Kult-Musiker beim Kulturherbst am Start

Hans Söllner spielte zum Abschluss der Open-Air-Saison in Neuötting auf

Neuötting - Am Sonntagnachmittag gab Hans Söllner vor rund 150 zahlenden Fans in Neuötting sein erst zweites Konzert in diesem Jahr. Weitere Anhänger sparten sich den Eintritt und lauschten dem rebellischen Barden in der Kiesgrube trotzdem.

So schlimm sei es noch nie gewesen, gestand der 64-Jährige Kult-Musiker, bevor er für geschlagene zwei Stunden vor seine Fans trat. "Nur die Straßen sind breiter geworden, sonst hat sich doch in den letzten Jahrzehnten nix verändert!", kritisierte er bereits vor seinem Auftritt im Gespräch mit innsalzach24.de. 


Großen Anstoß nahm der sozialkritische Pidinger während seines Konzerts dann mehrfach an Corona und der Wichtigkeit, welche die Politik und die Medien dem Thema einräumten. So würden einige Maßnahmen dazu beitragen, uns zu entmenschlichen: "Unter den Masken sieht man doch kein Lachen mehr", so Söllner, "da hat doch jeder Wurm mehr Gesicht!". 

Dass der selbsterklärte Impfgegner das Virus keineswegs auf die leichte Schulter nimmt, machte er aber ebenso klar, indem er sein Publikum mehrfach dazu aufrief, vorsichtig zu sein. Ob es der späte Termin im Oktober oder möglicherweise sogar Angst vor Corona war, warum das Neuöttinger Publikum trotz Kaiserwetter den Kulturherbst nur vorsichtig wahrnahm, konnte sich wiederum Stefan Panhauser nicht erklären. 


Mehr als 150 Fans bei Hans Söllner in der Neuöttinger Kiesgrube

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Der Organisator der Abschlussveranstaltung des Festivals erklärte, dass auch die beiden vorausgegangenen Veranstaltungstage, für die er aber nicht federführend war, mit Publikumsmagneten wie Martina Schwarzmann, Stepan Zinner, "da Addnfahrer" oder "Auf a Wort", aus seiner Sicht noch Ausbaupotential gehabt hätten.

Für eine Auftaktveranstaltung immerhin nicht schlecht. Das fand auch Hans Söllner, für den es zweifellos viele deutlich traurigere Dinge, als Corona, gibt. Das verdeutlichte der bayerische Liedermacher seinen Zuhörern mit einem ausgefeilten Programm. Schließlich war am Sonntag auch Welttierschutztag, an dem man sich durchaus fragen dürfe, "ob a jeder inzwischen zweimal in der Woch' a halb's Hendl fressen muss". 

Schließlich seien wir Menschen die einzige Spezies, die frei entscheiden könne, auch, wovon sie sich ernähren will. Ginge es nach dem seit 20 Jahren vegetarisch lebenden Rastafari, sollten wir uns diese Einzigartigkeit auf jeden Fall bewahren. Als kleine Übung schlug er, wie seit rund fünf Jahren auf diversen Konzerten vor, seine geneigten Zuhörer sollten lieber ein Jahr lang auf halbe Hend'l verzichten! Manche überraschte Söllner dabei vielleicht mit dem wenig fundamentalistischen Zugeständnis, dass "a Hendl-Brod'n mit da Familie", dessen Zutat man beim Landwirt des Vertrauens ehrlich erworben habe, sogar noch verzeihlich sei. Aber die "mit Antibiotika vollgepumpten" Hendl aus der Massentierhaltung seien strikt zu meiden. Das wünschte sich der gelernte Koch aber nicht nur aus kulinarischen Gründen und zugunsten des Tierschutzes, sondern das könne darüber hinaus sogar den positiven Nebeneffekt haben, dass man weniger anfällig für Corona sei, wie der Musiker unkte.

Hans Söllner ging angesichts solcher Probleme beim Tierschutz oder der Folgen der Coronakrise auch wie üblich hart mit der Politik und ihren aktuellen Protagonisten ins Gericht. So stellte er sich die Frage, wodurch sich Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner qualifiziere, "die sich jetzt freut, dass ab 2022 keine Küken mehr geschreddert werden". Nicht in zwei Jahren, nein, spätestens heute am Welttierschutztag müsse sowas aufhören, forderte Söllner. 

Ebenso hart traf die Kritik aber auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, der in der Corona-Krise wenig geglänzt habe oder aber Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer, "der sich zwar sehr bemüht, aber jeder weiß doch, was das heißt". Generell zweifle er, ob sich die Politik wirklich so um die Menschen sorgt, wie sie es besonders jetzt in der Krise vorgibt: "Ich habe noch keinen Politiker erlebt, der auch nur einen Monat auf seine 10.000 oder 15.000 Euro verzichtet hätte", kritisierte Söllner neben Bundesministern auch die einfache Abgeordneten mit ihren fünfstelligen Diäten. Denn ein Land, in dem legal "Zünder für Landminen" hergestellt würden, welche "sechs Wochen später einem Kind in Angola die Hax'n weg reißen", könne er keinem Politiker, der solche Exporte dulde, seine scheinheilige Menschenliebe glauben.

Der freiheitsliebende Söllner nahm sich ein ums andere Mal auch die Corona-Maskenpflicht vor: "Die Mehrheit der Deutschen ist ja für die Maskenpflicht, aber mich haben sie scheinbar nicht gefragt!", grantelte er, "ich gehöre offensichtlich zur anderen Hälfte". Jemandem verbieten, die Maske zu tragen, das läge ihm fern und er selbst würde zur Not ja auch eine anziehen, wenn er in der Bäckerei einkaufe. Aber dass diese Pflicht auch viele unschöne Begleiterscheinungen habe, welche die Maßnahme an sich ad absurdum führten, davon zeigte sich der Liedermacher überzeugt. 

Damit, wenn bevorzugt Polizei und Behörden jedoch Abstand von seiner Person hielten, um sich bei ihm, der "schon seit Jahrzehnten positiv" sei, nicht anzustecken. Söllner machte deswegen auf aus seiner Sicht drängendere Probleme aufmerksam, die von Corona überlagert würden. 

So gäbe es afrikanischstämmige Mädchen, deren Genitalien hierzulande in Privatwohnungen verstümmelt würden. Man müsse also, nicht nur wie er selbst, zusammen mit einer Salzburger Organisation, vor Ort in Afrika etwas gegen diesen Brauch tun, "für den mir die Worte fehlen". Zu Bildung und Aufklärung, die auch im Sudan eine Lösung sein könnten, "dass sich die Mädchen dagegen auflehnen können", trug er anschließend mit seinem Lied "für ein afrikanisches Mädchen" bei, in denen er die Hintergründe dieser martialischen Praxis erklärte.

Nach rund zwei Stunden war dann für dieses Jahr in Neuötting das Wichtigste gesagt. Söllner beendete den Reigen seiner Zugaben mit der beliebten Hymne "Hey Staat", welche seine Zuhörer in der Kiesgrube nochmals zu stehenden Ovationen und zum Mitklatschen und -singen animierte. 

Zur Freude der Fans, die auch aus den benachbarten Landkreisen zusammen gekommen waren, stellte Hans Söllner in Aussicht, dass er gerne im kommenden Jahr wiederkommen würde, nicht zuletzt, um sich nach den Erfahrungen der Neuöttinger beim Hendl-Verzicht zu erkundigen.

Peter Becker

Rubriklistenbild: © pbj

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