Nach Merkels Rolle rückwärts zur Osterruhe

Neuöttinger Einzelhändlerin zum Corona-Chaos: „So geht es nicht mehr lange weiter“

WINN-Vorsitzende und Einzelhändlerin Verena Mayer zur Corona-Lage nach Rücknahme der Osterruhe
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Verena Mayer gehört ein Hut-Geschäft am Neuöttinger Stadtplatz. Als Vorsitzende der Wirtschafts-Interessens-Gemeinschaft Neuötting (WINN) äußert sie sich zur Corona-Lage nach Rücknahme der Osterruhe.

Kanzlerin Merkel vollführte mit der überraschenden Rücknahme der einmaligen „Osterruhe“ eine 180-Grad-Wende und sorgte so für ordentlich Verwirrung. Nach diesem politischen Osterei scheint es erst recht, als würde sich die Politik mit einer naiven Hoffnung, die Zahlen mögen doch bitte irgendwie sinken, von Woche zu Woche hangeln - ohne, dass wirklich ein Plan dahinter steht. Diesen Eindruck hat auch Verena Mayer, WINN-Vorsitzende und Einzelhändlerin am Neuöttinger Stadtplatz.

Neuötting - Mayer sieht sich mit einem „Dejá-Vu“ konfrontiert: „Wir sind praktisch im zweiten Jahr und es ist kaum mehr zu ertragen. Man weiß auch gar nicht, woran man sich noch hochziehen soll, wenn nichts vorwärts geht“, betont Mayer, die als zweifache Mama auch mit der Home-Schooling-Herausforderung konfrontiert ist. „Es ist alles wahnsinnig anstrengend.“

Im Handel sei eine „allgemeine Frustration“ zu spüren, auch wenn der Tatendrang bei manchen noch unverändert sei. „Mütend“, beschreibt sie in ihrer Funktion als Vorstand der Wirtschafts-Interessens-Gemeinschaft Neuötting (WINN) die aktuelle Situation mit dieser Wortneuschöpfung, die seit Kurzem gerne im Social-Media-Raum im Zusammenhang mit der Pandemie verwendet wird. „Die Perspektivlosigkeit branchenübergreifend in allen Bereichen erschlägt einen und macht einfach nur sprachlos.“

Ab 12. April wieder „Call & Meet“?

In den Beschlüssen der Konferenz vom Montag steht, dass der Handel nach den Osterferien ab 12. April bei einer Inzidenz zwischen 100 und 200 auf jeden Fall „click & meet“ anbieten und bei einer Inzidenz unter 100 „normal“ mit den gegebenen Hygiene- und Abstandsregeln aufsperren darf.

Eine Verbesserung in den Augen Mayers, mit der man arbeiten könne. Doch ihr Problem sei, dass sie nicht wisse, wie verlässlich diese Aussage im Papier wirklich sei. Schließlich habe man gesehen, dass binnen 24 Stunden sowas auch wieder komplett revidiert werden kann.

„Call & Collect“ wirtschaftlich gesehen weniger als ein Tropfen auf dem heißen Stein

„Drum bin ich bisserl in Habacht. Das wäre ein Strohhalm, an den wir uns klammern könnten. Ich habe schon große Hoffnung, dass die Zahlen unter 200 und wir so zumindest im Status Quo bleiben können, was de facto ja einer Öffnung mit Kontaktverfolgung entspricht. Das wäre eine Perspektive für uns, raus aus dem ‚Call & Collect‘ zu kommen.“ Denn das sei wirtschaftlich gesehen „weniger als ein Tropfen auf dem heißen Stein“.

