Prozess am Amtsgericht Altötting

Zwei Jahre und drei Monate Haft für Sex-Täter

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Altötting - Hat er eine Vierjährige missbraucht oder nicht? Diese Frage wurde am Mittag am Amtsgericht Altötting entschieden. Der Richter hat nun ein Urteil gesprochen:

UPDATE, Mittwoch, 13.25 Uhr

Soeben hat Richter Dieter Wüst das Urteil verkündet. Das Gericht verurteilte den Angeklagten zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und drei Monaten. Sollte das urteil Rechtskraft erlangen, muss der 39-Jährige also ins Gefängnis. Die prozessbeteiligten haben die rechtsmittel der berufung und der revision.

Zu beginn des dritten Verhandlungstages hatte der 44-jährige Bruder des Angeklagten ausgesagt. Dieser wiederholte seine bei der Polizei gegen den Vater des Mädchens erhobenen Vorwürfe. Er habe den Vater gefragt, warum er seinen Bruder angezeigt habe. "Seine Erwiderung war, dass er meinen Bruder nicht mag", so der Zeuge. Vor dem Vorfall sei er mit dem Vater befreundet gewesen, habe mit ihm sogar über seinen Bruder Scherze gemacht. Seit dem Vorfall sei die Situation in dem Haus - der Bruder des Angeklagten wohnt ebenfalls dort - sehr angespannt. Den Vorwurf, sein Bruder habe das Mädchen missbraucht, nannte der Zeuge "völlige Idiotie".

Anschließend hatte eine DNA-Gutachterin des Instituts für Rechtsmedizin in München das Wort. An alle 16 Spuren an der Kleidung des Mädchens konnte demnach keine DNA des Angeklagten gefunden werden. Die gefundene männliche DNA stammte ausschließlich vom Vater, und eventuell zum Teil vom wenige Jahre alten Bruder des Mädchens. "Der große unbekannte Z ist aufgrund des Gutachtens auszuschließen", resümierte Richter Wüst. In der Tat brachte das Gutachten keine zusätzliche Belastung des Angeklagten - Spuren von ihm gab es ja nicht - aber es gab eben auch keine Entlastung durch Spuren eines Unbekannten.

In seinem Plädoyer machte der Staatsanwalt deutlich, dass er die Indizien, die gegen den Angeklagten sprechen, für ausreichend hält. "Wir haben keine Alternativ-Konstellation, wie das passiert sein kann", so der Staatsanwalt. Ein Arzt habe am Tag nach der Tat Hämatome festgestellt und man habe die Aussagen der Mutter und des Kindes vor Gericht. Zudem sei die Aussage des Kindes mit seiner Aussage bei der Kripo kongruent. "Keiner weiß, was da im Kopf des Angeklagten vorgegangen ist", sagte der Staatsanwalt mit Blick auf den kurzen Übergriff, der augenscheinlich keinerlei Vorgeschichte gehabt habe. Der Staatsanwalt beantragte eine Haftstrafe in Höhe von drei Jahren. Der Anwalt der Nebenklage schloss sich dem Staatsanwalt an und hob zusätzlich hervor, dass der Angeklagte "null Einsicht" gezeigt habe.

Für die Verteidigung stellte sich der Fall völlig gegensätzlich dar. Pflichtverteidiger Bernd Würnstl nannte das DNA-Gutachten eine "interessante Neuerung". Immerhin sei an mehreren stellen die DNA des Vaters, nicht aber die des Angeklagten nachgewiesen worden - und das, obwohl dieser sich minutenlang an dem Mädchen vergangen haben soll. "Wieso kann dann nicht die DNA des Angeklagten gefunden werden?", fragte der Verteidiger.

Den Wahrheitsgehalt der Aussagen der Belastungszeugen zog Würnstl in Zweifel, kritisierte etwa den "Belastungseifer" der Eltern. Zudem gebe es "Divergenzen" in der Aussage der Tochter. In der Tat hatte diese vor Gericht teilweise ein anderes Vokabular gebraucht als bei der Polizei. Der Verteidiger bezweifelte außerdem, wie verwertbar die Aussagen einer Vierjährigen sind. Mit den Fragen gebe man oft schon die Antworten vor. "Eine Wahrheitserforschung, eine seriöse, ist hier fast nicht möglich", so der Verteidiger. Für seinen Mandanten beantragte Würnstl daher einen Freispruch.

In der Erläuterung des Urteils machte Richter Wüst keinen Hehl daraus, wessen Einschätzung das Gericht gefolgt war: "wir schließen uns voll und ganz den erarbeiteten Indizienpunkten des Staatsanwalts an", sagte Wüst, der auch die genaue Arbeit des Gerichts im Prozess hervorhob. "Wir haben uns wirklich Mühe gemacht, diesen Sachverhalt zu klären. wir sind allen Verdachtsmomenten nachgegangen."

Die Argumentation des Verteidigers kritisierte Wüst scharf. "Wenn sie hier diese Vernehmung kritisieren, dann sind sie noch zu wenig lange im Geschäft", sagte der Richter. "Diesen Vorwurf weisen wir von uns." Auch dass der Verteidiger argumentierte, die Vernehmung des Mädchens sei abgebrochen worden, stieß Wüst sauer auf. "Das, Herr Verteidiger, muss ich aufs Schärfste zurückweisen und ich hoffe, sie nehmen das zur Kenntnis."

