Der offene Brief eines Garchinger Bürgers

Garching - In einem offenen Brief verleiht ein Garchinger Bürger, der anonym bleiben möchte, seinem Entsetzen Ausdruck.

Lesen Sie hier den kompletten Brief:

"Wie eine Gemeinde verdrängt und sich in aller Welt der Lächerlichkeit aussetzt

Sehr geehrte Damen und Herren, sehr geehrter Herr Bürgermeister Reichenwallner als Repräsentant der Gemeinde Garching/Alz,

als Garchinger Bürger wende ich mich in einem "offenen Brief“ an meine Heimatgemeinde Garching/Alz und vor allem an ihren Repräsentanten nach außen, den Bürgermeister Wolfgang Reichenwallner. Es ist für mich unglaublich, wie sich der Garchinger Bürgermeister zu diesem Missbrauchsfall zu Wort gemeldet hat. Herr Reichenwallner hat in mehreren Interviews, z.B. bei Spiegel-online, chiemgau-online.de oder innsalzach24.de nachzulesen, nahezu Unglaubliches von sich gegeben: Man müsse doch mal vergeben können und das alles sei ja schon so lange her, man müsse doch auch die ganzen guten Seiten sehen und er frage sich, warum das jetzt wieder alles aufgekocht werde (welch eine Ohrfeige an die Opfer!) und, jetzt kommt das Unglaublichste: Der Bürgermeister verbreitet unaufhörig, dass sich Pfarrer H. während der 2 Jahrzehnte in Garching ja nichts mehr zu schulden hat kommen lassen und aus seinen Fehlern gelernt habe, ja, und dass er sich "selbst resozialisiert" habe. Woher bitteschön weiß der Bürgermeister, der gute Freund des pädophilen Herrn H., dass sich dieser Geistliche in Garching nie etwas zu schulden hat kommen lassen? Kann man das - bzw. kann Herr Reichenwallner das - wirklich nach dem jetzigen Kenntnisstand und Wissen ausschließen?

Wie müssen sich jetzt die damaligen Opfer fühlen? Und vor allem: Wie müssten sich jetzt potentielle (!) Garchinger Opfer fühlen bei solchen Worten des Bürgermeisters? Was glauben Sie, was das für Auswirkungen haben wird? - Sollten in Garching in diesen 2 Jahrzehnten Kinder Missbrauchsopfer geworden sein, meinen Sie, dass es denen dann jetzt leicht(er) fällt, sich zu melden?? - Wenn die öffentliche Meinung - und allen voran ihr Bürgermeister – (mit verharmlosender Wortwahl) vorgibt, man solle doch jetzt bitte nicht in der Vergangenheit kramen und man dürfe seinen alten "Freund", den Pfarrer H., nicht diffamieren. Und besonders wenn ein Großteil der Gemeinde – und Sie auch Herr Reichenwallner – den Geistlichen H. derart idealisiert, dass einem übel werden muss. Lesen Sie diesen Absatz bitte mehrmals, er ist wichtig, sehr wichtig! Schon alleine die Aussage, dass sich Reichenwallner frage, warum das jetzt erst hochgekocht werde, ist entsetzlich!

Nicht erst in den letzten Wochen hat man so viele seriöse Aussagen von Psychologen und Psychiatern vernehmen können, die alle das gleiche sagen, nämlich, dass es für die Missbrauchsopfer erst nach Jahren und Jahrzehnten (manchmal gar nie) möglich ist, darüber zu reden. Ich wiederhole mich zwar jetzt, aber ich stelle die Frage noch mal, weil sie von absolut essentieller Bedeutung ist: Woher kann Herr Reichenwallner behaupten, es habe in Garching in diesen 20 Jahren nie Rückfälle gegeben? Woher bitteschön?

Es ist unglaublich, wie meine Gemeinde Garching/Alz öffentlich der Lächerlichkeit aussetzt wird! Es ist eine Schande, wie „wir“ uns in der Öffentlichkeit blamieren! Man wüsste, wenn man sich ein bisschen über Stammtischniveau hinausgehend mit dieser Thematik beschäftigt, dass Missbrauchsopfer oft erst Jahre oder Jahrzehnte von ihrem Schicksal erzählen können. (Haben Sie, Herr Reichenwallner, denn diese Diskussionen um die Verlängerung oder gar Abschaffung von „Verjährungsfristen“ in Missbrauchsfällen mitbekommen?) Manche Opfer können ein Leben lang nicht von ihrem Leid erzählen. Man denke auch an die vielen deutschen Frauen nach 1945, die von russischen Soldaten vergewaltigt wurden. Wieviele davon konnten erst Jahrzehnte später ihr Schweigen brechen? Wieviele konnten nie darüber sprechen?

