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Dr. Stefan Oster: „Es wird nichts zurückgehalten“

Passaus Bischof im Interview zum Missbrauchsskandal und die Zukunft der katholischen Kirche

H. H. Bischof Dr. Stefan Oster SDB
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Passaus Bischof Stefan Oster ist überzeugt, dass der Glaube der Weg in ein erfülltes Leben ist.

Die Zahl der Kirchenaustritte steigt auch in der Region. Obwohl keine Gründe genannt werden müssen, liegt die Vermutung nahe, dass es unter anderem an dem Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche liegt. Einer, der sich für Versöhnung und Aufarbeitung einsetzt, ist Passaus Bischof Dr. Stefan Oster. Innsalzach24.de hat mit ihm gesprochen.

Altötting/Passau - Sexueller Missbrauch, Vertuschung, veraltete Strukturen,... die Liste der Gründe, warum Menschen aus der katholischen Kirche austreten, ist vielfältig. Auch in Kolbermoor und Bruckmühl (Landkreis Rosenheim) beschäftigen die Austritte das Standesamt. Die Pfarrei Schwabering (Landkreis Rosenheim) fordert gar eine Reform der katholischen Kirche. Innsalzach24.de hat mit Passaus Bischof Dr. Stefan Oster über seine Bemühungen zur Versöhnung und zur Aufarbeitung der Probleme in der Kirche gesprochen.

Herr Bischof, die Osterzeit ist vorüber. Sie ist jedes Jahr der Punkt für einen Neuanfang. In der Fastenzeit nutzen die Gläubigen die Gelegenheit zur Einkehr und zum Verzicht, um dann an Ostern neu durchzustarten. Die Katholische Kirche benötigt auch einen Neuanfang, frei von Missbrauchs Skandalen und Zwängen. An welchem Punkt sehen Sie die Kirche da?

Wir haben als Kirche die letzten Jahre sehr viel gearbeitet, insbesondere im Bereich der Prävention auch in der Arbeit mit Betroffenen und für sie. Wir haben im Bistum einen Betroffenenbeirat und eine unabhängige Aufarbeitungskommission. Wir haben eine genaue Interventionsordnung, wenn Anschuldigungen kommen. Wir beziehen dann auch immer die Staatsanwaltschaft mit ein. Wir haben auf der Bundesebene ein System für Entschädigungszahlen eingerichtet, das sich an der staatlichen Schmerzensgeldzahlung orientiert, wir haben eine neue Ordnung für die Führung von Personalakten erarbeitet - und einiges mehr.

Sie sehen also: Wir sind dran. Aber ehrlich gesagt: Das Thema wird nicht aufhören. Wir sehen das ja auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen. Der Mensch an sich ist verwundet und verwundbar. Daher können wir immer wieder neu nur unser Bestes versuchen, zu verhindern, dass es passiert. Und uns so gut es geht um Betroffene kümmern. Denn tatsächlich ist jeder Einzelfall eine Katastrophe für die Betroffenen selbst zuerst - und für uns als Kirche, weil solche Taten so dramatisch dem Evangelium widersprechen.

Aber wir sind auch Weltkirche. Das heißt: Wo immer das Thema in anderen Ländern aufkommt, trifft es medial häufig auch uns in Deutschland. Das heißt auch: Es wird uns noch lange beschäftigen. 

Sie selbst kreiden die Vertuschung an, die über Jahre stattgefunden hat und nehmen sich nicht aus, Fehler begangen zu haben. Wie ist die Reaktion der Gläubigen, aber auch vor allem der Betroffenen darauf? Haben Sie den Eindruck, dass sich auch die Betroffenen der Kirche wieder öffnen?

Ich denke, mein Fehler besteht vor allem darin, die Gesamtdimensionen unterschätzt zu haben. Wenn ich in unsere Geschichte der letzten Jahrzehnte seit dem Krieg schaue, dann sehe ich, dass es in Einzelfällen wirklich schlimm war. Und eben häufiger als von mir ursprünglich angenommen. Aber tatsächlich sind aktuelle Fälle zahlenmäßig und von der Schwere der Tat in meiner Amtszeit von acht Jahren sehr überschaubar.

Das heißt: Ich hoffe, dass unsere Maßnahmen greifen. Zudem ist in mir auch im Lauf der Jahre eine Sensibilität für den systemischen Charakter des Missbrauchs gewachsen. Das habe ich auch nicht richtig eingeschätzt. Denn ja, wir haben Strukturen, die Missbrauch begünstigen können. Auch da habe ich dazu gelernt. Und wir sind wirklich dran hier etwas zu verändern.

Außerdem: Es geht viel um Verantwortungsträger. Aber ich glaube, ein Lernfeld wird auch sein, dass es um ein Hinschauen von allen Menschen geht. Denn wenn wir ehrlich sind: Gerade auch in unserem ländlichen Raum passiert Missbrauch nicht nur im Bereich der Kirche, sondern auch in vielen anderen Bereichen und sehr häufig haben Menschen irgendwas gewusst, aber eben nichts gesagt oder die Dinge zugedeckt, um keinen Skandal draus werden zu lassen. Es ist ein Lernfeld für uns alle.

