PFOA im Trinkwasser für Kastl und Tüßling

Jetzt kein Monitoring: "Sie sind alle belastet"

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PFOA im Trinkwasser für Kastl und Tüßling: Ein Monitoring jetzt bringt offenbar nix. 
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Kastl/Tüßling – „Schließen Sie die Quelle.“ Das war wohl die meistgehörte Antwort der PFOA-Experten auf die Fragen besorgter Bürgerinnen und Bürgern am Donnerstagabend im Saal des Spirklwirt. Hier ist Teil Zwei des Berichts von der Versammlung:

Gebetsmühlenartig trugen die beiden Experten immer wieder vor, wie man der PFOA-Problematik in der Region begegnen müsse: „Schließen Sie die Quelle“. Von einem breit angelegten Monitoring der betroffenen Bevölkerung sei zum jetzigen Zeitpunkt keine wertvolle Mehrinformation zu erwarten. „Sie sind alle belastet“, erklärte Professor Hermann Fromme von der Landesanstalt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL). „Sie erfahren bei so einer Blutuntersuchung nichts Neues.“

Dr. Franz Schuhbeck vom Staatlichen Gesundheitsamt Altötting führte weiter aus, dass nicht seine Behörde über ein solches Monitoring zu entscheiden habe. Er freue sich zwar, wenn Freiwillige zu ihm zum Blutabnehmen kämen, aber das sei im Moment sinnlos.

Zumindest der Teil der Erklärung mit der Halbwertszeit von PFOA im menschlichen Körper von drei bis vier Jahren klingt nachvollziehbar. Erst nach Ablauf dieser Halbwertszeit könne man Aussagen über einen Abbau und damit der Wirksamkeit der Maßnahmen (z.B. Aktivkohlefilter) machen. Allerdings – und das kritisierte eine Bürgerin – nur bei den bisher anonymisierten Blutproben aus Emmerting. Sie findet, jeder sollte das Recht haben, den Rückgang der Blutwerte in punkto PFOA bei sich schwarz auf weiß nachvollziehen zu können.

Fälle von Hoden- und Nierenkrebs als Referenz

Professor Hermann Fromme vom Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit auf der Bürgerversammlung in Kastl

PFOA gilt laut Weltgesundheitsorganisation „WHO“ als möglicherweise krebserregend. Professor Fromme dazu: „Man weiß es nicht genau“. Zahlen in punkto Hoden- und Nierenkrebsfälle in der Region würden zeigen, dass die -raten aufgrund von PFOA nicht gestiegen sind. Die Erklärung: Man hat offenbar die statistisch zu erwartenden Fälle (ohne PFOA-Hintergrund) mit den tatsächlich gemeldeten Fällen verglichen.

  • In Emmerting wären laut Statistik 2,4 Fälle von Hodenkrebs zu erwarten gewesen. „Gemeldet wurde aber nur einer.“
  • In Burgkirchen wären sechs zu erwarten gewesen. „Gemeldet wurden aber nur drei.“
  • In Tüßling wären statistisch 1,8 zu erwarten gewesen. „Gemeldet wurde aber keiner.“

Soweit, so gut aber in Kastl wären 1,6 Fälle von Hodenkrebs zu erwarten gewesen und „gemeldet wurden drei“. Woher dieses Mehr an Hodenkrebs in Kastl kommt: Die Experten haben darauf keine Antwort, jedenfalls keine, die besorgte Bürger zufrieden stellt, wie es sich auf der Bürgersammlung gezeigt hat. Es liege vielleicht am PFOA aber genau wisse man das nicht und außerdem werde ja Tüßling mit demselben Trinkwasser wie in Kastl versorgt und „da wurde kein Fall von Hodenkrebs gemeldet.“

Beim Nierenkrebs gibt es bei der männlichen Bevölkerung von Tüßling einen Ausreißer. Hier wären vier Fälle zu erwarten gewesen. „Tatsächlich waren es fünf.“ Am Ende dieses Aspekts spricht Professor Fromme wieder darüber, dass die Quelle für den Eintrag von PFOA in den menschlichen Körper geschlossen werden müsse. Also: Aktivkohlefiltration oder abgepacktes Wasser.

„Warum dauert das so lange?“

Das Kastler Trinkwasser hat einen PFOA-Gehalt von 0,13 µg/l un liegt damit über dem Leitwert. Das könne man wohl bedenkenlos trinken aber Fromme und Schuhbeck mahnten an, das nicht zu lange zu tun. „Schließen Sie diese Quelle“ als Eintrag für PFOA in den Menschen. Da gibt es in Kastl aber ein Problem: Das geht nur mit der Aktivkohlefilteranlage. Bis die steht, gehen noch einige Monate ins Land. Das sei aber völlig normal, denn so ein Ding ist nicht einfach mal eben so aufgebaut. Selbst aus den Reihen der Bürger kam Verständnis dafür. So berichtete beispielsweise ein Anlagenbauer quasi aus erster Hand.

Bürgerversammlung: Kein Weg vorbei am Aktivkohlefilter

Wo möglich, empfehlen die Experten auch auf abgepacktes Wasser zurückzugreifen. Das wird in Kastl auch schon gemacht. Eine Leiterin einer Kinderbetreuungseinrichtung sprach davon und brachte auch hervor, dass sich Eltern und Personal erst einmal allein gelassen gefühlt hätten weil so gar keine Information kam, als das Thema in dieser Dramatik vor rund zwei Wochen hochkochte. Dass die Information hätte besser laufen können, räumte Dr. Franz Schuhbeck, der Leiter des Staatlichen Gesundheitsamtes daraufhin ein. Professor Hermann Fromme vom LGL führte aus, dass sich das PFOA sehr schnell im Körper von Kindern ansammle. Beispielsweise den Tee mit abgepacktem Wasser aufzubrühen, sei genau richtig. Duschen und Baden sei kein Problem, nicht für Kinder und auch nicht für Erwachsene. „Das Wasser wird dabei nicht geschluckt.“

„Wer zahlt dafür?“

Kastls Bürgermeister Gottfried Mitterer auf der Bürgerversammlung im Saal des Spirklwirt

Aktivkohlefilter, abgepacktes Wasser: Wie wohl in jeder vom PFOA-Problem betroffener Kommune geht es ums Geld. „Wer zahlt dafür?“ Diese Frage stand auch auf der Bürgerversammlung in Kastl im Raum. Bürgermeister Gottfried Mitterer erklärte, dass man einen Forderungskatalog an die vier ausländischen Firmen, die wohl in direktem Zusammenhang mit dem PFOA-Problem stehen, geschickt habe.

Die Gemeinde habe sich weiter einen Fachanwalt gesucht. Der werde entsprechende Vertragspapiere auf Herz und Nieren prüfen. Somit könne er noch keine genauen Angaben zur Kostenfrage machen, auch nicht, ob Trinkwasserkunden mit steigenden Kosten rechnen müssen. Fest stehe, dass die InfraServ GmbH der Vermittler in dieser Sache ist und auch das Engineering der Aktivkohlefilteranlage übernimmt.

Lesen Sie dazu auch: PFOA-Belastung des Trinwassers: Für Kastl und Tüßling führt kein Weg vorbei an der Aktivkohlefiltration

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