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Amtsgericht Altötting fällt Urteil zu Tragödie bei Kay

„Katastrophe für alle“ – Traumatisierte Frau (21) leidet nach tödlichem Unfall schwer unter ihrer Schuld

Kerzen nahe der St2105 bei Kay/Tittmoning. Hier verstarben am Dienstagabend zwei Jugendliche im Alter von 16 und 17 Jahren bei einem Frontalunfall.
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Kerzen nahe der St2105 bei Kay/Tittmoning. Hier verstarben an einem Dienstagabend zwei Jugendliche im Alter von 16 und 17 Jahren bei einem Frontalunfall.

Am Amtsgericht Altötting fiel am 15. Dezember das Urteil über die Tat einer jungen Burghauserin: Sie war im Herbst 2021 Verursacherin eines tragischen Unfalls bei Tittmoning, bei dem ein 16-Jähriger und sein Freund (17) verstarben.

Altötting, Burghausen, Tittmoning – Am 16. Dezember musste eine 21-jährige Burghauserin im Amtsgericht Altötting die wohl schlimmsten Sekunden ihres Lebens revue passieren lassen. Am Ende der fast vierstündigen Verhandlung zog Richter Dr. Kramer das Jugendstrafrecht für das Urteil heran: Wegen fahrlässiger Tötung von zwei Menschen und fahrlässiger Gefährdung des Straßenverkehrs wurde die junge Frau zu 1,5 Jahren Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt. Von Auflagen sah das Gericht ab, die Fahrerlaubnis wird ihr für 12 Monate entzogen.

„Eigenes Leben erheblich belastet“

Richter Dr. Kramer hob zwar die Schwere der Schuld hervor, berücksichtigte aber, dass sich die 21-Jährige gänzlich einsichtig und geständig gezeigt hatte. Eine falsche Sekundenentscheidung habe zu einem schrecklichen Unfall geführt. „Eine Katastrophe für alle Betroffenen. Auch Ihr eigenes Leben ist ganz erheblich belastet“, stellte Dr. Kramer fest und riet dringend zu therapeutischer Aufarbeitung des Geschehnisses. Nebenkläger der Staatsanwaltschaft waren die Eltern der verstorbenen Jugendlichen. Während ein Ehepaar sich dem Prozess noch nicht aussetzen konnte und von einer Anwältin vertreten wurden, saßen die Eltern des Motorradfahrers im Gerichtssaal.

Eltern wollen keine Strafe für Unfallfahrerin

Nach dem Unfall habe die Unfallverursacherin einen Brief an die beiden Elternpaare geschrieben und um Gespräche gebeten. Die Eltern des Motorradfahrers waren dem nachgekommen und zeigten auch während der Verhandlung großes Mitgefühl für die junge Frau, die sich unter Tränen mehrmals für ihre Tat entschuldigte. „Ich will nicht, dass ihr Leben durch diesen Unfall zerstört wird. Es ist genug passiert. Wir wollen keine Strafe für sie“, sagte die Mutter des Motorradfahrers kurz nach der Verhandlung. Der Verteidiger des Elternpaares hatte die Strafe dem Ermessen des Gerichtes überlassen. Das Gespräch mit der jungen Frau habe dem Elternpaar bei der Aufarbeitung geholfen, betonte er bei seinem Plädoyer.

Mandantin geht hart mit sich selbst ins Gericht geht

Auch der Verteidiger der Täterin, Walter Holderle, hob die große menschliche Geste der Eltern des verstorbenen 16-Jährigen hervor. „Es ist eine überaus schlimme Geschichte, mit der meine Mandantin zu kämpfen hat und bis heute nicht fertig geworden ist. Sie will sich nirgends rausreden. Es war eine Sekundenentscheidung die furchtbares Unheil gebracht hat.“ Die junge Frau wisse genau, wie sehr die Zeugen und alle Beteiligten unter den Unfallfolgen leiden. Auch er, stellte als Verteidiger die Strafe ins Ermessen des Gerichts: „Weil meine Mandantin geht härter mit sich selbst ins Gericht geht, als das Gericht.“