Man wird mir jetzt hoffentlich nicht entgegenhalten, dass Herr H. ja Ende der 1970er Jahre "nur" Buben zum Oralsex gezwungen habe und sich Mitte der 1980er Jahre „nur“ wiederholt an Kinder vergangen hat… Das sind die derzeit belegten Fälle, die man, ich wiederhole, derzeit (!) sicher weiß. Niemand kann nach derzeitigem Kenntnisstand vollständig ausschließen, dass in diesen letzten 30 Jahren noch andere Dinge vorgefallen sind bzw. verheimlicht wurden. Ich finde auch die nun bekanntgewordenen Fakten schlimm genug. Das zum Thema "zweite Chance". Und Herr H. hat sich dann einfach mal so „selbst resozialisiert“, wie Sie, Herr Reichenwallner, behaupten? Und natürlich muss man deshalb jetzt davon ausgehen, dass in der Garchinger Zeit nichts passiert sei, Herr Reichenwallner? Ist das Ihr Ernst? - Und immer wieder die Argumente: Er war freundlich, er hat die Kirchen gefüllt, er war so ein guter Prediger. Welch einleuchtende Argumentationskette!

Werfen Sie, lieber Herr Reichenwallner doch bitte mal einen Blick in die ZEIT-Printausgabe vom 18.03.2010, Seite 47, Feuilleton. Die ZEIT gilt wohl unbestritten als objektives und seriöses Medium von höchstem Rang, welches ihre Thesen auch durch wissenschaftliche Erkenntnisse untermauert und nicht „einfach so mal“ etwas schreibt. Dort heißt es, ich zitiere aus dem Artikl von Frau Dr. Susanne Mayer: "Der missbrauchende Erwachsene ist, sagt uns die Sexualforschung, von einer Störung sexuellen Orientierung getrieben, auf minderjährige Sexualpartner aus. Den Begriff Krankheit vermeiden Psychiater, weil er die Möglichkeit einer Heilung suggeriert. Pädophilie, was im engeren, medizinischen Sinne nur die Fixierung auf vorpubertäre Kinder meint, ist wie Sucht und nicht zuverlässig durch Kontaktvermeidung eindämmbar, die Rückfallquoten reichen bis über 50 Prozent." Lesen Sie bitte, Herr Verwaltungswirt Reichenwallner, diesen Abschnitt mehrmals durch, da Sie augenscheinlich in Sachen Sexualforschung und Psychologie größten Nachholbedarf haben.

Bleiben Sie immer noch bei Ihrer Aussage, Herr Reichenwallner, dass sich Pfarrer H. in den 20 Jahren in Garching "nichts zu Schulden" hat kommen lassen und sich ihr Spezl während dieser Zeit "selbst resozialisiert" habe? Rückfallquoten bis zu 50 Prozent…! Was ist denn mit den ganzen Gerüchten, mit den Aussagen von Kindern, die er auf den Mund geküsst hat und denen er sein häusliches Schlafzimmer gezeigt hat usw.? Und jetzt gibt es schon wieder Stimmen aus Garching, die sagen: „Ja mei, das Schlafzimmer gehört halt dazu, wenn der Pfarrer den Kindern zeigt, wie er lebt.“ – Ich finde, das gehört definitiv nicht dazu! Und wenn man dann – inzwischen – weiß, dass ein pädophiler Pfarrer Kindern sein Schlafzimmer zeigt, dann spricht das wohl auch Bände und nicht unbedingt dafür, dass sich dieser Pfarrer selbst geheilt oder selbst resozialisiert hätte…

Aber wehe kritische Stimmen melden sich jetzt! Das fällt ja alles unter "Hexenjagd", oder? Natürlich gibt es auch viele positive Stimmen und H. war beliebt – auch bei den meisten Ministranten wohl. (Im Übrigen erschleichen sich viele Pädophile genau so das Vertrauen der Kinder) Es kann ja auch ein freundlicher und beliebter Mann solche Neigungen haben! Muss man sich einen Sexualstraftäter immer als hässlichen, bösen, alten Mann vorstellen, der NUR negative Seiten hat? Wohl nur im Märchen gibt es eine solche Schwarz-weiß-Malerei, in der Realität selten oder nie. Weiter geht in dem ZEIT-Artikel: "Im Kern handelt es sich um eine narzisstische Prägung, die im anderen nur das eigene Begehren erkennen kann. Weshalb es zum Standardrepertoire der Kinderschänder gehört, das eigene Handeln damit zu entschuldigen, das Kind habe es doch gewollt. (...) Kinder können gegen die gewalttätigen Zusammenhänge nicht antreten, denen sie ausgeliefert sind. Das Opfer verstrickt sich in eine Gefolgschaft mit seinem Missbraucher, der sich als sein Wohltäter gibt. Das Opfer fühlt sich mitschuldig und, wenn es spricht, als Verräter. Auch seiner selbst. Der Zugriff des Missbrauchers hat das männliche Kind, dessen Sexualität noch unbestimmt ist, zum Schwulen gestempelt, darin müsste es sich nun outen." Lesen Sie bitte auch diesen Abschnitt mehrmals durch! Und zwar so lange, bis Sie (hoffentlich) begreifen und nachvollziehen können, warum dieses damalige Opfer H.s Ende der 1970er Jahre erst vor ein paar Jahren sein Schweigen hat brechen können.