Unter den Betroffenen gibt es Menschen, die im Verhältnis zur Kirche heute quasi weg sind, nichts mehr anfangen können oder aus verständlichen Gründen auch gegen die Kirche arbeiten. Ich kenne aber auch Menschen, die obwohl sie Schlimmes erlebt haben, sagen: Gerade mein Glaube hat mir geholfen, das Ganze durchzustehen. Einer meinte: Mein Täter war es nicht wert, mir meinen Glauben zu nehmen. Da gibt es also auch versöhnte Biographien, die mich sehr beeindrucken. 

Natürlich ist es bis zur Vergebung ein langer Weg, Vergessen werden diese Vergehen wahrscheinlich nie. Aber was kann die Kirche jetzt tun, um von den Betroffenen Vergebung zu erlangen? Wie kann ein Neuanfang der Kirche aussehen?

Zunächst: Ich bin für eine sehr entschiedene Offenheit. Wenn wir diejenigen, die die Aufarbeitung unabhängig verantworten, an unsere Archive lassen, wird nichts zurückgehalten. Ich glaube wirklich, dass die Wahrheit ans Licht kommen soll - weil eben das Voraussetzung ist für Neuanfang oder einzelne Neuanfänge.

Wir versuchen auch mit dem Blick auf die Betroffenen das unsere zu tun. Ich habe nicht wenige intensive Gespräche mit Betroffenen geführt, die mich immer sehr bewegen - und die oft auch oder hoffentlich auch im Herzen von Betroffenen etwas bewirken. Wir geben Hilfestellungen, bieten Begleitung an, übernehmen häufig Therapiekosten und anderes mehr. Ob einzelne Betroffene dann in das finden, was Sie einen „Neuanfang“ nennen, wünsche ich mir sehr - vor allem auch für sie.

Denn ich glaube wirklich, dass das, was die Kirche im Innersten ausmacht, ist der Glaube, dass der auferstandene Christus da ist. Und wenn der einmal ein Herz berührt, dann ist das erfahrungsgemäß für sehr viele Menschen ein Schritt in das, was wir das Heil nennen. Ein Heil, das schon hier und jetzt beginnen kann.

Vor allem das Vertuschen stößt bei vielen Menschen auf Unverständnis. Zahlreiche Kirchenaustritte sprechen eine eindeutige Sprache. Wie kann die katholische Kirche glaubhaft versichern, dass sich in diesem Punkt etwas ändern wird?

Hier kann ich auf das verweisen, was ich in der ersten Frage gesagt habe: Wir haben in den letzten Jahren viel gearbeitet. Und ich möchte wirklich zusagen, dass in meiner Zeit nicht vertuscht worden ist. Es gibt auch niemanden, von dem wir Kenntnis hätten, der irgendwie unbehelligt oder ohne Sanktion einfach weitermachen könnte.

Das Problem ist: Wenn neue Erkenntnisse über ältere Fälle aufkommen, dann sieht das halt in den Medien sehr aktuell aus, weil es jetzt erst rauskommt. Aber die Fälle liegen dann oft Jahrzehnte zurück. Und ja, damals ist vertuscht worden. Und daher entsteht der Eindruck, das sei heute noch der Fall. Ich kann ihnen aber zusagen: Vertuschung passiert nach meiner Kenntnis seit inzwischen vielen Jahren nicht mehr.

Glaube und Kirche hat viel mit Tradition zu tun, Tradition kann alt und verstaubt werden, wie kann man das aus Ihrer Sicht beleben und dennoch die wichtigen Werte behalten?

Zunächst: Die Kirchen und der christliche Glaube haben ja seit vielen Jahrzehnten die Herausforderung von säkularen Gesellschaften. Und gleichzeitig leben wir unser Kirche-sein immer noch so, als würde das Hineinfinden in den Glauben wie selbstverständlich passieren, weil es halt immer so funktioniert hat in einer volkskirchlich geprägten Biographie. Heute merken wir aber längst, dass das nicht mehr so greift. Und Skandale um Macht, Missbrauch oder Finanzen beschleunigen dann so eine Entwicklung.

Es geht aber letztlich auch nicht einfach um das Verhältnis von Tradition und Werten, sondern um ein Hineinfinden in ein persönliches Glaubens- und Vertrauensverhältnis zu Jesus Christus. Daran hängt eigentlich alles. Und dafür müssen wir Wege finden, wie das heute gelingt.

Für mich ist klar: Automatisch geht da gar nichts mehr. Dafür aber sehr viel über die Qualität persönlicher Beziehungen zu gläubigen Menschen. Es geht also immer um das persönliche Zeugnis: Wie hilft mir mein Glaube, besser, tiefer, freudvoller zu leben - und gleichzeitig wirklich auch die anderen Menschen zu achten und für sie da zu sein.

Ich bin immer noch überzeugt: Der Glaube ist der Weg in ein erfülltes Leben. Und diese Erfüllung gibt dann Gott selbst und nicht einfach „die Kirche“ oder „der Pfarrer“ oder „der Bischof“, sondern die Erfahrung, im Innersten des Herzens einen Anker, einen Boden zu haben, der wirklich eine lebendige und gegenwärtige Person ist.

Vielen Dank für das Gespräch.

cz

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