„Die Händler würden, denke ich, alles tun, damit eine Normalität zurückkehrt, aber Kunden zwischen Getesteten und Nicht-Getesteten zu unterscheiden, ich weiß ja nicht. Das muss schon noch alles realistisch sein“, betont Mayer mit Blick auf zusätzlichen Aufwand für die Händler. „Ich möchte auch in Zukunft meine Waren an zum Beispiel Nicht-Geimpfte verkaufen dürfen, ich will in keinster Weise eine Spaltung der Gesellschaft.“

Auch für die Mitarbeiter stelle die Lage eine Belastung dar, wenn sie von einer Woche auf die andere von der Kurzarbeit zurück in den Betrieb geholt werden - und niemand weiß wie lange, hinsichtlich der Inzidenz-Werte. „Das sind ja auch Menschen und die hängen genauso dran wie der Unternehmer, der vorn steht. Was macht denn diese Unsicherheit mit denen?“ fragt sich Mayer.

Nach Rücknahme der Osterruhe: Mayer zu Merkels Rolle rückwärts

„Natürlich zollt man jemanden, der einen Fehler eingesteht und um Verzeihung bittet Respekt“, unterstreicht Mayer, die für die CSU im Stadtrat Neuötting sitzt. „Auf der anderen Seite aber ist Angela Merkel der größte Fels in der Brandung und wenn sich der plötzlich um 180 Grad dreht, dann ist das schwer, nach außen hin Mut zu machen. Dass wir dann immer wie die Schafe hinterherrennen und uns geschäftlich wie privat an alle Regeln halten ist viel verlangt. Ich möchte nicht wissen, wie viele Juristen im Kanzleramt beschäftigt sind. Man hat doch Experten an der Hand, das muss man doch vorab eine solche Entscheidung prüfen lassen, bevor man neue Beschlüsse auf den Weg bringt.“

Nachdem das Virus uns nun schon ein Jahr im Griff hat, verkündete die Kanzlerin mit Blick auf die Mutanten in einer weiteren Regierungserklärung, man habe es mit einer „völlig neuen Pandemie“ zu tun. Eine desaströse Aussage in den Augen Mayers: „Mir fehlen langsam die Worte. Das Leben muss ja irgendwie weiter gehen - auf allen Ebenen. Gefahr gehört eben auch zum Leben dazu. Ich versuche optimistisch zu bleiben, aber es fällt mir zunehmend schwerer.“

Wichtig wären konkrete Öffnungsschritte, die Bestand haben

Eine Öffnungsperspektive wie es das Saarland ab dem 6. April verfolgt, sieht Mayer indes mit Skepsis. „Nachdem wir gesehen haben, wie schnell sich politische Meinungen ändern können, bin ich bei solchen Aussagen, alles unverzüglich öffnen zu wollen, vorsichtig. Natürlich streben wir in allen Punkten eine Öffnung an - auch in der Fitness- und Kultur-Branche“, unterstreicht Mayer, der es wichtig wäre, dass jetzt einmal konkrete Schritte festgelegt und diese nicht immer umgeworfen werden.

„Freilich gibt es aktuell die Mutante aus England, doch wer weiß, ob es nach Ostern nicht eine andere Mutante gibt, die wieder alles auf den Kopf stellt. Es ist einfach schwierig. Ich weiß da auch nicht den richtigen Weg“, räumt ein, der das Hut-Geschäft am Stadtplatz Neuötting gehört. Für sie als Händlerin ist klar, dass der komplette Lockdown auf Dauer nicht die Lösung sein könne.

„So geht es schlichtweg nicht mehr lange weiter“

„Wir Händler im Speziellen und auch die Gastronomie und Hotellerie fühlen uns als Sündenböcke. Dass die Ansteckungsgefahr in diesen Branchen minimal ist, da sind wir uns doch alle einig. Die Politik denkt hier nicht zu Ende“, mahnt Mayer.

„Die Leute sind pandemiemüde und halten sich nicht mehr an alle Maßnahmen, weil keiner mehr kann. So entstehen vermehrt private Treffen, deren Kontakte mitunter die Zahlen steigen lassen. Dabei hätte man doch ausreichend Hygiene-Konzepte im öffentlichen Bereich. So geht es schlichtweg nicht mehr lange weiter.“

mb

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