Bleiben Sie immer noch bei Ihrer Aussage, Herr Reichenwallner, dass das alles längst viele Jahre her sei und Sie sich jetzt schon wundern müssten, warum man jetzt diese „alten Sachen“ rauskramen müsse? Kann sich der Garchinger Bürgermeister überhaupt in solche Opfer auch nur ansatzweise hineindenken und hineinfühlen? Hat der Garchinger Bürgermeister auch deutliche, mitfühlende Worte für die Opfer, die sein guter alter Spezl H. im Laufe seiner Jahre missbraucht hat? Kennt Herr Reichenwallner die Vergangenheit von Pfarrer H.? Seine Biographie ist ja seit den letzten Tagen hinlänglich bekannt – und zutiefst erschreckend! Herr Reichenwallner redet daher wie ein Stammtischbruder, der überhaupt nicht zu differenzieren weiß. Der Bürgermeister schwadroniert, dass man jetzt nicht nur das Negative sehen solle, sondern auch das Positive. Ich und viele andere sehen sehr wohl auch das Positive, nämlich, dass er die Kirchen gefüllt hat und gut gepredigt hat und beliebt war. Ich kann nämlich differenzieren. Aber das andere Bild, Herr Reichenwallner, gehört auch zu Ihrem Spezl Herrn H., oder? Und dieses „andere Bild“ verharmlosen Sie in sonderbarer Art und Weise! Mit den Aussagen „Das ist lange her. In Garching hat er sich nichts zu Schulden kommen lassen. Er hat sich selbst resozialisiert“ ist es wohl nicht ganz getan, oder? Ich finde - und Gott sei Dank bin ich mit dieser Meinung nicht alleine -, dass dieses „andere Bild“ einfach nur ekelhaft ist – und dieses „andere Bild“ wiegt wohl doch "etwas" schwerer als eine volle Kirche oder eine schöne Predigt, oder?

Aber diese bösen Medien kochen jetzt alles hoch, gell. Und der Fall werde ja nur deshalb so hochgekocht, weil der derzeitige Papst darin (möglicherweise) involviert sei. Ist dieser Fall - 30 Jahre verstecken, leugnen, verschweigen, verheimlichen, Vertrauen erschleichen und missbrauchen - nicht auch so bereits ekelhaft und widerlich genug? Für Herrn Reichenwallner hat sein alter Freund Pfarrer H. früher, vor langer, langer Zeit mal was gemacht, aber das ist ja lange, lange her, und wir Garchinger lassen uns doch deshalb unsere schönen Erinnerungen nicht vermiesen, gell! Die Kirchen gefüllt und er war doch so freundlich und ein so guter Kumpel! Ja, und? Hilft das den Opfern, den missbrauchten Kindern irgendetwas? Kennt Herr Reichenwallner die vielen Gerüchte und konkreten (!) Vorwürfe an Pfarrer H. auch WÄHREND seiner 2 Jahrzehnte in Garching?? Gewiss doch, jeder in Garching und erst recht jeder in Garching, der mit der katholischen Kirche in Garching/Alz auch nur ansatzweise etwas zu tun hat(te), wusste und weiß davon.

Und nicht nur eben Gerüchte, sondern konkrete Anschuldigungen bzw. Vorfälle gab es, das weiß auch jeder. Kinder habe er auf den Mund geküsst oder sein privates Schlafzimmer gezeigt. Wände kirchlicher Mauern wurden besprüht mit Anspielungen zu sexuellem Missbrauch. Kritische Stimmen wurden zu dieser Zeit immer wieder abgewürgt, im Keim erstickt. Ist schon klar, wenn man als sympathischer und freundlicher Pfarrer (das war H. auch, zweifelsohne!) 98% der Kirchengemeinde hinter sich und den Bürgermeister als guten Spezl hat. Dann hat man es natürlich schwer als Opfer oder als kritische Person, gegen den Strom zu schwimmen.

