberkonsortium an, an welchem sich auch die Stadt beteiligt. Landrat Schneider entgegnete diesem Vorschlag, dass er ein Betreiberkonsortium für ein Thema halte, das nicht zukunftsfähig sei.

"Sie haben ein Bösgutachten gemacht"

Der Burghauser Stadt- und Kreisrat Franz Kammhuber wünschte sich mehr Phantasie bei der Suche nach Lösungen

Neben vielen sachlichen Wortbeiträgen gab es auch einige höchst emotionale Äußerungen. Beliebtes Ziel der Kritik war Landrat Schneider, in erster Linie traf es jedoch Dr. Thomas Rudolf. Ein Bürger etwa sprach despektierlich von einem "sogenannten Gutachter" und einem "08/15-Gutachten". "Sie haben kein Gutachten gemacht, sondern ein 'Bösachten' gegen Burghausen", so der hitzige Debattenbeitrag dieses Bürgers.

Ein weiterer Bürger kritisierte, dass seiner Einschätzung nach vorschnell eine Schließung empfohlen werde, und untermauerte dies damit, dass nur sehr wenige Häuser mit Schwierigkeiten tatsächlich geschlossen würden. Rudolf erwiderte, dass die Gutachter ihr Ergebnis nicht einfach "am Freitagabend auswürfeln" würden. "Wir sind nicht die Schließungsweltmeister", so Rudolf. Dies könne er auf seinem Team nicht sitzen lassen. Der Gutachter verwies darauf, dass man in Dinkelsbühl von einer geplanten Schließung abgeraten habe und das Haus als orthopädische Fachklinik erhalten konnte.

Die Ausführungen des Landrats sowie des Gutachters wurden nicht selten von - teils sehr lauten - Buhrufen und spitzen Pfiffen begleitet. Nicht nur einmal fielen einzelne der vielen hundert Zuhörer Schneider oder Rudolf ins Wort. Auch Vorwürfe gab es immer wieder. Den Vorwurf, er mache es sich leicht, konterte Schneider mit den Worten, dies sei in der Tat der schwerste Weg. "Glauben Sie, dass das vergnügungssteuerpflichtig ist?", fragte der Landrat, auch unter Verweis auf teils massive Anfeindungen gegen seine Person in sozialen Medien.

Steindl: "Das können wir uns nicht gefallen lassen"

Bürgermeister Hans Steindl

Auf die Ausführungen des Burghauser Bürgermeisters reagierten die Zuhörer indes regelrecht euphorisch. Phasenweise redete sich Steindl richtiggehend in Rage. "Man hat uns das Amtsgericht genommen. Man hat uns das Vermessungsamt genommen", setzte Steindl an. Der Bürgermeister zählte immer mehr Einrichtungen auf, die man Burghausen genommen habe, stets begleitet vom Applaus des Publikums. Am Ende dieses Klimax schloss Steindl mit den Worten: "Das (die Schließung des Krankenhauses; Anm. d. Red.) können wir uns als größte Stadt im Landkreis nicht gefallen lassen." Tosender Applaus quittierte diesen Satz, einige Zuhörer stampften sogar mit den Füßen.

Steindl ging aber nicht ausschließlich auf Konfrontation. So räumte er ein, dass man ein starkes Schwerpunktkrankenhaus brauche. Den Standort Burghausen sieht der Bürgermeister dennoch nicht am Ende. "Wir waren auf einem Reformweg, wir waren auf einem guten Weg", so Steindl.

Die Informationsveranstaltung in Bildern:

Hitzige Debatte über das Klinikgutachten

"Jede Woche Flugblätter im Briefkasten"

Schlussendlich haben aber weder Steindl noch der Landrat, weder die Gutachter noch die Burghauser Bürger das Wort, denn alles läuft auf einen Bürgerentscheid hinaus. Die dafür nötigen Unterschriften waren schon Mittwochnachmittag beisammen. Nach der Informationsveranstaltung im Stadtsaal hatte das Bürgerbegehren sogar schon rund 5000 Unterzeichner. Der voraussichtlich Ende März stattfindende Bürgerentscheid wäre für den Kreistag zwar nur ein Jahr bindend. Landrat Schneider betonte jedoch auf der Informationsveranstaltung, dass bei einem Votum für einen Erhalt des Standorts Burghausen in den nächsten fünf Jahren nichts passieren werde.

Steindl kündigte am Mittwochabend einen engagierten Wahlkampf in Sachen Bürgerentscheid an. "Man unterschätzt uns", sagte der Bürgermeister. "Da wird es jede Woche entsprechende Flugblätter in den Briefkästen der Landkreisbürger geben", so Steindl. Eines stellte der Bürgermeister aber klar: Ein Gegengutachten werde es nicht geben: "Wir werden kein Gegengutachten machen. Wir sind auch nicht doof und blöd schon gleich gar nicht."

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