Zum Unfallgeschehen

Am 21. September 2021 war die damals 20-jährige Schülerin mit ihrem VWGolf auf der Staatsstraße 2105 Richtung B20 unterwegs – als Letzte hinter einer Autokolonne von vier Fahrzeugen. Es dämmerte bereits stark als sie auf Höhe des Fußballplatzes Kay zum Überholen der vier Fahrzeuge ansetzte. Laut dem Gutachten des Sachverständigen Frank Schmidinger musste die Burghauserin dazu schon vor Aufhebung der 80km/h-Beschränkung beschleunigen. Im Gutachten errechnete er eine Maximalgeschwindigkeit von etwa 150 km/h. Den entgegenkommenden Leichtkraftrad sah die Schülerin nicht. „Hätte ich ihn gesehen, hätte ich bestimmt nicht überholt“, sagte sie. Sie sei gerade vom Reiten gekommen und wollte schnell nach Hause, um noch etwas für die Schule zu machen. Sie habe gedacht es wäre eine „unverdächtige Strecke“.

„Hätten auch Kerzen sein können“

Was dann folgte wurde vor Gericht durch drei Zeugenaussagen und dem Sachverständigen nachgezeichnet: Die Fahrerin des vierten Wagens in der Kolonne sagte, das Drängeln des PKWs hinter ihr, habe sie irritiert. Sie habe ein Licht auf der Gegenfahrbahn wahrgenommen, konnte aber die Distanz nicht zuordnen. „Es hätten auch Kerzen am Fahrbahnrand sein können. Als Fahrzeug konnte ich es nicht wahrnehmen“, so die Zeugin. Die Flutlichtanlage des nahen Fußballplatzes habe die Sicht erschwert. Auch der Fahrer des zweiten Autos in der Kolonne gab an, ein Licht auf der Gegenfahrbahn gesehen zu haben, und auch er konnte nicht zuordnen, worum es sich handelte. Er kannte die Strecke und sagte, dort werde oft gefährlich überholt.

Flutlichtanlage und Alleebäume störten die Sicht

Wie die Fahrerin des ersten Kolonnenautos berichtete auch der Lenker des dritten PKWs von „wahnsinnigen hellen Strahlern“. Ein Licht auf der Gegenfahrbahn habe er nicht gesehen. Er habe nur einen lauten Knall gehört und dann seien ihm Trümmer entgegenkommen. Die Zeugen berichteten von schockierenden Bildern. Die jungen Männer auf dem Motorrad seien unverzüglich nach dem Unfall verstorben. „Sie hatten keine Chance“, sagte der Sachverständige. „Auch wenn die Beschuldigte nur mit 100 km/h gefahren wäre, war die Überlebenschance der Burschen bei Null.“ In der langen Linkskurve wirkten sich die Bäume am Fahrbahnrand sichtbehindernd aus, und wegen eines anderen Winkels sei vor allem die Sicht eines überholenden Autos behindert.

„Der Moment, wo man seinen Augen nicht glaubt“

„Aber auch für den Motorradfahrer was es schwer etwas zu sehen“, so der Sachverständige. Dem 16-Jährigen sei ein Scheinwerfermeer entgegengekommen und die Einordnung ob ein Auto überhole, müsse wohl auch ihm schwergefallen sein. „Er hatte wahrscheinlich nicht mehr als eine halbe Sekunde und begann noch zu bremsen. Das ist der Moment, wo man seinen Augen nicht glaubt, und es reicht nur noch für einen Reflex. Mehr nicht.“ Der Unfallsachverständige bemängelte die Sitte „noch immer“ Alleebäume zu pflanzen. „Wenn wir in die Bäume am Straßenrand die Namen der Unfalltoten einritzen würden, stände an Baum mindestens ein Name.“ Ein Überholverbot an der Stelle würde er eindeutig befürworten, sagte Schmidinger. Laut einem Zuschauer im Publikum sei dieses ist „inzwischen durch.“

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