Am 17.03.2010 wurde auf Spiegel-online ein Artikel veröffentlicht, der sich ein wenig differenzierter mit dieser Thematik beschäftigt. Sehr viele entsetzte Stimmen von Garchingern finden in diesem Artikel Gehör. Stimmen, die sich überhaupt nicht mit Reichenwallners Pauschalaussage „Die letzten 20 Jahre in Garching hat sich Priester H. nichts zuschulden kommen lassen“ vertragen. Auf einem anderen Forum (http://netplosiv.org – Artikel: „Bad Tölz in Bayern: Gemeinde protestiert gegen Missbrauchs-Pfarrer!“) hat eine Garchingerin, deren vollständigen Namen sie in diesem Forum angibt, geschrieben: "H. war Pfarrer in Garching/Alz. Es kam ein Verdacht auf einen Missbrauchsfall auf, wurde aber mit finanziellen Mitteln und Einschüchterungen aus der Welt geschafft. Vielleicht isst es wert, diesen Fall nochmals zu hinterfragen? Nachdem Pfarrer H. nach diesem Verdachtsfall (der sogar von einer Ärztin ausgesprochen wurde) noch weitere Jahre (!) in der Pfarrei Garching tätig war, wurde er 2008 nach Bad Tölz versetzt. Und jeder hat geschwiegen..." Was jetzt an diesem speziellen Gerücht/Vorwurf konkret dran ist, kann ich nicht beurteilen. Man muss natürlich auch vorsichtig sein mit Gerüchten und Anschuldigungen, dessen bin ich mir durchaus bewusst. Aber: Diese Gerüchte um Missbrauch und auch konkrete Vorwürfe gab es auch während der Zeit in Garching, das kann keiner leugnen – und das weiß auch Herr Reichenwallner.

Der Bürgermeister ist ja kein weltfremder Mensch, er mischt sich ja derart leutselig unter das Garchinger Volk (Kirche, Vereine, Wirtshäuser, Feste, Besuche, Freibad etc), so dass man sicherlich nicht behaupten kann, er hätte keinen Kontakt zum „gemeinen (Gemeinde)Volk“. Herr Reichenwallner hat also sehr wohl von diesen Gerüchten, Vorwürfen und Anschuldigungen gewusst. Klar gab es nie hieb- und stichfeste Beweise in der „Garchinger Zeit“. Das ist schon klar. Aber dass sich Herr Reichenwallner jetzt – nach (!) Bekanntwerden dieser unglaublichen Dinge – öffentlich äußert, dass in Garching in diesen 20 Jahren alles gut gewesen sei, sich Pfarrer H. ja nichts mehr zu Schulden hat kommen lassen und er sich „gut selbst resozialisiert“ habe, dann ist das für mich absolut unfassbar und in keinster Weise akzeptabel. Wenn man weiterhin Pfarrer H. nach außen hin als Vorzeige-Pfarrer präsentiert und idealisiert, dann ist es für Opfer natürlich erst recht schwer, gegen ein solches Bollwerk aus Pfarrer, Kirche, Kirchengemeinde (und Bürgermeister!) vorzugehen. Ich wiederhole mich zwar, aber man kann das nicht oft und deutlich genug wiederholen.

Der Paussauer Bischof Schraml hat sich vor kurzem bei den Opfern pädophiler Kirchenmänner entschuldigt. Dies erfülle ihn mit Scham. Natürlich kann man hierauf auch wieder sagen, dass das reichlich spät komme und das den Opfern jetzt auch nichts mehr brächte respektive hülfe. Aber es ist zumindest ein Anfang eines kirchlichen Aufarbeitungsprozesses und eine wichtige, anständige Geste des Passauer Bischofs, wie ich finde. Die Bundeskanzlerin Merkel hat sich in diesen Tagen wiederholt geäußert, dass sie „schonungslose Aufklärung“ verlange. Auch der Münchner Bischof Marx hat sich geäußert: Die Opfer müssten ermutigt werden, das auszusprechen, was Ihnen angetan wurde. Eine solche Einstellung finde ich absolut angemessen und zielführend! Ist das auch Ihre Meinung, Herr Reichenwallner? Verträgt sich diese Aussage des Münchner Bischofs mit Ihrer Denkweise, dass "das" alles bei H. schon so lange her sei und sie sich wunderten, dass man das jetzt alles wieder herauskrame? Noch einmal: Ermutigen Sie, Herr Reichenwallner, mit Ihren Aussagen die Opfer und potentiellen Opfer von Herrn H.? Glauben Sie, dass Ihre Äußerungen hilfreich dafür sind, dass diese sich trauen das auszusprechen, was ihnen angetan wurde? Wäre der Garchinger Bürgermeister Reichenwallner nicht gut beraten gewesen, sich ähnlich zu äußern wie die Bischöfe Schraml, Marx oder die Bundeskanzlerin?