Das inzwischen fünfjährige Mädchen war am ersten Verhandlungstag nicht-öffentlich befragt worden. Mit einem Geständnis hätte der Angeklagte dem Mädchen diese belastende Situation ersparen können. Nicht zuletzt deshalb wirkt sich ein Geständnis häufig erheblich strafmildernd aus. Wüst sagte am Ende seiner Ausführungen zum Angeklagten, dass ein Geständnis vielleicht die Frage der Bewährung hätte "diskussionswürdig" erscheinen lassen. Mehrfach habe er dem Angeklagten diesen Ball zugespielt, so der Richter. Tatsächlich hatte der Richter den Angeklagten sogar unmittelbar vor den Plädoyers gefragt, ob er sich jetzt nicht doch äußern wolle. Der Angeklagte aber hatte beharrlich geschwiegen und muss, falls das Urteil rechtskräftig wird, ins Gefängnis.

Der Vorbericht:

Der 39-jährige Angeklagte aus dem Landkreis Altötting wüsste selbst am besten, was am Abend des 12. Juni 2013 wirklich vorgefallen ist - ob er also tatsächlich ein damals erst vierjähriges Mädchen missbrauchte oder nicht. An den ersten beiden Verhandlungstagen schwieg der Angeklagte aber beharrlich, weshalb das Schöffengericht am Altöttinger Amtsgericht versuchte, die Geschehnisse jenes Abends einzig im Laufe der Beweisaufnahme zu rekonstruieren. Der Prozess wird am Mittwoch, 17. Dezember, fortgesetzt.

Mädchen benannte Angeklagten als Täter 

Dass das Mädchen sexuell missbraucht wurde, steht außer Frage, schließlich führen gleich zwei ärztliche Gutachten die Verletzungen im Genitalbereich des Mädchens auf "massive Gewalteinwirkung" zurück. In der Frage, wer die Tat begangen hat, belastete am zweiten Verhandlungstag am 1. Dezember die Mutter den Mädchens den Angeklagten schwer. Der Angeklagte, ein Nachbar der Familie, habe die Schaukel im Garten, auf der das Mädchen gemeinsam mit ihrem Bruder gespielt hatte, reparieren wollen. Als der 39-Jährige sein Werkzeug in die Garage zurückbrachte, sei ihm ihre Tochter gefolgt, erzählte die Mutter im Zeugenstand. Als die Tochter wieder zurückgekehrt war, will die Mutter eine deutliche Veränderung in der Stimmung des Mädchens bemerkt haben.

Als ihr mehrere Stunden später vor dem Schlafengehen die Verletzungen im Intimbereich aufgefallen waren, habe ihre Tochter auf mehrfaches Nachhaken der Mutter den Nachbarn als Täter benannt. Das Gericht versuchte auszuschließen, dass die Eltern das Kind in ihrer Aussage beeinflusst haben. Auf Nachfrage erklärte die Mutter im Zeugenstand, sie habe das Mädchen sogar gefragt, ob tatsächlich der Nachbar das getan habe.

Wollte der Vater dem Angeklagten schaden?

Vor Gericht wurde auch das angespannte Verhältnis zwischen den Familien des Mädchens und des Angeklagten deutlich. So ließ die Schwägerin des 39-Jährigen kein gutes Haar an den Eltern des Mädchens, berichtete von häuslicher Gewalt. Die Eltern wiederum schilderten, wie sie vom Umfeld des Nachbarn drangsaliert worden seien. Einmal etwa sei vom Balkon des Nachbarn während einer Party Ketchup in ihre Satellitenschüssel geschüttet worden.

Besonders schwer wiegt allerdings eine Aussage, die der Bruder des Angeklagten bei der Polizei gemacht hat. So gab der Mann zu Protokoll, der Vater des Mädchens habe gesagt, er habe den 39-Jährigen angezeigt, weil er ihn nicht möge. Ein Vorwurf, den der Vater vor Gericht entschieden zurückwies. Auf Antrag der Verteidigung soll am dritten Verhandlungstag der Bruder selbst als Zeuge gehört werden.

Welches Resultat bringt der DNA-Test?

Erkenntnisse erhofft sich das Gericht außerdem von einem DNA-Test. An der Kleidung des Mädchens waren Spuren gefunden worden, die nicht dem Angeklagten zugeordnet werden konnten. Am zweiten Verhandlungstag hatte der Vater des Mädchens kurzfristig bei der Polizei eine DNA-Probe abgegeben, die nun am Institut für Rechtsmedizin untersucht wurde. Wäre die Probe ein Treffer, könnte mit großer Sicherheit ausgeschlossen werden, dass eine unbekannte dritte Person Kontakt zur Kleidung des Mädchens hatte.

Die Verhandlung wird am Mittwoch, 17. Dezember, fortgesetzt. Innsalzach24 ist vor Ort und berichtet aktuell vom Prozess.

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa (Symbolbild)

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