Grünen-Kreisverband diskutiert mit Bürgern

PFOA noch über Jahrzehnte eine Gefahr im Landkreis Altötting?

+
Gerhard Merches, der Kreisvorsitzende des Bund Naturschutz e.V. und die Sprecherin des Kreisverbandes der Grünen, Monika Pfriender, bemängeln eine schlechte Informationspolitik der Behörden

Neuötting - Am Mittwochabend hatte der Kreisverband der Grünen zu einem Vortragsabend über PFOA ins El Loquito nach Neuötting eingeladen. Rund 40 Interessierte waren gekommen, um sich von Gerhard Merches, dem Vorsitzenden der Kreisgruppe des BUND Naturschutz e.V., auf den aktuellen Stand bringen zu lassen. Unter den Gästen waren neben zahlreichen Mitgliedern und Mandatsträgern der Kreis-Grünen aber auch Mandatsträger anderer politischer Parteien sowie interessierte Bürger.

Kritik an Informationspolitik des Landratsamtes

Zur Begrüßung hieß die grüne Landratskandidatin Monika Pfriender die Gäste herzlich willkommen und rekapitulierte nochmals die Situation. „Es gibt immer noch keinen runden Tisch“, erklärte die Kreisrätin den Anwesenden, „obwohl wir das schon lange fordern!“. Überhaupt sei die Informationspolitik und das Qualitätsmanagement des Landratsamtes in Sachen PFOA, „wie seinerzeit bei Technosan auch“, skandalös. 


Unverständnis bei Gerhard Merches

Wie der Referent Gerhard Merches anschließend klarstellte, ist im vergangenen Jahr 2019, bis auf den Bau der Filteranlage in Kastl, wenig passiert. Das Ganze sei unverständlich, weil die EFSA, die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit, Ende 2018 die tolerierbaren Werte für die wöchentliche Aufnahme (TWI) von PFOA und PFOS drastisch gesenkt hatte. „Das ist genau einen Tag nach der Veröffentlichung des Bodengutachtens der Dyneon passiert“, so Gerhard Merches, „öffentlich informiert wurde hierüber, soweit ich weiß, niemand!“.

Rund 40 Interessierte waren am Mittwochabend im El Loquito in Neuötting dabei, um sich über den aktuellen Stand in Sachen PFOA zu informieren.

Stillstand beim Thema PFOA?

Sogar ob die Senkung der Toleranzwerte durch die EFSA von den bayerischen Behörden überhaupt wahrgenommen wurde, ist unklar. Durch Recherchen ergibt sich folgendes Bild: Das staatliche Gesundheitsamt in Altötting verweist auf entsprechende Nachfragen zunächst an die Pressestelle des Altöttinger Landratsamtes und dann ans Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit. Letzteres wiederum verweist auf seine eigene Ministeriums-Homepage, wo zwar sämtliche Informationen und Messergebnisse, bis hin zur Veröffentlichung des Bodengutachtens der Dyneon, dokumentiert sind. In der Zeit nach der Senkung der TWI durch das EFSA, also seit über einem Jahr, hat sich aber in dem Online-Dossier wenig getan. 

PFOA gefährdet den Cholesterinspiegel

Gerhard Merches verwies in seinem Vortrag auch auf Studien des Bundesamts für Risikobewertung (BfR) die auch die Wirkungsweise des PFOA im Körper erklären. Den Forschungen zufolge ist ein direkter Zusammenhang zwischen dem in Körpergewebe angereicherten PFOA und der Höhe des Cholesterinspiegels zu erkennen. Mit allen langfristigen Folgeerscheinungen eines hohen Cholesterin-Werts, von Gefäßverkalkung über Herz-Kreislauf-Erkrankungen bis hin zu Schlaganfall und Infarkt. 

Grenzwerte werden noch jahrzehntelang überschritten

Problem des PFOA im Körper ist auch, dass es sich nur sehr langsam abbaut. Die Studien nennen eine Halbwertszeit von knapp vier Jahren, sofern kein weiteres PFOA aufgenommen wird, was im Landkreis Altötting aber praktisch unmöglich ist: Prognosen des Bodengutachtens der Dyneon von Ende 2018 legen nahe, dass die Belastung der obersten Bodenschichten und des Trinkwassers voraussichtlich noch in mehr als 50 Jahren über dem derzeit zulässigen Wert liegen wird.

Kinder und Jugendliche besonders gefährdet

Besonders betroffen sind der Studie des BfR zufolge Kinder und Jugendliche, in deren Blut und Körpergewebe sich das PFOA überproportional anreichert. „Die in der Studie des BfR als bedenklich gekennzeichneten Meßwerte liegen allesamt noch unter dem Durchschnitt der Blutproben aus dem Landkreis“, erklärt Merches. 

Erhöhte Werte bei über 1.000 Menschen

Anfang 2018 hatte die Staatsregierung für Betroffene kostenlose Blutproben angeboten, an denen sich mehr als 1.000 Landkreisbürger beteiligten. Sowohl der HBM-I-Wert, als auch der noch maßgeblichere HBM-II-Wert, lagen im Schnitt über den damals zulässigen, höheren Toleranzwerten. „Dass wir also langfristig sehr sorgsam mit unserem Trinkwasser umgehen müssen, scheint unausweichlich“, erklärte der Kreisrat Gunter Strebel (Grüne) aus Burghausen.

pbj

Kommentare