Zum Beispiel so: "Liebe Gemeindebürger in Garching. Entsetzliches ist aufgekommen, wovon wir alle nichts wussten [der Zusatz: „und wovon wir alle nichts wissen konnten“ wäre jedoch bereits gelogen!]. Unser ehemaliger Pfarrer Peter H. war sehr beliebt und ich, als ein guter Freund von ihm, bin besonders erschüttert. Wir alle haben seine Arbeit geschätzt. Aber, nachdem mir jetzt die vollständige Biographie Peter H.s bekannt ist, bin ich entsetzt, sprachlos und traurig, dass auch ich in diesen 2 Jahrzehnten wie alle anderen so getäuscht worden bin. Man kann nur hoffen, dass in den Jahren seiner Zeit in Garching keine Opfer in diesem furchtbaren Zusammenhang hervorgegangen sind. Gerüchte und Verdächtigungen hat es vereinzelt gegeben, ja, aber Stichfestes nie, deshalb konnte man das leider nicht so ernst nehmen, wie man es vom jetzigen Standpunkt aus betrachtet hätte tun sollen oder sogar müssen. Falls in den letzten 2 Jahrzehnten in Garching/Alz Kinder oder Jugendliche von Peter H. belästigt wurden, so wäre das für die Gemeinde und für mich als Bürgermeister eine Tragödie kaum zu beschreibenden Ausmaßes - und als Vertreter der Gemeinde würde ich natürlich auch persönlich für etwaige Opfer als Ansprechpartner jederzeit zur Verfügung stehen bzw. würde im Namen der Gemeinde die Opfer in gute ärztliche Hände oder Psychologen bzw. an Staatsanwaltschaft/Polizei weitergeben. Mir ist sehr gelegen, dass trotz des positiven Bildes, das Peter H. hinterlassen hat, die Vergangenheit offen und transparent aufgearbeitet wird – alles andere ist nicht hinnehmbar und wäre auch von meiner Seite aus nicht zu verantworten."

So etwas oder ähnliches hätte ich von (m)einem Gemeindeoberhaupt erwartet!! Doch nicht nur der Bürgermeister sendet verstörende Signale aus. Dem Tagesspiegel (online) war zu entnehmen, dass nach der letzten Sonntagsmesse ein älterer Garchinger mit hochrotem Kopf zum Besten gab, was denn das jetzt alles solle, also der ganze Wirbel um den geliebten früheren Geistlichen H.

„Hätte man ihn nicht noch ein paar Jahre in Ruhe lassen können?“, so echauffierte sich der Herr und trifft so den Nerv vieler Garchinger und wohl auch den des Bürgermeisters. Und solche verharmlosenden Aussagen sind ja keine Einzelmeinung, das ist ja das Schlimme…! Ebenfalls dem Tagesspiegel ist zu entnehmen, dass der derzeitige Garchinger Pfarrer sich nun öffentlich die Frage stellt, was man denn jetzt als Pfarrer überhaupt noch dürfe, ob man beispielsweise ein Kind noch im Kindergarten auf den Schoß nehmen oder über den Kopf streicheln dürfe. Ich weiß nicht, in welchem genauen Kontext dieses Zitat gefallen ist und in welchem Tonfall. Ich denke mir schon, dass der junge Garchinger Pfarrer derzeit mit den Nerven am Ende ist, was so alles auf ihn, seinen Vorgänger und die Kirchengemeinde einprasselt. Aber ist ihm bewusst, was solche Worte suggerieren (können)? Was für ein Hohn, was für eine Abscheulichkeit steckt in dieser rhetorischen Frage! Wie verharmlost werden damit die Missbrauchsvorwürfe und Missbrauchsfälle, wenn man sich dieser Thematik mit solch einer verharmlosenden Polemik nähert. Man kann diese Aussage nämlich auch durchaus so interpretieren, dass der Garchinger Pfarrer die Vorwürfe an Pfarrer H. als lächerlich empfindet und die Sorgen und Nöte der Bevölkerung überhaupt nicht ernst nimmt. Lapidar formuliert: „Heutzutage darf man ja gar nix mehr machen.“ Aber viele Garchinger Kirchgänger würden wohl auch hierauf zum Pfarrer sagen: „Ja, da haben Sie schon Recht, Herr Pfarrer, heutzutage darf man ja gar nichts mehr, gell.“

Dem Garchinger Pfarrer ist gewiss das Strafgesetzbuch bekannt. Jedem sollte doch einleuchten, dass es etwas anderes ist, wenn man ein Kind auf den Schoß nimmt und über den Kopf streichelt - oder wenn man ein Kind dazu zwingt, sein Geschlechtsteil in den Mund zu nehmen, so wie es erwiesenermaßen Pfarrer H. Ende der 1970er Jahre gemacht hat! Ein kleines, wehrloses Kind wurde zum Oralsex gezwungen! Und H. ist Mitte der 1980er Jahre erneut rückfällig geworden! Pfarrer H. schaute sich alkoholisiert mit Jugendlichen in seiner Wohnung Pornofilme an und animierte sie zu onanieren! Um diese Dimensionen geht es – und nicht um Haare streicheln oder auf den Schoß nehmen. Und das sind nur die bekannt gewordenen Fälle von H.! Wer weiß schon, was noch alles im Verborgenen schlummert? Ich weiß nicht, ob dem derzeitigen Garchinger Pfarrer bewusst ist, welche Assoziationen diese Aussagen wecken (können). Ich will diesem Pfarrer wirklich nichts unterstellen. Ich will ihm keine Worte in den Mund legen oder irgendetwas behaupten. Aber was suggeriert denn seine Aussage? Ich habe mich mit Bekannten und Familienmitglieder - generationenübergreifend, manche tiefgläubig, manche weniger - ausgiebig unterhalten, mit meinen Kindern, als auch mit meinen Eltern. Und alle empfinden diese Aussage als sehr unpassend und misslungen.

Ich - und viele meiner Gesprächspartner auch - höre aus diesen Zeilen heraus, dass er derzeit alles übertrieben lächerlich findet, was diese Diskussion betrifft. Und selbst wenn er es nicht so meint oder gemeint hat – dann kann trotzdem dieser Eindruck erweckt werden! Alleine das ist schon schlimm! Denn sollte derzeit bei solch einem sensiblen, schlimmen, abscheulichen Thema nicht alles Zweideutige bzw. alles, was man als verharmlosend empfinden könnte, vermieden werden?? Ehrliche, kritische, schonungslose Aufarbeitung, ehrliches In-sich-gehen sieht anders aus! Dann hat der junge Garchinger Pfarrer am Sonntag nach Bekanntwerden der biographischen Daten H.s in der Garchinger Kirche vom „Verlorenen Sohn“ gepredigt. Passt dieses Gleichnis wirklich auf Herrn H.? Ist Herr H. denn „reumütig zum Vater zurückkehrt, um sich zu seiner Sünde zu bekennen“?? Zudem hat der verlorene Sohn um die niedrigste Stelle („Tagelöhner“) gebeten. Trifft diese Metapher denn auf H. zu? Ich kann mich noch an das Gedicht von H. erinneren, das er seinen Garchingern als „Abschiedgeschenk“ in seiner letzten Predigt hinterlassen hat. Aus diesen Versen und auch aus anderen Aussagen H.s geht Unverständnis und sogar Zorn in Richtung Bischof Marx hervor, der böse Bischof Marx, der ihn ja einfach so mal „wegversetzt“ hat.

Wären da bei H.s Abschied aus Garching/Alz nicht gediegenere Worte – auch dem Bischof und dem Bistum gegenüber - angebracht gewesen, aufgrund seiner Vergangenheit? Mit seine Aussagen hat H. das allgemeine Unverständnis über seine Wegversetzung befeuert – und so auch den Zorn der Garchinger Kirchengemeinde auf das Bistum München und auf den Bischof Marx, den man als Sündenbock ausgemacht hat, zusätzlich angefeuert. Dann äußerte sich H. in seinem 4minütigen Telefonat mit dem Bürgermeister Reichenwallner wie folgt: „Warum gerade ich?“ – (Reichenwallner selbst hat dies an die Medien so wortwörtlich weitergegeben) Ist das denn Reue? Zudem habe H. auch noch (laut Reichenwallner)während des Telefongespräches gesagt: „Das sitze ich aus“. Sieht so Reue aus? Apropos Reue und Einsicht. In der Süddeutschen Zeitung vom 20./21.03.2010 wird über H.s langjährigen Psychoanalytiker (=Dr. Werner Huth, Facharzt für Neurologie) berichtet. Huth sagt, er habe von Anfang an gewarnt vor allem davor, ihn mit Kindern und Jugendlichen arbeiten zu lassen. Der damals 32jährige Pfarrer H. kam 1980 in die Hände von Dr. Huth. Der Arzt sagt, dass H. von Anfang an wenig Einsicht in das zeigte, was geschehen war.

H. war nicht bereit, zu hinterfragen, es mangelte eklatant an Introspektionsfähigkeit (=Selbstbeobachtung der eigenen Erlebnis- und Verhaltensweisen). Zudem hatte Dr. Huth den Eindruck, dass H. ihn anlog und ihm und auch sich selbst etwas vorspielte. H. war ein Schauspieltalent, er konnte Menschen für sich einnehmen. In Bottrop hatte H. als Kinderstar auf der Bühne gestanden. H. sei lt. Dr. Huth „narzisstisch“ gewesen, wie „viele Pädophile“. Dr. Huth hat dem einsichtslosen Peter H. drei Auflagen gemacht: Von Kindern und Jugendlichen fernhalten, kein Alkohol konsumieren und sich einen Supervisor suchen, der ihn kontrolliert. – Und was hat H. gemacht? Ein paar Jahre später, Mitte der 1980er Jahre hat er alkoholisiert mit Jugendlichen Pornos geschaut und die Minderjährigen zum Onanieren animiert… Bis 1992 (!) war Pfarrer H. bei Dr. Huth Patient. Und zwar in einer Gruppentherapie, „dort war er nicht wirklich integriert, er kam auch nicht aus innerer Einsicht, sondern weil er den Druck seiner Vorgesetzten spürte.“

Das zum Thema Einsicht und Reue, wobei wir wieder beim „verlorenen Sohn“ wären und bei der Predigt des Garchinger Pfarrers. Dieses Gleichnis vom „verlorenen Sohn“ passt schon deshalb nicht, weil im Gleichnis der „verlorene Sohn“ erst und nur dann zurückkehrt, weil er zum Bettler herabgesunken war; d.h. erst dadurch – weil er, heute würde man sagen, „pleite“ war - war er wieder auf seines Vaters Hilfe angewiesen! Deshalb sagt dieses Gleichnis über ehrliche Reue gar nichts aus. Der verlorene Sohn kommt deshalb zum Vater „zurückgekrochen“, weil er verarmt ist und es alleine nicht mehr schafft. Ich bin aber kein studierter Theologe – die Feinheiten, die in diesem Gleichnis versteckt sind, erstrecken sich mir vielleicht auch nur nicht, das mag schon sein. NUR: Ist es in solch einer Situation wirklich angemessen, so auszuweichen und im Nebel zu stochern mit irgendwelchen halbpassenden Metaphern? Hätten sich die einfachen, gemeinen Kirchgänger, von denen die wenigsten Theologie oder Bibelwissenschaften studiert haben dürften, an diesem Sonntag nicht direkte, offene, konkrete und mitfühlende Worte (z.B. auch in Richtung der Opfer oder potentiellen Garchinger Opfer) gewünscht? Stattdessen predigt man in Garching mal munter in schwammigen, möglichst unkonkreten Gleichnissen und von „verlorenen Söhnen“. Hauptsache nicht direkt ansprechen. Hauptsache nicht schonungslos alles auf den Tisch.

Hauptsache den Gläubigen mit Gleichnissen kommen, die sie hoffentlich eh nicht verstehen werden und auch nicht hinterfragen. Was dabei herauskommt, hat man vor kurzem in Bad Tölz gesehen, als während der Predigt – dort wurden ähnlich schwammige Worte gepredigt – ein Kirchgänger aufstand und rief: „Ich kann das alles nicht mehr hören. Sie können doch jetzt nicht mehr ablenken.“ Abschließend ist es mir ein großes Anliegen festzuhalten, dass es mir nicht darum geht, irgendwelche Personen (Bürgermeister, derzeitiger Garchinger Pfarrer o.ä.) zu diffamieren oder bloßstellen zu wollen. Bei aller Enttäuschung, Frustration und bei allem Ärger bin ich wirklich um sachliche, pragmatische Argumentation bemüht! Ich finde einfach, dass bestimmte - oben angeführten – Aussagen, die derzeit aus dem Gemeindegebiet Garching in die weite Welt ausgesendet werden, unerträglich sind. Was damit der Gemeinde Garching/Alz angetan wird, besonders in der Außenwahrnehmung (in Garching/Alz selbst sind sicherlich viele dankbar für diese „H.-in-Schutz-nehmenden Worte“), das erfüllt mich nicht nur mit großem Ärger, sondern eben auch mit tiefer Scham – auch wenn ich mich erneut wiederhole. Meinen Namen möchte ich nicht publik machen, da ja die öffentliche Meinung in Garching/Alz, wie man an den Aussagen vieler Bürger und besonders des Bürgermeisters und des Pfarrers sieht, fast schon den Täter H. zum Opfer („einer Medienkampagne“ - „Hexenjagd“) macht – und folglich damit die Opfer zu den Tätern, denn der Garchinger Tenor lautet ja fast schon: Was fällt dem/n Missbrauchsopfer(n) denn überhaupt ein, sich nach so vielen Jahren überhaupt noch zu melden und auf das majestätisch-strahlende H.bild einen Schatten zu werfen!

Abschließend noch ein Gedanke: Laut SZ vom 20./21.03.2010 bereitet Dr. Siegried Kneißl, der Missbrauchsbeauftragte des Erzbistums München, eine Reise nach Garching/Alz vor. Es gibt nämlich Hinweise, dass auch dort Pfarrer H. gegenüber Kindern und Jugendlichen Grenzen überschritt, die er nicht hätte überschreiten sollen. Er werde die Vorwürfen prüfen, so Kneißl. Großartig überrascht war ich nicht, als ich das lesen musste. Sie aber schon, Herr Reichenwallner, oder? Ich bin gespannt, wie Herr Reichenwallner auf Herrn Kneißl zugehen wird, und welche Aussagen der Bürgermeister dann ihm gegenüber von sich gibt. Wahrscheinlich wird das Gemeindeoberhaupt dann eine andere Wortwohl wählen. Oder ob er dann wohl wiederholt äußert, dass sich H. in den 20 Jahren in Garching nichts zu schulden hat kommen lassen und sich H. „selbst resozialisiert“ habe? Das würde mich schon sehr interessieren. Aber Herr Dr. Kneißl bekommt dann von Reichenwallner sicherlich andere Worte zu hören, als das „h.treue“ Garchinger Kirchenvolk… Und der letzte Gedanke, ganz aktuell: Heute am Mittwoch, dem 24.03.2010, konnte man diversen Medien zu entnehmen, dass es auch in Garching/Alz (mindestens) einen konkreten Verdachtsfall gegeben hat, nämlich 1998. An die Staatsanwaltschaft sei bereits alles weitergegeben worden. Ich finde es entsetzlich! Aber überrascht bin ich sicher nicht.

Was sagen Sie nun, Herr Reichenwallner? Schämen Sie sich eigentlich nicht, welche undifferenzierten Gedankenlosigkeiten Sie wiederholt publik gemacht haben? Wer weiß, was noch alles im Vorborgenen schlummert und vielleicht noch auftaucht – oder vielleicht auch nicht auftaucht. Aber unabhängig davon, ob sich jetzt in der „Garchinger Zeit“ von H. wirklich Missbrauchsvorwürfe erhärten oder nicht, ist es eine Schande, wie Sie sich, Herr Bürgermeister, im Namen ihrer Gemeinde geäußert haben. Diese E-Mail wird nicht nur an die Gemeinde Garching verschickt, sondern an weitere betroffene/beteiligte Behörden (z.B. Bad Tölz, Landratsamt Altötting, Gemeinde Engelsberg), an die Bistümer München und Passau, an Organisationen bei Kindermissbrauchsdelikten, an die regionale und überregionale Presse. An alle, an die Medien, an die Journalisten, an den Missbrauchsbeauftragten Herrn Dr. Kneißl und an alle anderen appelliere ich: Recherchieren Sie bitte in alle Richtungen! Hoffen wir, dass die (lange unterdrückten) Wahrheiten ans Licht kommen – egal wie sie aussehen mögen und egal ob sie für irgendwen bequem oder unbequem sind! Mir geht es um keine Skandale, beileibe nicht! Und ich hoffe für meine Gemeinde Garching und für alle Kinder, die darin leben und lebten, dass es keine solchen widerlichen Übergriffe gegeben hat. Nur sicher ausschließen kann man dies – nach derzeitigem Kenntnisstand – ganz gewiss nicht! Und nach derzeitigen, heutigen (24.03.2010) Kenntnisstand erst recht nicht mehr! Mir geht es nur darum, dass man sich mit dieser Thematik objektiv, kritisch, und ehrlich – und nicht verharmlosend oder verdrängend („ist ja lange her“ – „hat sich doch bestens resozialisiert“) – auseinandersetzt.

Um nicht mehr, aber auch um nicht weniger geht es mir. Und noch einmal: Bitte haben Sie Verständnis für meine Anonymität! Aber ich habe keine Lust, mich für meine deutliche Meinung von vielen Garchingern – einschließlich Bürgermeister, Pfarrer, viele „h.treue“ Kirchgänger etc. – schief ansehen oder von manchen gar beschimpfen zu lassen. Ich weiß, dass ich mit meiner Meinung in Garching fast schon so etwas wie ein „Nestbeschmutzer“ bin, das ist ja das Schlimme und Traurige… In einem Leserbrief im Alt-Neuöttinger Anzeiger lobt ein Garchinger Ehepaar den Pfarrer H. in den Himmel und schreibt, dass er jederzeit wieder in Garching herzlich willkommen sei. Nach dem gestrigen Gottesdienst in Garching senden viele Menschen ähnlich deutliche Signale aus. Es ist alles unglaublich, wie undifferenziert sich so viele Garchinger äußern. Ich kann nur noch einmal sagen, dass ich mich zutiefst für meine Gemeinde Garching schäme, allen voran für „meinen“ Bürgermeister.

gezeichnet, ein erschütterter und trauriger, aber differenziert und kritisch denkender Garchinger Gemeindebürger"

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